Kronach
Interview

Warum Weihnachten wie eine Nuss ist

Pater Helmut Haagen und Pfarrer Christoph Teille lieben die Weihnachtszeit - nur vielleicht nicht in der Form, wie sie sie seit einigen Jahren erleben. Sie würden sich freuen, wenn eine andere Seite des Fests wieder in den Vordergrund rückt.
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Noch ist die Krippe leer, die Pater Helmut Haagen (links) und Pfarrer Christoph Teille in der Klosterkirche Kronach nach ihrem Gespräch begutachteten. Am Heiligabend wird sich daran allerdings etwas ändern. Foto: Marian Hamacher
Noch ist die Krippe leer, die Pater Helmut Haagen (links) und Pfarrer Christoph Teille in der Klosterkirche Kronach nach ihrem Gespräch begutachteten. Am Heiligabend wird sich daran allerdings etwas ändern. Foto: Marian Hamacher

Die Begrüßung ist herzlich. "So wie Sie müsste eigentlich ich aussehen", sagt Pater Helmut Haagen und lässt ein freundliches Lächeln folgen. Während sich der Pfarradministrator für den Pfarreienverbund Pressig, Posseck, Rothenkirchen für Hemd und graues Sweatshirt entschieden hat, erscheint sein evangelischer Kollege Christoph Teille im violetten Kollarhemd mit dem markanten weißen Kragen. "Das kommt noch aus meiner Zeit in den USA, da trugen das die meisten Pfarrer", erzählt der 54-Jährige.

Aus den USA nach Kronach

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Denn bevor der gebürtige Hannoveraner 2012 die evangelische Kirchengemeinde Weißenbrunn und Hummendorf übernahm, war er achteinhalb Jahre lang im US-Bundesstaat Pennsylvania tätig. Hagen (62) leitet sogar schon seit 2001 den Pfarreienverbund Pressig, Posseck, Rothenkirchen - getroffen haben sich die beiden aber bisher noch nie. Zeit, beide einmal an einen Tisch zu bringen. Zeit, für eine weihnachtliches Doppel-Interview. Wir nähern uns Heiligabend - für viele der Höhepunkt der Weihnachtszeit. Welche Bedeutung hat Weihnachten für Sie?

Christoph Teille: Für mich war Weihnachten schon immer die schönste Zeit des Jahres. Man denkt darüber nach, dass man sich ja eigentlich mehr um seine Verwandten und Freunde kümmern müsste. Nur kommt die Weihnachtszeit durch den vielen Stress, den man als Pfarrer dann hat, zu kurz. Helmut Haagen: Aber wir machen als Kirche doch den gleichen Fehler wie alle anderen. Wir hauen uns zu mit Terminen und verlieren die eigentlich ruhige Zeit völlig aus den Augen. Woran denken Sie da genau?

Haagen: Unter anderem an die gefühlt 50 Adventsfeiern. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe Priester, die gar keine Adventsfeiern mehr besuchen. Und dann habe ich eine Kirchenverwaltungssitzung nach der anderen. Alles muss zwischen dem 1. und 24. Dezember sein, doch danach ist nichts mehr. Da liegen die Weihnachtsbäume alle schon wieder auf der Straße - dabei ist das kirchlich ja die eigentliche Weihnachtszeit. Also von Heiligabend bis zur Taufe Jesu am 13. Januar. Gerade dieser Zeitraum hat für mich die größte Bedeutung. Für mich bedeutet Weihnachten aber immer auch die Menschwerdung Gottes, das Zeichen: Man muss nicht perfekt sein! Ab Heiligabend dürfte die Zeit bei Ihnen noch einmal knapper werden, als an den 23 Tagen zuvor.

Haagen: Mit sechs Kirchengemeinden habe ich wirklich überall Gottesdienste. Aber es ist jetzt das erste Jahr, in dem ich mal nicht drei Christmetten habe, sondern nur zwei. Hinzu kommen dann noch zwei weitere Messen an den Weihnachtsfeiertagen. Teille: Ich bin froh, dass wir für die Südschiene unseres Dekanats entschieden haben, für den vierten Advent einen gemeinsamen Gottesdienst in Burkersdorf zu machen. Dann habe ich Heiligabend drei Gottesdienste und am ersten Weihnachtsfeiertag noch einmal zwei. Am zweiten Weihnachtsfeiertag haben wir dann einen Kanzeltausch, was für mich bedeutet, dass ich dann keine neue Predigt vorbereiten muss. Wissen Sie schon, was Inhalt Ihrer Predigt wird?

Haagen: Der schon angesprochene negative Zeitbegriff. Alles muss noch schnell gemacht werden. Ich will dann das Heute betonen: "Heute ist Christus geboren". Teille: Ich weiß es noch nicht ganz genau. Nutzen Sie eigentlich vorgefertigte Predigten, die ja Kirchen beider Konfessionen anbieten?

