Kronach
Stolpersteine

Verneigung vor den Opfern

In einem P-Seminar haben Schüler des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums Kronach die Biografien jüdischer Mitbürger recherchiert. Neue Stolpersteine werden folgen.
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Kronacher Stolpersteine: Sie erinnern an die Familie Lamm und ihr Schicksal.Heike Schülein
Kronacher Stolpersteine: Sie erinnern an die Familie Lamm und ihr Schicksal.Heike Schülein
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Im September 2017 verlegte Gunter Demnig erstmals Stolpersteine im Kronacher Boden. Die Betonwürfel mit Messingtafeln erinnern an 16 Kronacher Juden, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Das Projekt gab den Anstoß für das gleichnamige P-Seminar am Kaspar-Zeuß-Gymnasium (KZG).


Jeder Stein ein Schicksal

"Jeder Stein ist ein Schicksal, jeder Stein ist ein Mensch", sagte der Künstler Gunter Demnig, als er im vergangenen Jahr die 16 Gedenktafeln auf Initiative des "Aktionskreises Kronacher Synagoge" verlegte. Seit 1996 setzt der gebürtige Berliner seine Mahnmale in den Gehweg vor dem letzten freiwilligen Wohnort von NS-Opfern - mittlerweile rund 75 000 in über 20 europäischen Ländern!

Der Bundesverdienstkreuzträger will damit das Gedenken aufrecht erhalten - an die sechs Millionen ermordeten Juden, aber auch an die Millionen anderen Opfer des NS-Regimes: politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderung, Roma, Sinti, Wehrdienstverweigerer.

"Die Stolpersteine sind für mich wie ein kleines Grab für die Opfer, denen mit dieser kleinen Zeremonie eine letzte Ehre zuteil wird", verdeutlicht Alexandra und bringt damit das Anliegen des P-Seminars "Stolpersteine" am KZG gut zum Ausdruck. Angeregt durch die Verlegung der Stolpersteine hatte Studiendirektorin Ulrike Konrad das P-Seminar - in Zusammenarbeit mit Christian Porzelt, der sich in seinem Studium schwerpunktmäßig mit jüdischer Geschichte beschäftigt hat - initiiert. Insgesamt zwölf Elftklässler entschieden sich für dieses sich über eineinhalb Schuljahre erstreckende Angebot.


Forschen im Stadtarchiv

Seit September 2017 kommen die Seminaristen für die Gruppenarbeit in der Regel für zwei Schulstunden wöchentlich am Nachmittag zusammen. Dabei recherchieren sie die Biografien von 25 ehemaligen jüdischen Mitbürgern der Stadt, deren Gedächtnis die Stolpersteine gewidmet sind. Geforscht wurde zum Beispiel im Stadtarchiv und in entsprechenden Quellen im Internet.

Ihre Recherchen halten sie in einer Broschüre fest, die zu den verschiedenen Orten der Stolpersteine in Kronach führt. Ergänzt werden die Angaben durch kurze Lebensläufe. Die Broschüre soll bis zum 9. November, dem 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, fertiggestellt und an dem Tag öffentlich vorgestellt werden.


Den Opfern nahe gekommen

Einen Teil der Biografien werden die jungen Leute bereits am 18. Juli vortragen, wenn in Kronach weitere Stolpersteine verlegt werden. "Die Recherchen waren sehr interessant. Es gab viele Aspekte, die ich vorher nicht kannte", erklärt Sophie. Ihrer Meinung nach vermittle die Projektarbeit wesentlich mehr als der Geschichtsunterricht zu diesem Thema. Indem man selbst forsche, könne man genauer in die Materie eintauchen und man komme den Opfern viel näher.

"Das geht weit über den Lehrstoff hinaus", schließt sich ihr auch Lucas an. Im Grunde genommen arbeite man die Geschichte der Stadt auf. Die Erinnerung an all die jüdischen Mitbürger "mitten unter uns" sei in seinen Augen sehr wichtig. "Das waren ganz normale Kronacher, so wie wir auch", verdeutlicht er.


Mit 15 Jahren ermordet

Ernst Loewy war dabei mit gerade einmal 15 Jahren das jüngste Opfer aus Kronach. Er wurde gemeinsam mit seiner Tante und seinem Onkel, bei denen er lebte, 1942 deportiert und ermordet. Zu den älteren Opfern zählte beispielsweise das Ehepaar Moosbacher - Geschäftsleute, die zuvor einen Eisenwarenhandel in Kronach betrieben. "Sie wurden wie alle anderen völlig ohne Grund ermordet. Man kann es sich heute in unserem behüteten Oberfranken gar nicht vorstellen, dass die Nazis auch hier nicht Halt gemacht haben",sind Alexandra und Anna fassungslos.

Sie und alle anderen Seminaristen freuen sich, mit ihrer Arbeit einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können,dass solch furchtbare Dinge hoffentlich nie wieder geschehen werden. Mit dem Broschüren-Projekt möchten sie allen Opfern eine letzte Ehre erweisen und dazu beitragen, dass deren Namen nicht vergessen werden. Gleichwohl wissen sie um die Kritik, die Demnig bisweilen entgegenschlägt, dass man nun nochmals auf den Opfern "herumtrample". "Ich sehe das nicht so. Um die Inschrift lesen zu können, muss man sich bücken, so dass man sich eigentlich vor den Opfern verbeugt", bekundet Lisa.


Stolperstein-Verlegung am 18. Juli

Treffpunkt für die zweite Stolpersteinverlegung am Mittwoch, den 18. Juliist um 9 Uhr die Kronacher Synagoge. Die Route führt von dort aus in die Bahnhofstraße 13 (NKD), Bahnhofstraße 10 (Löwen-Apotheke), Adolf-Kolping-Straße 8, Adolf-Kolping-Straße 11 und Alte Ludwigstädter Straße 5. Zur Verlegung wird wieder Gunter Demnig anreisen. Die Seminaristen wie auch der Aktionskreis Kronacher Synagoge würden sich über eine rege Beteiligung der Bevölkerung sehr freuen - als Zeichen der Würdigung und Ehrerbietung und als Zeichen gegen das Vergessen.


Die P-Seminare

P-Seminare sind Teil der gymnasialen Oberstufe in Bayern. Es soll die Schüler bei ihrer Studien- und Berufswahl unterstützen. Ziel ist es, sie aufdie Anforderungen von Hochschule und Berufswelt vorzubereiten. Am KZG stand hierfür eine Reihe von Seminarangeboten zur Verfügung, unter denen die Elftklässler auswählen konnten. Die Projekte Stolpersteine sowie da sP-Seminar werden über das Bundesprogramm "Demokratie leben!" gefördert.


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