Posseck in Bayern
Brauchtum

Wenn eine Ziege in Posseck Haare lassen muss

Jeder Mann, der nach Posseck einheiratet, muss "die Gaaß scheren". Der alte Brauch, den es seit dem Jahr 1401 gibt, wird auch heute noch gepflegt.
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Sebastian "Wastl" Neder schert die Gaaß. Mit im Bild Zunftmeister Martin Prechtl (Mitte) und Freyherr von Saufbach (Roland Völk).Fotos: privat
Sebastian "Wastl" Neder schert die Gaaß. Mit im Bild Zunftmeister Martin Prechtl (Mitte) und Freyherr von Saufbach (Roland Völk).Fotos: privat
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Sebastian "Wastl" Neder aus Gifting wusste, was ihm heuer blüht, wenn er die Posseckerin Nina Pfadenhauer heiratet und zu ihr in das knapp 200 Einwohner zählende Nachbardorf zieht: Er musste am Abend seiner Hochzeitsfeier "die Gaaß scheren" (einer Ziege Haare abschneiden), so wie das schon etliche Männer, die seit dem Jahr 1401 eine Frau aus Posseck freiten, getan haben.

Richtig gelesen: Das Ritual wird schon seit 617 Jahren praktiziert. Damals, am 1. Januar 1401, unterzeichneten drei Adlige eine Verordnung, die besagt, dass ein Mann, der nach Posseck einheiratet, seine Fähigkeiten im Umgang mit Tieren und seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellen muss. Die drei Unterzeichner der Urkunde, die im Staatsarchiv Bamberg aufbewahrt wird, waren Freyherr Quirtelburg, Graf von Schlegel und Freyherr von Saufbach. Die drei edlen Herren bestimmten, dass am Abend der Hochzeit des Einheiratenden drei Herren in Frack und Zylinder beim Festmahl erscheinen und den Bräutigam eine Geiß scheren lassen. Der Zunftmeister, das ist derjenige, der zuletzt die Geiß geschoren hat, bringt die Schere dazu mit und unterweist den Geißscherer in der Kunst, der Ziege die Rückenhaare vom Kopf bis zum Schwanz zu entfernen. Wenn der Bräutigam die Prozedur mit Erfolg durchgeführt hat, ist er der neue Zunftmeister, muss die Schere mit Baum-Öl geschmeidig und scharf halten und bis zum nächsten Einsatz aufbewahren. "Und sollte es 30 oder 40 Jahre dauern...", bestimmten die drei Unterzeichner der Urkunde jedes Detail.

Damit nichts falsch gemacht wird, verliest Freyherr Quirtelburg bei jedem Gaaßscheren eine Abschrift der Originalurkunde. Darin ist auch festgelegt, dass eine Geiß im Alter von drei Jahren geschoren werden muss. Auf keinen Fall darf es ein Bock sein. Das wäre hinsichtlich der Geruchsbelästigung eine Zumutung für die Hochzeitsgesellschaft. Ausdrücklich festgestellt wird von den Posseckern auch, dass das Gaaßscheren keine Schande, sondern ein uralter Brauch ist. Durch das Scheren erwirkt der Neubürger das Gemeinderecht, denn die Gemeinde konnte früher die Aufnahme ins Dorf verweigern und Heiratsgesuche ablehnen, weil man darauf bedacht war, eine gesunde und leistungsfähige Bürgerschaft zu haben.

Auch den Ausklang des Rituals, nachdem die Geiß geschoren ist, bestimmten die drei Adligen zu Beginn des 15. Jahrhunderts genau: "Und endlich wird das Zunftfest mit einem sechseimerigen Faß guten Bieres und einem Eimer Branntwein und auch einer guten Abendkollation Fleisch und Brot und meinetwegen noch was Besserem in Freud und Einigkeit beschlossen werden!"

Dass Freyherr Quirtelburg, Graf von Schlegel und Freyherr von Saufbach mit ihrer Einschätzung "... und sollte es 30 bis 40 Jahre dauern..." gar nicht so falsch lagen, zeigten die folgenden über 600 Jahre. Denn meistens heirateten die Töchter eines Landwirts in ein anderes Anwesen ein, einer der Söhne führte den Hof weiter. Keine Chance also für Gaaßscherer. Nur wenn eine Tochter den Hof übernahm und ihr ein Herr von außerhalb den Hof machte, wurde ein neuer Gaaßscherer gekürt. Das konnte dauern und die drei Fräcke sowie die dazugehörigen Zylinder verstaubten in den Schränken.

Ein Blick in die vergangenen sieben Jahrzehnte zeigt, dass es gar nicht so viele Gaaßscherer in Posseck gab. Josef Lang und Heinrich Bayer sind bereits verstorben. Der älteste noch lebende Gaaßscherer ist Ludwig Hofmann, der die Schere im Jahr 1960 in die Hand nahm. Der alte Brauch wurde auch nicht über Posseck hinaus bekannt, weil nichts in der Zeitung darüber stand. Anders 18 Jahre später. Erst 1978 konnte Ludwig Hofmann die Schere an Toni Prechtl übergeben, der damit neuer Zunftmeister wurde. Auch in den folgenden Jahrzehnten waren die Zunftmeister dünn gesät, die Schere musste oft mit Baum-Öl eingerieben werden, damit sie keinen Rost ansetzte. Doch vor Kurzem kam sie erneut zum Einsatz.

Nina Pfadenhauer und Sebastian "Wastl" Neder waren selbstverständlich mit der Fortsetzung des alten Brauchs einverstanden. So durften Dietmar Zwosta als Freyherr Quirtelburg, Thomas Bayer als Graf von Schlegel und Roland Völk als Freyherr von Saufbach ihre Fräcke aufbügeln lassen. Weil der letzte Zunftmeister Egbert Martin aus terminlichen Gründen nicht an der Zeremonie teilnehmen konnte, übernahm Martin Prechtl, Sohn des Zunftmeisters von 1978, diese ehrenvolle Aufgabe. Aber man brauchte ja noch eine Geiß. In Posseck gab es schon seit einer gefühlten Ewigkeit keine "Kuh des kleinen Mannes" mehr. Auch in den umliegenden Dörfern war keine Ziege aufzutreiben. Schließlich wurde man bei Andreas Schorn aus Welitsch fündig. Der stellte seine Ziege bereitwillig zur Verfügung, auf dass ihr kein Haar gekrümmt werde. Naja, ein paar Haare mussten schon dran glauben. So ganz genau nahmen es die Possecker nicht mit der Vorschrift anno 1401, denn statt das Tier mit einer Schur vom Kopf bis zum Schwanz zu entstellen, werden seit Jahrzehnten nur ein paar kleine Haarbüschel im Nacken abgeschnitten. Und die Welitscher Ziege war ganz brav und verlor auch nichts. Es soll nämlich schon Vierbeiner gegeben haben, die aufgrund der ungewohnten Situation vor dem Brautpaar Körperflüssigkeit und Lorbeeren entweichen ließen.

Die Possecker sind also ganz stolz auf ihre Gaaßscherer. Das zeigt sich auch im Namen ihrer Theatergruppe "Possiche Gaaßscherer", die das Publikum mit vielen Aufführungen zum Lachen brachte und den Erlös für das Gemeinwohl spendete.



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