Kronach
Prozess

Versuchter Totschlag in Oberfranken: Angeklagter (19) wollte sich nicht helfen lassen

Am zweiten Verhandlungstag zum versuchten Totschlag in Kronach sagte die Betreuerin eines Angeklagten aus. Der 19-Jährige behauptet, schwer traumatisiert zu sein - ließ seine Termine mit Ärzten und Psychologen aber wiederholt platzen.
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Mit Tritten gegen den Kopf und Faustschlägen sollen zwei junge Männer einen Mann am Marienplatz malträtiert haben. Symbolfoto: Christopher Schulz
Mit Tritten gegen den Kopf und Faustschlägen sollen zwei junge Männer einen Mann am Marienplatz malträtiert haben. Symbolfoto: Christopher Schulz

Noch während er zu Boden stürzte, traten sie ihm mit den Füßen gegen den Kopf - mit der Hacke ins Gesicht, bis sich der 51-Jährige zusammenkauerte und versuchte, sich wenigstens mit den Armen zu schützen. So beschreiben Augenzeugen den Vorfall, der sich am 11. Mai 2018 am Kronacher Marienplatz ereignet haben soll. Zwei junge Männer aus Afghanistan werden beschuldigt, das Opfer mit Faustschlägen und Tritten malträtiert zu haben. Die Anklage lautet versuchter Totschlag. Dabei wollte der 51-Jährige nur einigen Jugendlichen helfen, die mit den Angeklagten aneinandergeraten waren.

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Eine Gruppe, die zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung mit dem Auto über den Marienplatz fuhr, schilderte in ihren Aussagen Schläge gegen die Brust und Stampftritte gegen den Kopf des 51-Jährigen. Als sich einer der Zeugen dem 19-jährigen Angeklagten in den Weg stellte, habe dieser zuerst eine drohende "Kampfstellung" eingenommen, sei dann aber vom Tatort geflohen.

Nicht mehr aufgetaucht

Am zweiten Verhandlungstag am Coburger Landgericht verlas ein Psychiater der Klinik Erlangen sein Gutachten. Außerdem sagte die Berufsbetreuerin des 19-jährigen Afghanen aus. Sie wurde dem jungen Mann zur Seite gestellt, um ihm beispielsweise bei Behördengängen zu helfen. Schon vor ihrem ersten Treffen wurde dem Angeklagten ein Platz im Psychologischen Zentrum in Nürnberg zugeteilt, um seine Kriegserlebnisse verarbeiten zu können.

Im Erstgespräch mit seiner Kronacher Betreuerin habe sich die Situation aber plötzlich ganz anders dargestellt. "Er wusste nichts von dem Klinikplatz und hatte auch nicht vor, nach Nürnberg zu ziehen", erzählte die Zeugin. Stattdessen wurde er in der Psychologischen Tagesklinik in Kronach aufgenommen - erschien aber bereits am dritten Tag nicht mehr. "Ich habe schon viele schwer traumatisierte Leute getroffen und die kämpfen alle um so einen Platz wie in Nürnberg", betonte die Betreuerin.

Im Betreuungsgutachten wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. "Das wäre für ihn also schon die richtige Einrichtung gewesen", meinte die Zeugin. Bei einem Hausbesuch habe sie ihm noch einmal eindringlich erklärt, wie wichtig die Therapie für ihn sein. Doch ein paar Tage danach sei sie darüber informiert worden, dass der 19-Jährige die Behandlung abgebrochen habe. Auch der Versuch, mit dem jungen Mann weiterhin in Kontakt zu bleiben, sei gescheitert: Terminvorschläge habe er einfach ignoriert. Seine Betreuerin habe danach weitere Hausbesuche vermieden: "Als Frau war es irgendwie komisch, da alleine hinzugehen."

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Alpträume und Kopfschmerzen

In vorherigen Gesprächen habe der 19-Jährige aber regelmäßig betont, unter Schlafstörungen und schlimmen Alpträumen zu leiden. Auch beim Besuch des Erlangener Psychiaters in der Justizvollzugsanstalt in Kronach habe ihm der Angeklagte von Schlafproblemen, anhaltenden Kopfschmerzen und Selbstverletzungen an seinen Armen als Folge des Kriegstraumas berichtet. Doch auch das psychologische Gutachten des Sachverständigen belegte, dass der 19-Jährige trotzdem wiederholt bei Terminen unentschuldigt gefehlt und therapeutische Hilfe abgelehnt habe.

Während zum 23-jährigen Angeklagten bisher keine Einträge im Bundeszentralregister vorliegen, wurde gegen seinen 19-jährigen Freund bereits wegen Diebstahls, Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung ermittelt. Außerdem werden ihm mehrere Fälle von Körperverletzung und Sachbeschädigung sowie Bedrohung und sexuelle Belästigung vorgeworfen.

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So geht der Prozess weiter

Termin Die öffentliche Verhandlung zum versuchten Totschlag wird am 29. Mai um 9 Uhr fortgesetzt. Dann sollen mehrere Polizeibeamte aussagen und dabei helfen, die Widersprüche in den Aussagen einiger Zeugen aufzuklären.

Widersprüche Die Details der einzelnen Zeugenaussagen weichen teilweise voneinander ab. Diese unterschiedlichen Schilderungen der Tat seien aber typisch bei einer Schlägerei, erklärte der vorsitzende Richter Christoph Gillot. "Für Zuhörer ist das oft erstaunlich." Für die Entscheidung der Kammer und das Urteil sei aber die Mehrheitsmeinung der Zeugen entscheidend.

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