Kronach
Podiumsdiskussion

Viele sind zum Nichtstun verdammt

Die Integration von Flüchtlingen durch Arbeit war das Thema bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises Asyl und der KAB in Kronach.
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Auf dem Podium saßen von links: Christine Kamm (MdL), Fritz Leiß (Leiß Werkzeugbau), Carl-August Heinz (Heinz-Glas-Group), Lars Hofmann (Moderator), Jürgen Baumgärtner (MdL), Christian Ohlraum (HWK Bayreuth), Hans Rebhan (IHK Kronach). Im Hintergrund visualisierte Ulrike Mahr die Redebeiträge.Nicole Julien-Mann
Auf dem Podium saßen von links: Christine Kamm (MdL), Fritz Leiß (Leiß Werkzeugbau), Carl-August Heinz (Heinz-Glas-Group), Lars Hofmann (Moderator), Jürgen Baumgärtner (MdL), Christian Ohlraum (HWK Bayreuth), Hans Rebhan (IHK Kronach). Im Hintergrund visualisierte Ulrike Mahr die Redebeiträge.Nicole Julien-Mann
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Mit der Podiumsdiskussion "Warum arbeiten so viele Flüchtlinge nicht?" fügten der Arbeitskreis Asyl Kronach und die Katholische Arbeitnehmerbewegung KAB einen weiteren Aspekt zur Veranstaltungsreihe "Fluchtursachen und Integration" hinzu.

Arbeit als beste Voraussetzung für gelungene Integration ist fast schon ein alter Hut in der aktuellen Debatte um die Situation von Geflüchteten. So war diese These von Anfang an auch in der Podiumsdiskussion unumstritten, zu der der Arbeitskreis Asyl Kronach und die KAB eingeladen hatten. Die Scheinwerfer der Veranstaltung richteten sich daher auf die Frage, warum nur wenige Flüchtlinge in Brot und Arbeit oder Ausbildung kommen. Maria Gerstner von der KAB wies in ihrer Begrüßung auf die "unterschiedlichen Gedanken" in der Bevölkerung hin, dass die Medien oft zur Aufheizung der Stimmung beitrügen, dass es aber auch Tradition bei uns sei, Menschen aus dem Süden zum Arbeiten in den Norden zu holen.

Vielleicht wirkte sich die geballte Ansammlung von Kultur in der Kreisbibliothek auch auf den Geist der Veranstaltung aus. Am Ende jedenfalls lobten Teilnehmer wie Gäste die konstruktive Atmosphäre. "Zuhören ist der erste Schritt", meinte Moderator Lars Hofmann, der dafür gesorgt hatte, dass alle Podiumsteilnehmer und auch das Publikum Raum für ihre Argumente bekamen. Barbara Heinlein vom Arbeitskreis Asyl war überzeugt: "Hier hat sich heute Abend etwas bewegt."


Scheitern an der Ausländerbehörde

Dazu trug sicher die Anwesenheit von vielen jungen Betroffenen bei, unter ihnen Mohammed Amiri aus Afghanistan, der seinen Fall in gutem Deutsch vortrug. Er schloss die Berufsschule Kronach mit "sehr gut" ab, bekam mehrere Angebote für Ausbildungsplätze, scheiterte aber zuletzt an der Ausländerbehörde, weil er keinen Aufenthaltstitel hat. Dabei läuft sein Verfahren noch. Jetzt besucht er die Fachoberschule in Kulmbach.

"Viele meiner Mitschüler waren auch in der Schule und jetzt schlafen sie nur aus. Warum ist es in Oberfranken so schwierig?", fragt er in die Runde. Darauf gab es auch nach zwei Stunden Diskussion keine klare Antwort, zumal Vertreter der Ausländerbehörde nicht anwesend waren. Aber der CSU-Landtagsabgeordnete Jürgen Baumgärtner, der laut eigener Aussage schon in 21 Einzelfällen geholfen habe, versprach, sich auch dieser Schicksale persönlich anzunehmen.


