Kronach
Interview

Warum sich Kronachs neuer Pfarrer Achim Gerber über Regen besonders freut

Neun Jahre lang lebte Achim Gerber mit seiner Familie in Namibias Hauptstadt Windhuk. Im Gespräch mit dem Fränkischen Tag erzählt der neue Kronacher Pfarrer, was seine Gemeinde von ihm erwarten darf und was er in Afrika gelernt hat.
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Am Sonntag wird Achim Gerber in der Kronacher Christuskirche als neuer  Pfarrer der  evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde eingeführt. Foto: Marian Hamacher
Am Sonntag wird Achim Gerber in der Kronacher Christuskirche als neuer Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde eingeführt. Foto: Marian Hamacher

Wenn Achim Gerber bisher ein Gemeindemitglied besucht hat, konnte es schon einmal etwas dauern. Neun Jahre lang war der gebürtige Ansbacher in Namibia Pfarrer der deutschsprachigen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Windhuk. Und zu der gehörten auch Farmen, die ein paar Hundert Kilometer entfernt sind. Künftig werden Gerbers Wege wieder um einiges kürzer werden. Am Sonntag wird der 51-Jährige in der Christuskirche als Nachfolger von Martin Gundermann als neuer Kronacher Pfarrer eingeführt. Haben Sie den Umzug gut überstanden? Sind schon alle Kartons ausgepackt?

Achim Gerber: Der Umzug dauert bei so einer Distanz natürlich. Aktuell warten wir noch auf einen Container, in dem die Hälfte unseres Hab und Guts ist, Die andere Hälfte müssen wir uns dann nach und nach hier anschaffen. Am Sonntag stehen Sie nach neun Jahren erstmals vor einer neuen Gemeinde. Verspüren Sie so etwas wie Aufregung?

Es geht eigentlich. Es ist natürlich immer ein ganz besonderer Tag, wenn eine Gemeinde einen neuen Pfarrer bekommt. Dass es so präsent gefeiert wird, ist schon ein Privileg. Das hat man schließlich nicht in vielen Berufen. Viele meinen ja auch, dass die erste Predigt richtungsweisend sei. Ist sie es?

Naja, es ist schon eine Art Visitenkarte. Und da will ich natürlich eine ordentliche abgeben. Eine gute Vorbereitung ist da das A und O. Da ist es wichtig, eine gute Struktur zu haben und zu wissen, wohin man mit seiner Predigt will. Und wohin wollen Sie? Was kann die Gemeinde von Ihnen erwarten?

Eine christuszentrierte Predigt und Gottesdienstform. Denn letztlich ist es die Form, die den Inhalt transportiert. Kirche soll und muss missionarisch sein - nicht aufdringend, aber christusbezeugend. Das geschieht in vielen Formen, und ich greife die gerne auf. Die geistliche Musik hat hier in Kronach ja zum Beispiel durch Marius Popp einen exzellenten Stellenwert. Die zieht auch Leute an. Ich denke, ich kann schon mein Pfund mit einbringen, auch andere Formen zu gestalten. Aber immer nur mit den Mitarbeitenden. Wir sind in der evangelischen Kirche ja keine One-Man-Show, sondern machen es gemeinsam.

Weshalb haben Sie sich für Kronach als neue Stelle entschieden?

Wir wollten wieder ins Fränkische zurück, weil uns die Mentalität schon liegt. In Kronach hat uns vor allem die kirchliche Struktur angesprochen. Mit den Kolleginnen und Kollegen, dem Seelsorgeschlüssel, der Kinder- und Jugendarbeit oder auch, dass die Dekanstelle gleich nebenan ist.

Manche Pfarrer würde eine solche Konstellation ja abschrecken.

