LKR Kronach
Prozess

Urteil: Mann (54) aus Oberfranken missbraucht Stieftochter - Auch die Mutter muss in Haft

Der sechste Verhandlungstag war der letzte. Zu insgesamt achteinhalb Jahren Haft hat das Coburger Landgericht ein Ehepaar aus dem Kreis Kronach verurteilt. Der Grund: mehrfacher sexueller Missbrauch der damals zwölfjährigen Tochter.
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Anfang Januar begann in Coburg der Prozess gegen eine 39-Jährige und deren 54 Jahre alten Ehemann. Am sechsten Verhandlungstag sprach die Dritte Große Jugendkammer des Landgerichts nun die im Kreis Kronach wohnenden Angeklagten des schweren sexuellen Missbrauchs schuldig. Symbolbild: Patrick Pleul/dpa
Anfang Januar begann in Coburg der Prozess gegen eine 39-Jährige und deren 54 Jahre alten Ehemann. Am sechsten Verhandlungstag sprach die Dritte Große Jugendkammer des Landgerichts nun die im Kreis Kronach wohnenden Angeklagten des schweren sexuellen Missbrauchs schuldig. Symbolbild: Patrick Pleul/dpa

Immer wieder hat ein Mann aus dem Landkreis Kronach seine eigene Stieftochter missbraucht. Anstatt ihrem Kind zu helfen, beteiligte sich auch die Mutter an den grausamen Taten. Beim ersten Übergriff war das Mädchen gerade einmal zwölf Jahre alt. Seit Anfang Januar beschäftigt dieser Fall schweren sexuellen Kindesmissbrauchs die Dritte Große Jugendkammer des Landgerichts Coburg. Nun fiel das Urteil gegen die Eltern der heute 16-Jährigen: Beide wurden schuldig gesprochen und müssen für insgesamt achteinhalb Jahre hinter Gittern.

Zwischen 2014 und 2017 spielte sich das Martyrium ab: Der 54-jährige Lkw-Fahrer wurde beschuldigt, seine Stieftochter wiederholt zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben. So nötigte er sie beispielsweise in der Führerkabine seines Fahrzeuges zum Oralverkehr. Das erschreckendste an diesem Fall: Die Mutter wusste nicht nur von dem Missbrauch durch ihren Lebenspartner, sondern beteiligte sich auch daran. So nahm das Paar mehrmals vor den Augen des Kindes sexuelle Handlungen aneinander vor.

Die 39-Jährige zwang ihre Tochter dabei sogar, den Stiefvater und sie selbst oral zu befriedigen. Eine Anzeige hatte den Missbrauch schließlich ans Licht gebracht, seit dem 26. Juli 2018 sitzen die Eltern in Untersuchungshaft.

16-Jährige sollte erneut aussagen

Am sechsten und letzten Verhandlungstag am Landgericht Coburg ging es vor der Urteilsverkündung um die Wiederherstellung gelöschter Handydaten und die Verwertbarkeit des psychologischen Gutachtens. Zunächst herrschte jedoch Unklarheit über die erneute Vernehmung der Geschädigten.

Um fehlende Angaben ihrer Aussage zu klären, wurde die 16-Jährige am Donnerstagvormittag als Nebenklägerin einbestellt.

Doch der Verteidiger des Stiefvaters entschied sich überraschend dafür, den Antrag auf eine erneute Befragung zurückzuziehen. Sie wollten dem Opfer diese Belastung ersparen, alles andere wäre sinnwidrig, begründete Rechtsanwalt Björn Kleyhauer die Entscheidung, die sowohl den Richter als auch die Zuhörer überrumpelte. Die 16-Jährige stand zu diesem Zeitpunkt bereits vor dem Gerichtsgebäude. "Wir können nicht sagen, wir brauchen sie und dann wollen wir sie doch nicht hören", beschwerte sich Jäger, willigte aber schließlich ein.

Neues Gutachten gefordert

Auch die Befragung eines Polizeibeamten lieferte keine neuen Erkenntnisse zum Fall. Jäger hatte einen Nachermittlungsantrag gestellt, um eventuell gelöschte Daten auf den Mobiltelefonen des Opfers und der beiden Angeklagten wiederherzustellen. Aufgrund des veralteten Betriebssystems auf einem der Geräte sei es jedoch nicht möglich gewesen, die WhatsApp-Verläufe vollständig zu rekonstruieren.

Dabei handelte es sich vor allem um den Nachrichtenverlauf zwischen der heute 16-Jährigen und ihrem Stiefvater seit Juni 2018. Die von der Polizei gesicherten Daten seien nicht ermittlungsrelevant, Aussagen über einen SMS-Austausch vor diesem Zeitraum nur reine Spekulation.

Verteidiger Kleyhauer forderte nach der zweistündigen, nicht öffentlichen Verlesung des Gutachtens eine neue psychologischen Einschätzung zu erstellen. Doch auch für die Begründung dieser Forderung mussten die Zuhörer den Gerichtssaal verlassen.

Die Staatsanwaltschaft schlug daraufhin vor, zunächst ein Rechtsgespräch zwischen den einzelnen Parteien zu führen, um das Verfahren noch in dieser Sitzung abschließen zu können. Der Richter lehnte dies jedoch ab - genauso wie den Antrag Kleyhauers auf ein neues Gutachten. Die Ausführungen der Psychologin seien wissenschaftlich fundiert, die Aussagen des Opfers gegenüber der Kriminalpolizei außerdem "komplex, detailreich und konstant". Die Kammer könne in der Vernehmung der 16-Jährigen keine Widersprüche oder Übertreibungen erkennen.

Die Zuhörer des Prozesses waren größtenteils Familienangehörige und Bekannte. In den langen Wartezeiten, die sie vor dem Gerichtssaal verbringen mussten, wuchsen Unverständnis und Wut. Psychoterror sei das, was die Jugendliche während des Prozesses durchmachen müsse. Solche schrecklichen Geschichten könne sich niemand aus den Fingern saugen, waren sich alle einig. Das vertraute Zusammenstehen der beiden Angeklagten nach Beendigung der Beweisaufnahme schmerzte die Familie besonders.

10 000 Euro Schmerzensgeld

Am Ende des neunstündigen Verhandlungstages wurden beide Angeklagte des schweren sexuellen Missbrauchs sowie des schweren Missbrauchs von Schutzbefohlenen schuldig gesprochen, der 54-Jährige in zehn Fällen. Die Kammer verhängte für die Mutter eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten, für den Stiefvater von fünf Jahren und neun Monaten. Einfluss auf das Strafmaß hatten auch die Teilgeständnisse der Angeklagten. Zudem müssen sie die Kosten des Verfahrens und ein Schmerzensgeld von mindestens 10 000 Euro zahlen. "Die größte Angst ihrer Tochter war es, dass man ihr nicht glaubt", sagte Richter Jäger in seiner Urteilsbegründung. "Wir können ihr leider nicht die Enttäuschung nehmen, dass ihre eigene Mutter ihr nicht geglaubt hat."

Obwohl ihr Ehemann die treibende Kraft hinter den Taten gewesen sei, habe die 39-Jährige mehrmals die Möglichkeit gehabt, den Missbrauch zu stoppen. "Eigentlich war ihre Tochter ganz zufrieden mit ihrer Familie", wandte sich Jäger abschließend an den Stiefvater. "Sie haben das mit ihrer Selbstsucht zerstört."

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