Risiko Fachkräftemangel

Industrie- und Handwerkskammern haben genauso Interesse, Flüchtlinge in Arbeit zu bringen wie die lokalen Unternehmen. Laut Hans Rebhan von der IHK Kronach liege im Fachkräftemangel das größte Risiko für den wirtschaftlichen Erfolg und nicht etwa in der turbulenten Weltpolitik oder der Digitalisierung. Derzeit fehlten allein in Oberfranken 18 000 Fachkräfte.

Flüchtlingsakquisiteur Christian Ohlraun von der Handwerkskammer Bayreuth berät Unternehmen und Flüchtlinge in Sachen Arbeit, machte aber deutlich, dass er nur aktiv wird, wenn es eine gute Bleibeperspektive gibt. Die haben Bewerber aus Albanien, Senegal oder Gambia definitiv nicht. Eine geringe Bleibeperspektive haben Afghanen oder Iraker. Weil sie derzeit nicht abgeschoben werden dürfen, sind sie zum Nichtstun verdammt.


Eine Entwicklungshilfe

Timo Ehrhardt, Bürgermeister in Ludwigsstadt, plädiert für eine Lockerung des Arbeitsrechts, ohne Einfluss auf die Bleibeperspektive. Schließlich sei die Qualifizierung von Arbeitskräften, die wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, nichts anderes als Entwicklungshilfe.

Die lokalen Unternehmen würden gerne ihren Personalstamm mit Geflüchteten füllen. Zu Beginn der Flüchtlingskrise 2015 habe man bei Heinz-Glas eine jährliche Obergrenze von 30 Flüchtlingen gezogen, doch nach eineinhalb Jahren sind nur 13 in Arbeit und drei in Ausbildung, berichtet Carl-August Heinz. Anders als in seinem Unternehmen gibt es bei Leiß Werkzeugbau in Ludwigsstadt keine Hilfstätigkeiten. Entsprechend froh war man im letzten Jahr, einem jungen Afghanen einen Ausbildungsplatz anbieten zu können, aber wie im Fall Mohammed Amiri erteilte die Handwerkskammer Bayreuth keine Genehmigung. Geschäftsführer Fritz Leiß fordert von der Regierung ein komplett anderes Prozedere und vor allem mehr Flexibilität.

Die Landtagsabgeordnete der Grünen, Christine Kamm, setzt sich in ganz Bayern für die Belange von Geflüchteten ein: "Die Verweigerung der Arbeitserlaubnis sorgt für Frust!" Abhilfe versprechen sich einige von der sogenannten 3+2-Regelung, die besagt, dass ein Flüchtling nach drei Jahren Ausbildung weitere zwei Jahre im Land arbeiten darf, auch wenn sein Asylantrag abgelehnt wurde.


Einzelfallentscheidungen

Ein großes Missverständnis sei diese Interpretation, meinte Baumgärtner, es sei keine Ermessensentscheidung eines Sachbearbeiters in der Ausländerbehörde, sogenannte "Geduldete" bekämen eine Arbeitserlaubnis immer nur in Einzelfallentscheidungen. Darüberhinaus warnte er davor, die Asylproblematik mit der geregelten Zuwanderung zu vermischen. "Dem Fachkräftemangel ist mit Flüchtlingen nicht beizukommen."

Im Publikum befanden sich viele, die sich ehrenamtlich oder hauptamtlich um geflüchtete Menschen kümmern. Sie sind nah dran an deren täglichen Problemen und sprudeln über von pragmatischen Ideen, die Flüchtlingen wie Unternehmen helfen würden. Etwa ein leichter Zugang zu Praktika, Schnupperlehren, Hilfstätigkeiten in der Gemeinde oder in Handwerksbetrieben. Mohammad Abu-Ta'a aus Ludwigsstadt bringt es auf den Punkt: "Wollen wir Flüchtlinge halbherzig oder voll integrieren?" Eine Arbeitsstelle für Erwachsene sei sinnvoller als ein Sprachkurs und Kinder sollten schnell in die Schule kommen. Langeweile führe zu Frust, Aggression und seelischer Krankheit.
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