Kronach
Volksglaube

Umgarnt von geheimnisvollen Mächten

Im Volksglauben des Frankenwaldes führen rätselhafte Spuren vom furchterregenden und unheilvollen "Bilmitznschneide" bis zur glückbringenden Ringelnatter.
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Zerzaust von Wind und Wetter ist dieser "Krautsbüebl" an der Fränkischen Linie, dem südwestlichen Tor zum Frankenwald. Allem Anschein nach ist er ein Ururenkel vom fiesen "Bilmitznschneide". Alexander Grahl
Zerzaust von Wind und Wetter ist dieser "Krautsbüebl" an der Fränkischen Linie, dem südwestlichen Tor zum Frankenwald. Allem Anschein nach ist er ein Ururenkel vom fiesen "Bilmitznschneide". Alexander Grahl

Seit den ersten Siedlern im alten Nortwald glaubt man an den Spuk der Geister, indem man unerklärbare Naturphänomene der Macht von Dämonen zuschrieb. So ist der Glaube an den "Bilmitznschneide" im Frankenwald weit verbreitet. Ursache dieses Volksglaubens ist eine schmale Spur von aufrecht stehenden Halmen ohne Ähren, die häufig diagonal durch ein reifes Kornfeld führt. Die Deutungen gehen von Insekten über Waldtiere bis hin zum Dämon.

"Bilmitzen" ist verwandt mit "Bullmes", das nach fränkischem Sprachgebrauch einen großen unflätigen Mann bezeichnet. Folglich ist der Bilmitznschneide ein Dämon in Menschengestalt, der harmlos und völlig normal aussieht, aber in Wirklichkeit von abschreckender Hässlichkeit ist. Der "Fiedles-Görch", ein ehemaliger "Flura" hoch über der Wilden Rodach bei Wallenfels, berichtet von einer unglaublichen Geschichte, die ihm schon sein Urgroßvater, Gott hab ihn selig, erzählt hat. Demnach soll der "Bullmes" sein Treiben noch vor Sonnenaufgang beginnen, indem er durch das reife Korn streift und mit einer an einem Zeh befindlichen Sichel die Ähren abschneidet. Nach altem Glauben fliegen diese in seine Scheune oder auf den Dachboden. Daneben hat er auch die Befähigung, gedroschenes und ungedroschenes Getreide aus einer fremden Scheune in sein eigenes Anwesen zu hexen.

Das letzte Stündlein

Mit gedämpfter Stimme fährt er fort: "Jede Begegnung eines Menschen mit diesem Dämon bedeutet den Tod für einen von beiden. Wer den Bilmitznschneide vor Sonnenaufgang in seiner wahren Gestalt sieht und von seinem Blick getroffen wird, dem schlägt das letzte Stündlein. Dagegen macht es dem Dämon den Garaus, wenn ein Mensch sein heimliches Tun un-bemerkt beobachtet und ihn anruft. Trifft man einen einzelnen Mann vor Sonnenaufgang in der Flur, soll man nach altem Glauben zur eigenen Vorsicht auf die Seite hin ausweichen, von deren Richtung der Wind weht. Der andere wird auf diese Weise ,vom Wind gestürmt' und wird vom Tod ereilt, sofern er der Bilmitznschneide ist. Weht dagegen der Wind vom Dämon auf dem ihn begegnenden Menschen, so muss letzterer das Zeitliche segnen".

Bezüglich der Heuernte hält sich im Ölschnitztal um Windheim der Glauben an einen ungenannten Vegetationsdämon, der zugunsten der Wiese und ihres Besitzers beeinflusst werden soll. Der Brauch, sich nach dem Verladen des letzten Fuders Heu auf die Wiese hinzusetzen und ein stilles Vaterunser zu beten, wurzelt in dem Analogiezauber, hiermit die Wiese "zu beruhen" und verdeutlicht die Gleichsetzung von Mensch und Natur.

Im südwestlichen Frankenwald wird in manchen Tieren ein Dämon vermutet, wobei man besonders die schwarze Farbe als unglückbringend betrachtet. Fliegen Krähen mit Gekrächze über den Bauernhof, so glaubt man an den baldigen Tod eines Kranken im Hof. Bedeutet hier die Krähe Unglück, verheißt sie dort Glück. Fährt nämlich der Bauer zur ersten Aussaat auf das Feld, so prophezeit die dort anwesende Krähe eine gute Ernte.

Einen weiteren Vertreter der Tierdämonen findet man in der Kröte. Traf man diese im Keller bei den Milchtöpfen an, betrachtete man sie nach früherem Volksglauben als Butterhexe, ein Dämon, der den Butterertrag zu mindern versuchte. Als ausschließlich gute und nützliche Wesen unter den Tieren galten die heute vom Aussterben bedrohte Wachtel und Lerche. Sie bieten nach altem Glauben den Feldern Schutz bei Hagel und den Menschen Hilfe bei aufziehendem Gewitter. Ihre Macht reicht jedoch nur so weit, wie man ihren Schlag vernimmt.

Die gute Ringelnatter

Besonders in älterer Zeit galt die Ringelnatter als Tier, das zu schützen ist. Die "Otter", wie sie im Volksmund heißt, gilt als guter Dämon, ja sogar als Glücksbringer. Die Bezeichnung "Schlange" ist erst mit der Schriftsprache eingedrungen, und so war der ortsübliche Ausdruck für die ungefährliche Gattung der Ringelnatter "Otter", das giftige Gegenstück erhielt den Namen "Kreuzotter".

Im Töten der Otter sieht man einen schweren Frevel, der eines Tages auf den "Mörder" zurückschlägt. Diese Betrachtungsweise stammt noch aus der Zeit, da die Dorfhäuser im Frankenwald aus hölzernen Blockbauten mit jeweils einer Elle Steinsockel bestanden. Unter den Dielen dieser Häuser befanden sich mit Vorliebe Ringelnattern, die dort vom Mäusefang lebten und somit für die damaligen Menschen eine große Hilfe waren.

Schwarze und gelbe "Breema"

Die Farbe spielte wiederum im Kremnitztal eine Rolle bei den Tieren, denen die Bedeutung eines Omens zukommt. So glaubt man, dass viele schwarze Bremsen, sprich "Breema", im Sommer viel schwarzes Heu, also eine schlechte Heuernte, erwarten lassen, die großen gelben "Breema" dagegen gutes Heu. Ebenso maß man dem ersten Anblick eines Schmetterlings und seiner Farbe bezüglich des Orakelglaubens große Beachtung bei. Ein heller Schmetterling bedeutet immer Fröhlichkeit und Glück, ein dunkler dagegen verkündet Leid im laufenden Jahr. Unglück, ja sogar einen baldigen Tod im Haus weissagt auch eine Henne, wenn sie plötzlich wie ein Hahn kräht.

Als das Wirtshaus noch kultureller Mittelpunkt und "es Döffla" eine große Familie war, wurde oft bis spät in die Nacht über Gott und die Welt debattiert, Schafkopf gekartet oder in trauter Runde alte Heimatlieder gesungen. In einem "Schnaadehüpfela" von damals hieß es: "A Maala wu pfeuft, a Henna wu grejd, denna küjd alla Zwaa dä Holls rümmgedrejd! (Refrain: Holladrihia holladrihoppsassa, holladrihia holladrihoo!)"

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