Ach, das macht mir gar nichts aus. Ich habe in Windhuk mit dem Bischof Tür an Tür gearbeitet. Ich weiß also ein bisschen, wie Kirchenpolitik und Kirchenleitung funktionieren. Das mitzukriegen, ist spannend. Auch die Ökumene ist ja über Kronach hinaus bekannt. Die "Saturday-Night-Church", das moderne Gottesdienstprojekt von der Freien, der evangelischen und der katholischen Kirche, war einer der ersten Punkte, die wir gekannt haben. Schon vor der Ausschreibung. Wie schwer fällt die Umstellung von Namibia auf Kronach?

Das fragen meine Frau und ich uns auch manchmal. Es gibt immer so ein paar Momente, in denen wir uns angucken und heftig schlucken. Jeder Umzug ist, als ob in der nahen Verwandtschaft jemand stirbt. Es ist ein Verlust. Wir waren sehr gerne in Namibia und haben dort viele Freunde gefunden. Die zurückzulassen, schmerzt. Aber wir kommen ja wieder zu anderen Freunden zurück, zu einer Gemeinde, die einen herzlich aufnimmt. Das macht auch den Übergang leicht.

Wie muss man sich die Gemeinde und die Gemeindearbeit in Namibia vorstellen?

Man muss da zwischen Stadt und Land unterscheiden. Die Gemeinde hat an die 2500 Mitglieder, die aber sehr weit verstreut sind. Zwei oder drei Stunden lang zu einem Gottesdienst zu fahren, ist üblich. Außerdem ist es eine sehr offene Gemeinde, die einen weiten Horizont hat. Man hat natürlich auch ganz andere Gottesdienste, als man sie in Europa kennt. Bitt- oder Dankgottesdienste für Regen haben zum Beispiel einen sehr großen Stellenwert. Wassermangel ist ein ewiges Thema in Namibia. Wie sehr prägt er das Leben der Menschen?

Wenn es nicht regnet, läuft es auf eine Katastrophe zu. Wasser wird dann massiv reglementiert. Es ist aber nicht so, dass kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt, es wird nur sehr, sehr teuer. Es ist ohnehin nicht billig, aber bei Wasserknappheit steigt der Preis exorbitant. Wir waren es daher gewohnt, kurz zu duschen und das genutzte Wasser in den Garten zu gießen oder für die Toilettenspülung zu nutzen. Gutes Wetter ist, wenn Wolken am Himmel zu sehen sind und es regnen könnte. Wie sieht es momentan aus?

Alle Farmer leiden derzeit unter der Dürre. Wahrscheinlich wird Namibia wie vor zwei, drei Jahren wieder sehr von Dürrehilfe abhängig sein. Es ist so, dass Dürre mürbe macht. Es sind auch Existenzängste da, weshalb viel Fröhlichkeit flöten geht. Dadurch entsteht eine gewisse Ellbogengesellschaft. Auf der anderen Seite haben die Menschen gelernt, Dinge auf sich zukommen zu lassen, weil sie es ohnehin nicht ändern können. Man kann den Regen nun einmal nicht beeinflussen.

Was war der längste Zeitraum, in dem es gar nicht regnete?

Das kommt auf die Gebiete an. Es gibt Gegenden, in denen es seit fünf Jahren nicht mehr geregnet hat. Und dann gibt es Farmer, die sagen, dass es bei ihnen jedes Jahr genug geregnet hat. Damit meinen sie dann eine Menge von 50 Millilitern (lacht).

In Deutschland fallen pro Jahr im Durchschnitt 71 Liter pro Quadratmeter ...

Ideal sind in Namibia etwa 300 Milliliter. Je nachdem, in welcher Gegend die Farm ist, wie die Gräser und Bodenbeschaffenheit ist und ob es Grundwasser gibt.

Wie ist es denn, wenn es mal regnet?

Das ist wie ein Feiertag. Der Regen riecht nach würziger Frische. Unterricht kann man dann nicht mehr halten, da stürmt jeder an die Fenster. Autofahrer reißen die Fenster auf und Cabrio-Fahrer machen das Verdeck herunter. Man lässt sich beregnen. Teilweise weinen die Menschen vor Glück. Nach dem dritten Tag sagt man sich dann aber schon wieder: jetzt könnte auch mal wieder die Sonne kommen.

 

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