Kronach
Schienenverkehr

Warum der Bahnstreik im Kreis Kronach wie ein heftiger Schneeeinbruch war

Ab 5 Uhr ging nichts mehr: Ganze vier Stunden lang fuhren weder Fernzüge noch Regionalbahnen durch Bayern - weshalb der Warnstreik der Gewerkschaft EVG direkte Auswirkungen auf die Schülerbeförderung im Landkreis hatte.
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Der bundesweite Streik der Gewerkschaft EVG traf auch den Landkreis Kronach. Zwischen 5 und 9 Uhr rollten keine Regionalexpresse über die Schienen. Symbolbild: Friso Gentsch/dpa
Der bundesweite Streik der Gewerkschaft EVG traf auch den Landkreis Kronach. Zwischen 5 und 9 Uhr rollten keine Regionalexpresse über die Schienen. Symbolbild: Friso Gentsch/dpa

Die erwartete Hiobsbotschaft kam um 5.46 Uhr. "Der Zugverkehr im Großraum Bayern einschließlich der S-Bahn Nürnberg wird ab sofort bis voraussichtlich 9 Uhr eingestellt", teilte die Bahn-Tochter "DB Regio Bayern" auf ihrer Internetseite nüchtern mit.

Ein kleiner Satz, mit großer Auswirkung. Im Kreis Kronach dürfte er vor allem bei Eltern schulpflichtiger Kinder für Schweißperlen auf der Stirn gesorgt haben - schließlich fiel der Warnstreik der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) genau in die Zeit, in der Schüler auch mit dem Zug in Richtung Kreisstadt strömen.

"Die Gefahr war einfach zu groß, dass die Züge irgendwo enden und es dann nicht mehr weitergeht", erklärt ein Bahn-Sprecher auf FT-Anfrage, weshalb durch den bundesweiten Bahnstreik auch der Kronacher Schülerverkehr zum Erliegen kam. Um weder Schüler noch Berufspendler an einem kleineren Bahnhof stranden zu lassen, habe sich Regio Bayern dazu entschlossen, erst gar keine Züge fahren zu lassen, ehe der Streik beendet ist.

Fahrgemeinschaften

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Eine Entscheidung, auf die viele Eltern offenbar vorbereitet waren. Denn lange bevor auf der Smartphone-App der Bahn ein mit einem roten Kreuz durchgestrichenes Zug-Symbol den Ausfall des Regionalexpresses bestätigte, gab es bereits Alternativstrategien. "Weil sehr viele Eltern kurzfristig Fahrgemeinschaften gegründet haben, war es heute Morgen deutlich besser, als wir es befürchtet hatten", sagt Renate Leive, die Schulleiterin des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums (KZG) begeistert.

Während in der Oberstufe erst gar keine Klausuren anstanden, bereiteten den Lehrern auch zu schreibende Tests keine Sorgen. "Es wäre möglich gewesen, dass die Schulaufgaben nicht in den ersten beiden Stunden, sondern erst später geschrieben werden, aber das war gar nicht nötig", erzählt Leive. Doch die Mehrzahl der Schüler habe beim ersten Gong pünktlich auf den Stühlen gesessen. "Und wer heute zu spät kam, darf natürlich nachschreiben!"

In der Maximilian-von-Welsch-Realschule (RS I), die ebenso wie das KZG besonders gern von Schülern aus dem nördlichen Landkreis besucht wird, waren es von 540 Schülern 54, die es nicht nach Kronach schafften. Denn obwohl ab 9.30 Uhr wieder die ersten Züge von Ludwigsstadt in Richtung Kreisstadt rollten, konnte nicht jeder zusteigen. "Das geht ja nur, wenn man an den Bahnlinien wohnt", hat RS I-Direktorin Christa Bänisch Verständnis. "Ein Kind aus Kleintettau, das erst mit dem Zubringerbus nach Ludwigsstadt gefahren werden muss, hat diese Chance zum Beispiel gar nicht, weil der Bus nur in der Früh' fährt."

Still stand das Telefon im Sekretariat daher freilich nicht, chaotisch sei die Situation aber ebenso wenig gewesen. "Letztlich war der Tag vergleichbar mit einem normalen Erkältungs- oder Grippetag", betont Bänisch. Ein heftiger Schneeeinbruch über Nacht habe ungefähr die gleichen Auswirkungen - mit der Ausnahme, dass dann in der Regel unklar ist, ob Züge und Busse fahren, die die Schüler auch wieder nach Hause bringen. Anders als bei Schneestürmen ist bei Streiks schließlich bekannt, wann sie enden.

Entwarnung am Nachmittag

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Inzwischen habe sich "die Verkehrslage im Großraum Bayern weitestgehend normalisiert" lautete um 15.45 Uhr die erlösende Meldung auf der Regio-Bayern-Homepage.

Entwarnung gab es auch bei den Firmen im Landkreis. Beim Ludwigsstädter Medizingerätehersteller W.O.M. etwa habe es keine nennenswerten Verspätungen gegeben, teilt das Unternehmen mit: "Wir hatten einen Mitarbeiter, der nach Nürnberg zum Flughafen musste." Auf das bereitgestellte Auto habe er aber gar nicht zurückgreifen müssen, weil die Züge zu diesem Zeitpunkt schon wieder fuhren.

EVG - eine junge, aber große Gewerkschaft

Fusion: Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist eine noch recht junge Gewerkschaft. Sie entstand am 30. November 2010 durch eine Fusion der beiden Gewerkschaften GDBA und Transnet.

Mitglieder: Bei ihrer Gründung zählte die EVG an die 246 000 Mitglieder. 216 000 von ihnen waren zuvor bei Transnet, die 30 000 bei der GDBA. Seitdem sank allerdings die Zahl der Mitglieder. Aktuell sind noch etwa 160 000 Beschäftigte in der EVG organisiert, von denen etwa 99 000 bei der Deutschen Bahn tätig sind - mehr als in jeder anderen Bahn-Gewerkschaft. Bei den Mitgliedern handelt es sich nicht nur um Lokführer, sondern vor allem Servicepersonal, das am Bahnhof oder auch in Zügen arbeitet.

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