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Natur

Warum im Kreis Kronach nicht nur Waldbauern Dauerregen herbeisehnen

Dürre im Winter? Ja, das geht! Der extrem trockene und heiße Sommer hat Spuren hinterlassen. Manche werden erst in einigen Jahren sichtbar, andere sind es bereits - wie beim niedrigen Pegelstand der Ködeltalsperre.
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Ob der Regen das noch aufholen kann? Martin Körlin hat da so seine Zweifel. Für die bayerische Forstverwaltung ist der 49-Jährige als Revierförster am Rennsteig tätig und berät dort unter anderem Privatwaldbesitzer. Doch wie immer, wenn der Beruf auch Berufung ist, hört die Arbeit zu Hause nicht auf.

Kein Wunder also, dass Körlin im heimischen Garten in Kehlbach einen Regenmesser stehen hat - dessen Werte Körlin beunruhigen. "Seit der letzten Schneeschmelze im März sind bis heute 170 Liter Wasser pro Quadratmeter runter gekommen", erzählt er und betont: "Das ist so gut wie nichts!" Üblich sei übers Jahr verteilt ein Niederschlag von rund 1000 Litern. "In der Vegetationsperiode sind es so um die 400 bis 450", sagt der Revierförster. Das Defizit: 600 Liter.

Waldboden lechzt nach Wasser

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Womit wir wieder bei der Eingangsfrage sind. Doch dass der Himmel in den lediglich noch drei Monaten bis zur nächsten Messung für so viel Wasser oder Schnee seine Schleusentore öffnet, dürfte in etwa so wahrscheinlich sein, als würde im Frankenwald künftig auch im Hochsommer Schnee fallen.

Eher dürfte es allerdings zum Gegenteil kommen. Heuer schien sich der Sommer ja gar nicht verabschieden zu wollen und bescherte Deutschland nach rekordverdächtigen Sommermonaten auch einen heißen Herbst.

Die daraus resultierenden Folgen beobachtet Körlin tagtäglich im Wald - dessen Boden förmlich nach Flüssigkeit lechzt. Bis auf einen Meter Tiefe sei der komplett ausgetrocknet. "Ich habe gelesen, dass es drei bis vier Wochen am Stück regnen müsste, bis die Bodenwasservorräte wieder aufgefüllt sind", erzählt der Revierförster für die Gemeindegebiete Steinbach am Wald und Tettau. Doch nach so viel Regen sehe es eher nicht aus. "Die Situation ist also schon äußerst kritisch."

Denn wenn sich der Himmel doch noch erbarmen sollte, müsste er sich beeilen. "Kommt zuerst der Frost und erst dann Regen oder Schnee, macht der Boden dicht und nimmt kein Wasser mehr auf", so Körlin.

Schon jetzt habe der heiße Sommer Einfluss auf die kommenden Jahre genommen. Neue Bäume wurden nämlich keine gepflanzt. Die Gefahr sei zu groß gewesen, dass sie zu wenig Wasser bekommen und im Frühling gar nicht erst anwachsen.

Und welches Szenario droht, wenn größere Niederschläge ausbleiben? "Weil die Fichten nur bis zu einem halben Meter tief wurzeln und dementsprechend kein Wasser haben, besteht die große Gefahr, dass wir nächstes Jahr noch mehr Borkenkäferbefall haben oder dass uns ganz einfach die Fichten vertrocknen", warnt der 49-Jährige. Die einzige Lösung: Regen. "Und zwar ordentlich und dauerhaft", betont Körlin. "Nicht nur zwei oder drei Tage lang."

Ein Wunsch, dem sich auch Harald Kretter vorbehaltlos anschließt. Als Fachbereichsleiter für die technische Gewässeraufsicht im Kronacher Wasserwirtschaftsamt hat er den Pegelstand der bei Nordhalben beheimateten Ködeltalsperre regelmäßig im Blick. Freitagvormittag waren es 436,60 Meter über Normal Null (NN). Lediglich zwei Meter höher als beim Rekordtiefststand am 17. Dezember 1991 (434,87). "Die Situation ist heuer schon ziemlich extrem", meint Kretter.

