Kronach
Grenzerfahrung

Wenn jede Sekunde zählt

Bei ihrer Arbeit geht es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Dabei gehen die Notärzte im Landkreis Kronach regelmäßig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
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Hubertus Franz (von links) und Sascha Vogel sind als Notärzte im Landkreis Kronach unterwegs. Andreas Kristek leitet stellvertretend den BRK-Rettungsdienst in Kronach.  Foto: Sandra Hackenberg
Hubertus Franz (von links) und Sascha Vogel sind als Notärzte im Landkreis Kronach unterwegs. Andreas Kristek leitet stellvertretend den BRK-Rettungsdienst in Kronach. Foto: Sandra Hackenberg

Im einen Moment ist noch alles ruhig, im nächsten geht es um nicht weniger als um Menschenleben. Alltag für Hubertus Franz, der als Notarzt für das Bayrische Rote Kreuz (BRK) im Landkreis Kronach unterwegs ist - für den 58-Jährigen ein Traumberuf. "Schon als kleiner Bub wollte ich Notarzt oder Anästhesist werden", erzählt Franz. Geworden ist er beides. Nach vielen Jahren im Krankenhaus hat Franz vor acht Jahren seinen Hauptberuf gewechselt. "Und ich würde es immer wieder tun", betont der Mann in der neonorangenen Einsatzkleidung.

Von seiner Arbeit hängen jedes Mal Menschenleben ab. Wenn der "Piepser" Alarm schlägt, zählt jede Sekunde. "Wird der Notarzt hinzugezogen, ist Eile geboten. Dann liegt eine vitale Bedrohung vor." Die Notärzte rücken im Kreis Kronach im Schnitt 2800 Mal im Jahr aus. Auch, wenn Franz über viel Erfahrung verfügt: "Ein Einsatz ist nie Routine." Herzbeschwerden, Schlaganfälle, Autounfälle - die Gründe sind bunt gemischt.

"Zwei Drittel der Patienten sind ältere Menschen", berichtet Franz. "Doch natürlich haben wir auch Notfälle, bei denen Kinder oder Neugeborene betroffen sind. Davor hat man dann schon großen Respekt." Geht eine Alarmierung ein, erhalte der Notarzt erst einmal nur eine Adresse. "Die weiteren Infos kommen später. Man weiß am Anfang nie, was einen am Einsatzort erwartet."

Die Abwechslung reizt auch seinen Kollegen Sascha Vogel, hauptberuflich leitender Oberarzt in der Anästhesie im Kronacher Helios Klinikum: "Von neurologisch über chirurgisch bis zu internistischen Notfällen ist alles dabei."

Hinzu kommen mitunter kuriose Einsatzorte, wie jüngst die Alarmierung in einen Kinosaal: "Es lief der Film Captain Marvel, als es plötzlich einen Notfall in der dritten Reihe gab. Ein Mann war unterzuckert und tief bewusstlos. Wir haben dem Patienten während der Vorstellung und fast unbemerkt von den anderen Zuschauern über eine Nadel Glukose zugeführt. Es ging ihm relativ schnell besser, sodass er sogar noch das Ende vom Film anschauen konnte."

Vogel, der eigentlich BWL studieren wollte, bevor er im Rahmen seines Zivildienstes zum Kronacher BRK kam, kann sich noch gut an seine Anfänge als Notarzt erinnern: "Bei einem meiner ersten Einsätze war der Patient ein guter Freund von mir, der vom Gerüst gefallen ist." Zwar ist der Freund inzwischen wieder gesund. Aber: "Das ist natürlich eine besondere Situation, die man sich nicht wünscht."

Der Tod ist ständiger Begleiter. "Es passiert leider regelmäßig, dass Menschen während oder nach den Einsätzen sterben", bestätigt Vogel. Umso wichtiger sei es, eine emotionale Distanz zu der jeweiligen Situation aufzubauen.

