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Kronach
Wildwechsel

Unfallgefahr im Frankenwald: Jedes Tier tickt anders

Nebelbänke, Schnee und Berufsverkehr in den Dämmerungsphasen - zurzeit besteht erhöhtes Risiko für Wildunfälle im Frankenwald. Dabei müssen sich die Verkehrsteilnehmer auch darauf einstellen, dass sich die Tiere nicht nach dem gleichen Schema verhalten.
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Ein Wildunfall muss gemeldet werden, am besten direkt mit dem Handy bei der Polizei.  Foto: Marcus Börner/djv
Ein Wildunfall muss gemeldet werden, am besten direkt mit dem Handy bei der Polizei. Foto: Marcus Börner/djv
Jürgen Schaller fährt auf der Autobahn zur Arbeit. Es ist etwa 5.30 Uhr am Morgen. Plötzlich tauchen vier Rehe vor seinem Wagen auf. Reflexartig versucht er auszuweichen, schafft das auch. Das Auto scheppert über die Randsteine zwischen den Fahrbahnen. Es gerät ins Schleudern, zwei Reifen platzen. Mit gut 120 "Sachen" rauscht der Wagen in die Mittelleitplanke, bleibt auf der linken Fahrspur liegen. Der Motor ist herausgerissen, die Batterie mit ihm. Kein Warnblinker. Schaller steht in der Dunkelheit.

Diese Szenen liegen weit zurück. 1997 erlebte der Polizist, der heute in Kronach arbeitet, diese Schrecksekunden. Dennoch ist er überzeugt: "Diesen Moment werde ich nie vergessen!" Schaller hatte in dieser Situation Glück, dass ihm nichts Schlimmeres passiert ist. Ein Glück, das die Autofahrer im Landkreis nicht durch eine unvorsichtige Fahrweise überstrapazieren sollten. Gerade in der dunklen Jahreszeit können sie schnell in eine ähnliche Situation geraten.

Das weiß auch Maximilian Kropf aus Unterrodach. Vor zwei Jahren, als er abends heimgefahren ist, stand hinter einer Kurve eine ganze Gruppe Rehe auf der Straße. Kropf fuhr vorsichtig, weil ihn ein Schild bereits vor der möglichen Gefahr gewarnt hatte. Trotzdem hatte er keine Chance, auf der kurzen Distanz zu halten. "Ich bin mit 70 in die Gruppe reingefahren", erinnert er sich, aber entgegen seines ersten Gefühls hat er offenbar kein Tier getroffen.

Unterschiedliche Reaktionen
"Das Erste, was mir durch den Kopf ging, war: Jetzt bloß nicht ausweichen!" Das habe er sich davor immer wieder eingebläut. Anders als Schaller konnte er auch noch wahrnehmen, was die Tiere getan haben. So unterschiedlich wie die beiden Männer die Situationen erlebt haben, so unterschiedlich haben auch die Rehe reagiert: "Die ersten in der Gruppe sind losgerannt, in meinem Bereich sind etwa sechs Rehe stehen geblieben und haben in die Scheinwerfer geschaut. Denen ging's wohl wie mir - die haben in dem Moment auch nicht gewusst, was Sache ist", erinnert sich Kropf.

Dieses Verhalten wundert Klaus Riedel, Ausschussmitglied im Bayerischen Jagdverband, nicht. Er weiß, dass jede Wildtiergattung bei einem nahenden Auto ein anderes Verhaltensmuster zeigt. Und im Fall von Rehen ist nicht einmal die Reaktion innerhalb einer Art kalkulierbar.


Fachmann erklärt das Verhalten
"Rehwild hat ein Verhalten, das man nicht in ein Schema bringen kann", warnt er die Autofahrer davor, dass im Ernstfall alles passieren kann: "Das Tier springt raus, es bleibt stehen, es springt zurück." Auch seien die Rehe oft nicht allein unterwegs. "Der Autofahrer denkt, das eine Reh ist vorbei, da ist das nächste schon da", zeigt er die Gefahr in einer solchen Situation auf.

Ganz anders ticken die Wildschweine: Das Streusalz, das in den Straßengräben landet, lockt die Tiere an, wie Riedel feststellt. Wenn sich dann eine Rotte über die Straße bewegt, geht sie auch schnurstracks hinüber. Und die hinteren Tiere versuchen, den Anschluss nicht zu verlieren. Mit sieben, zehn oder zwölf Wildschweinen auf einen Schlag sei ohne Weiteres zu rechnen. "Und das Aufprallgewicht einer Sau ist immens", weiß Riedel um die Gefahr, die dem Autofahrer bei einem Zusammenstoß mit hoher Geschwindigkeit droht.

Auch der Fuchs schnürt gerne am Straßenrand. "Und wenn er auf seiner Seite nichts mehr findet, dann wechselt er eben auf die andere", so Riedel. Ein Hase dagegen hüpfe vor dem Scheinwerferlicht hin und her. "Auch wenn man meint, er wäre eigentlich schon in Sicherheit, springt er unverhofft auf die Straße zurück." Durch den leider zu verzeichnenden Rückgang dieser Tiere spielten Unfälle mit ihnen allerdings keine große Rolle, so Riedel. Er vermutet aber auch, dass solche Zusammenstöße von den Autofahrern oft gar nicht gemeldet werden.


Unfälle unbedingt melden
In dieser Hinsicht mahnt Riedel dazu, Zusammenstöße mit Wildtieren unbedingt der Polizei mitzuteilen. "Dazu besteht schon aus Sicht des Tierschutzes eine moralische Verpflichtung." Gleichzeitig warnt er davor, verletzte Tiere anzufassen, weil deren Reaktion nicht abzuschätzen sei. Sie könnten zubeißen oder ausschlagen. Sei das Tier definitiv tot, könne man es an den Straßenrand ziehen, um Folgeunfällen vorzubeugen. Das Mitnehmen des Tieres sei übrigens nicht gestattet, denn das gilt rechtlich als Wilderei.

Dachse sind nach Riedels Erfahrung im Winter weniger unterwegs. Dieses Tier taucht vor allem dann auf den Straßen auf, wenn es Hochzeit hält. Dabei gilt der Dachs als beharrlich. Riedel erklärt: "Er ist nicht der Schnellste. Und er schaut auch nicht auf die Scheinwerfer. Wenn er rübergeht, dann geht er eben rüber."

Der Wolf sei kein großes Thema bei uns, der Luchs trete allerdings wieder in Erscheinung. Dass es dieses edle Tier bei der Rückkehr in unsere Wälder besonders schwer mit dem Straßenverkehr hat und daher überproportional oft unter die Räder kommt, findet der Jäger sehr traurig.

Luchs und Wolf hätten aus ihren bisherigen Lebensräumen keine Erfahrungswerte mit dem Asphalt und seinen Gefahren. Deshalb appelliert Riedel an die Autofahrer: "Da muss der Mensch auch mehr Verantwortung übernehmen!"

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