Teille: Solche Lesepredigten habe ich schon mal verwendet, aber meistens ändere ich die so ab, dass sie auf die Gemeinden passen. Doch inzwischen nehme ich oft auch ein Grundgerüst von den Weihnachtsfesten vorher. Gott kommt zu uns als Kind in der Krippe. Das ist das Leitthema, das Weihnachten natürlich immer vorkommen muss. Ich habe da aber auch ein ganz persönliches Anliegen. Nämlich?

Teille: Dass Jesus am Kreuz für unsere Sünden gestorben ist. Das kommt bei mir immer vor. Ich werde keine Weihnachtspredigt damit beenden, dass das Kind geboren ist. Es ist das Kind, das für uns ans Kreuz ging, um uns mit Gott zu versöhnen. Das ist mir wichtig!

Haagen: Das sehe ich genauso. Viele bleiben bei der Menschwerdung, beim Kleinkind, stehen. Das sollte man wirklich nicht machen. Ausreichend viele Zuhörer dürften Sie haben. Voller als an Heiligabend sind die Sitzreihen wahrscheinlich nicht.

Haagen: Ja, da sind die Kirchen voll. Aber schon an den Weihnachtsfeiertagen lichten sich die Reihen gravierend. Fragt man sich da als Geistlicher: "Und wo seid ihr den Rest des Jahres?"

Teille: Man sieht von vorne schon, dass da einige mit dem Gesangsbuch zu kämpfen haben, weil sie den Umgang damit nicht mehr gewohnt sind. Klar: Das fällt auf. Eigentlich macht der, der nur Weihnachten und Ostern in die Kirche kommt, etwas verkehrt. Warum?

Teille: Weil es ihm wahrscheinlich nicht um den theologischen Hintergrund geht. Nicht um das, was wir Weihnachten feiern. Aber grundsätzlich verkünde ich natürlich das Evangelium und je mehr Menschen es hören, desto besser. Es gibt in meinen Weihnachtspredigten auch immer die Einladung, häufiger in die Kirche zu kommen. Denn die Gemeinschaft des Glaubens ist ein Fest!

Haagen: Ich habe es schon erlebt, dass in Predigten die Moralkeule ausgepackt und von U-Boot-Christen gesprochen wurde. Für mich ist der Heiligabend da recht dankenswert. Es ist ja eine Chance, die Leute mit einer guten Predigt zu treffen. Aber man muss natürlich dann auch eine Punktlandung hinlegen.

Wie kirchlich ist Weihnachten überhaupt noch?

Teille: Wenn Weihnachtsmärkte schon am Freitag vor dem ersten Advent starten und nicht erst am Ewigkeitssonntag, ist das sicher eine Entwicklung, die zeigt, dass Weihnachten doch etwas entkirchlicht ist.

Haagen: Das kann man vielleicht mit einer Nuss vergleichen. Das Drumherum, wie die Adventsmärkte und andere Traditionen, sind wichtig, um den Kern, die Botschaft der Menschwerdung Jesu, zu schützen. Aber manchmal ist die Hülle so mächtig, dass man an den Kern nicht mehr herankommt. Und manchmal ist der Kern gar nicht mehr da, sondern nur noch die hohle Nuss. Bleibt zwischen Adventsfeier und Christmette noch ausreichend Zeit für die Seelsorge?

Teille: Es ist schwer, aber diese Zeit muss man sich einfach nehmen. Ich hatte jetzt erst ein Trauergespräch, das funktioniert also schon. Wie werden Sie Weihachten feiern, wenn der Heiligabend berufsbedingt ausfällt?

Haagen: Ich feier ganz bewusst mit meinen Mitbrüdern abends am ersten Weihnachtsfeiertag. Da sitzen wir zusammen, es gibt keine großen Geschenke, nur eine kleine Aufmerksamkeit. Ich nehme aber auch bewusst Feste wahr, bei denen ich nicht Akteur sein muss. Etwa am zweiten Weihnachtsfeiertag in Teuschnitz beim abendlichen Konzert mit Lichterfeier. Da bin ich beim Gottesdienst einfach nur dabei und komme dadurch auch zur Ruhe. Teille: Geht mir ganz genauso. Durch Gottesdienste, zu denen ich nichts beitragen muss, kann man mich wunderbar beschenken. Man muss als Pfarrer für sein privates Weihnachten eine Nische finden. Meine Familie veranstaltet ein großes Weihnachtsfest für die Familie. Und weil ich Heiligabend nun einmal ran muss, haben wir das bereits am 22. Dezember gemacht.

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