Nichts für sensible Seelen

Doch auch Notärzte sind nur Menschen: "Wir besprechen solche Dinge meistens untereinander mit den Kollegen", erklärt Franz. "Fachfremde Menschen können es oft nicht erfassen, was für Eindrücke wir am Unfallort bekommen."

Wer zu sensibel ist, stehe den Beruf dauerhaft nicht durch. "Außerdem müssen wir als Respektspersonen auftreten, die eigenverantwortlich handeln und jederzeit bereit sind, eine Entscheidung zu treffen."

Ist der Einsatz beendet, erhalten die Notärzte keinen Abschlussbericht. "Umso schöner ist es, wenn wir im Nachhinein doch mal eine Rückmeldung bekommen und erfahren, dass der Patient über dem Berg ist", erzählt Franz. "Wenn jemand sagt ,Sie haben mir das Leben gerettet‘, dann ist das mit keinem Geld der Welt zu bezahlen und unsere Motivation, weiter unser Bestes zu geben", stimmt Vogel zu.

Notärzte am Limit: Mangel macht sich auch im Kreis Kronach bemerkbar

uptberuflichen Notärzte im Landkreis Kronach. "Als ich vor acht Jahren angefangen habe, waren wir noch fünf Kollegen, die im Bereich Steinwiesen im Dienst waren", erinnert sich der 58-Jährige. "Heute bin ich der lonesome Doctor (einsame Notarzt)."

Diese Entwicklung ist sinnbildlich für den Ärztemangel, der vor allem in ländlichen Regionen, wie dem Kreis Kronach, Einzug hält. "Das ist leider der allgemeine Trend", sagt Franz. "Selbst die Krankenhäuser haben es inzwischen schwer."

Auch Notärzte seien von dem Mangel betroffen. "Manchmal kann es passieren, dass von fünf Standorten nur zwei mit einem Notarzt besetzt sind", berichtet der stellvertretende BRK-Rettungsdienst-Leiter Andreas Kristek.

Bei Notrufen aus entlegeneren Teilen des Landkreises gehe es oft schneller, einen Rettungshubschrauber als Notarztzubringer anstelle des bodengebundenen Notarztes loszuschicken. Der Christoph 20 aus Bayreuth benötige zwölf Minuten, Orte im nördlichen Kreis kann der Christoph 60 aus Suhl in bis zu acht Minuten erreichen. Besonders angespannt sei die Lage tagsüber unter der Woche, "weil da viele unserer Notärzte in Kliniken oder ihren Praxen arbeiten", erklärt Kristek

Einer von ihnen ist Sascha Vogel. Der 38-Jährige ist Leitender Oberarzt der Anästhesie im Kronacher Helios Klinikum. "Ich fahre die Notarztdienste in meiner Freizeit. Das sind noch mal etwa 100 Stunden im Monat", erzählt der Familienvater.

Vogel mag die Abwechslung und sieht seine Arbeit als Notarzt eher als Hobby. "Aber viele Kollegen arbeiten in ihrem Hauptberuf bereits am Anschlag." Die Tätigkeiten und die Belastung in der Klinik oder der eigenen Praxis sind vielfältiger als noch vor einigen Jahren", schildert Vogel die Situation. Gleichzeitig sei die Aus- und Weiterbildungspflicht sinnvollerweise verschärft worden. Vielen angehenden Notärzten seien diese Hürden aber einfach zu hoch.

"Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre es, mehr Ärzte zum Studium zuzulassen", findet Hubertus Franz. Problematisch ist laut dem erfahrenen Notarzt auch, dass die Vergütungsmodelle für Rettungsdienste noch immer Ländersache sind und es hier deutliche Unterschiede gibt. "Die ehemaligen Zonenrandbezirke haben es wegen der schlechteren Bezahlung schwer, Notärzte zu bekommen. Hier müssten einheitliche Voraussetzungen geschaffen werden."

Bis dahin heißt es beim Kronacher BRK weiter improvisieren."Unsere Mitarbeiter sind glücklicherweise sehr flexibel", sagt Kristek. Dem stimmen die beiden Notärzte zu.

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