Keine Sorgenfalten

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In den vergangenen sechs Monaten sei der Zulauf von den Bächen, die die Talsperre mit Wasser speisen, wegen der hohen Temperaturen wesentlich geringer gewesen als etwa im Sommer 2003 - der als Jahrhundertsommer Schlagzeilen machte. "Das waren jetzt bloß an die 900 000 Kubikmeter Zulauf. Damals war es das Doppelte", erklärt der Fachbereichsleiter.

Große Sorgenfalten stehen trotzdem nicht auf seiner Stirn. Allein in den vergangenen acht Jahren gab es gleich mehrfach Pegelstände wie sie derzeit herrschen (siehe rechte Grafik). "Derzeit liegt der Füllstand noch bei etwa 60 Prozent", erklärt Kretter. "Das ist wenig, aber momentan noch kein Problem." Das würde es erst dann werden, wenn ein äußerst trockener Winter käme und sich das Becken nicht wieder auffüllt. "Doch selbst dann hätten wir noch ein Jahr Luft, weil die Talsperre auf zwei Trockenjahre bemessen ist", beruhigt er.

Ohnehin werde der Wasserpegel im Winter normalerweise um etwa zwei Meter abgesenkt - um genug Wasser aufnehmen zu können, damit kein Hochwasser entsteht. Ein Schritt, der diesmal nicht nötig wurde. Nicht möglich ist hingegen, das Niedrigwasser zu erhöhen. Das ist zwar eine der Aufgaben der Ködeltalsperre, doch Vorrang hat eine andere Funktion: die Trinkwasserversorgung.

Bis zu 16 Millionen Kubikmeter Rohwasser kann die Fernwasserversorgung Oberfranken (FWO) vertragsgemäß aus der Trinkwassertalsperre Mauthaus entnehmen, wie die Ködeltalsperre offiziell heißt. "In der Regel geben wir um die 11,5 bis zwölf Millionen aus der Talsperre ab", erzählt FWO-Verbandsdirektor Markus Rauh.

Wannenpolonaise viermal um die Erde

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Etwa 20 Prozent aller oberfränkischen Haushalte beliefert die FWO mit Trinkwasser, wofür durchschnittlich 14 Millionen Kubikmeter Wasser benötigt werden. In Badewannen abgefüllt, ergäbe sich daraus eine Wannenpolonaise, die locker viermal um die Erde reicht. "In diesem Jahr haben wir vermutlich sogar an die 14,5 Millionen Kubikmeter abgegeben", schätzt Rauh.

Insgesamt stehen der FWO 20,2 Millionen Kubikmeter an Wasser zur Verfügung (siehe linke Grafik). Als Quelle dient nämlich nicht nur die "Ködel". Aus einer Verbundsleitung des "Zweckverbands Wasserversorgung Fränkischer Wirtschaftsraum" darf die FWO bis zu 3,2 Millionen Kubikmeter entnehmen, bis zu einer weiteren Million kommt von den Stadtwerken Kulmbach. Somit entsteht ein Puffer von etwa sechs Millionen Kubikmetern. "Bei jeder dieser Quellen können wir jederzeit den Bedarf erhöhen", erklärt Rauh. "Von daher ist die derzeitige Situation überhaupt kein Problem. Selbst im nächsten Jahr auch nicht, wenn sie sich wiederholen sollte."

Ein viertes Standbein

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Bei einem dritten Hitze-Jahr in Folge sähe das allerdings anders aus. Da müsse man dann schon mal sehen, wo zusätzliche Mengen anfordert werden können. Ein viertes Standbein hat die FWO allerdings schon in der Hinterhand. Im Steinachtal zwischen den Landkreisen Kronach und Coburg fanden bereits einige Probebohrungen statt. "Das wären noch einmal zwei weitere Millionen Kubikmeter", rechnet Rauh vor.

Regnen dürfe es aus Versorgersicht freilich gerne wieder: "Damit die Talsperre und das Grundwasservorkommen, wieder gefüllt werden." Wald und Fichten hätten sicher nichts dagegen.



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