Kronach
Soziales

Suche Kinder, biete Glück: Pflegeeltern in Franken sind Mangelware

Sie konnten keine Kinder bekommen, nun haben sie gleich vier. Ein Kronacher Ehepaar kümmert sich um Kinder, die ein liebevolles Zuhause suchen. Kein Einzelfall in Franken - in der Region leben mehr als 3100 Kinder in einer Pflegefamilie.
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Liebe auf Zeit: Pflegefamilien springen ein, wenn die leiblichen Eltern nicht mehr können oder wollen. Die Jugendämter sind ständig auf der Suche nach Interessenten.Halfpoint/fotolia
Liebe auf Zeit: Pflegefamilien springen ein, wenn die leiblichen Eltern nicht mehr können oder wollen. Die Jugendämter sind ständig auf der Suche nach Interessenten.Halfpoint/fotolia

Munter schwatzend drängen sie sich durch den Holztürrahmen in die Küche. Sie klauben die Reste des Brettspielnachmittags vom Esstisch, verteilen sechs Teller und nehmen schwungvoll Platz. Es gibt Nudeln, die Leibspeise von fast allen. Sie reden durcheinander, scherzen und lachen. Sie wirken glücklich. Meistens sind sie das auch. Für die vier Kinder, zwischen fünf und neun Jahre alt, deren Namen hier keine Rolle spielen sollen, ist das nicht immer selbstverständlich gewesen.

Das Familienglück gefunden haben die Kleinen bei Renate und Helmut Schulze ( Namen von der Redaktion geändert ) im Landkreis Kronach. Das Ehepaar kann auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen, weshalb es sich dazu entschied, fremden Kindern ein liebevolles Zuhause zu bieten.

Das erste kam mit dreieinhalb Monaten zu den Schulzes. Das war vor knapp neun Jahren. "Die Kinder haben von Beginn an Mama und Papa zu uns gesagt", erzählt der Pflegevater stolz. Eines der Mädchen und einen Jungen haben sie mittlerweile adoptiert und gelten nun offiziell als deren Eltern. Die anderen beiden leben zur Pflege bei ihnen.

Nicht immer konfliktfrei

Bei der Vollzeitpflege bleibt das Sorgerecht bei den Eltern, die Pflegefamilie darf nur Alltägliches entscheiden. Ohrlöcher, Impfungen und neue Frisuren gehören nicht dazu - hierfür müssen sie eine Einwilligung einholen. Außerdem halten die leiblichen Eltern in der Regel Kontakt zu ihren Kindern. Das läuft nicht immer konfliktfrei ab. Und theoretisch kann es sein, dass die Kinder auch nach Jahren in der Pflegefamilie zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren.

Familien wie die Schulzes sind Glücksfälle für die Kommunen. Die für die Kinder- und Jugendhilfe zuständigen Jugendämter freuen sich über jedes Kind, das sie in private Hände vermitteln können anstatt sie in ein Kinderheimen geben zu müssen. Ein Heimplatz kostet mehr als eine Pflegefamilie. Pro Fall fast das Vierfache. Und: "Kinder können leichter enge Bindungen zu Pflegeeltern als zu Betreuern aufbauen", sagt Margitta Schorn-Neuberth vom Pflegekinderdienst Bamberg. Das ginge umso leichter, je jünger die Kinder am Anfang sind.

Doch geeignete Paare zu finden, gestalte sich immer öfter schwierig, sagt sie. "Schwindendes Interesse ist gar nicht der Hauptgrund", sagt Schorn-Neuberth. In vielen Familien seien beide Elternteile berufstätig - da bleibt schlicht keine Zeit. Und manchmal müssen die Sozialarbeiter Bewerber ablehnen; etwa weil der pädagogische Hintergrund fehlt, finanzielle Mittel fehlen oder es in der Wohnung schlicht zu wenig Platz gibt.

Die Gründe, warum Kinder von den leiblichen Eltern getrennt werden, sind vielfältig. Drogen, Gewalt und Überforderung im Alltag spielen meist eine Rolle. In manchen Fällen sind die Kinder dermaßen traumatisiert, dass sich keiner traut, sich ihrer anzunehmen. Zwar unterstützen die Jugendämter, aber manchmal ist die Herausforderung zu groß. "Pflegekinder machen oft sehr belastende Erfahrungen: in der Herkunftsfamilie, bei den Übergängen und manchmal auch in der Pflegefamilie", erklärt Professor Klaus Wolf, Leiter der Forschungsgruppe Pflegekinder an der Universität Siegen. Etwa jedes zweite Kind sei traumatisiert. Das äußert sich auch im Verhalten. Nicht selten brechen Pflegeeltern ab, weil sie selbst überfordert sind. Um das zu vermeiden, prüfen die Sozialarbeiter die Bedingungen zwar vorab. Hundertprozentige Sicherheit aber gibt es nicht.

Hürden geringer als bei Adoptionen

Zwar sind die Hürden, ein Pflegekind zu bekommen, geringer als ein Kind zu adoptieren. Alleinstehende und ältere Paare haben zum Beispiel bessere Chancen. Dennoch ist "die Gewinnung von Pflegeeltern ein Dauerposten", teilt das Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS) mit. Das betrifft sowohl die Vollzeit- als auch die Bereitschaftspflege. "Bisher hatten wir Glück. Aber wir müssen jedes Mal jonglieren", sagt Schorn-Neuberth. Ähnliches hört man in anderen Regionen Bayerns. "Engpässe entstehen akut", sagt Kulmbachs Jugendamtsleiter Klaus Schröder. "Man muss schnell handeln." Noch schwerer ist es, Kinder mit Behinderung zu vermitteln.

Imagekampagnen sollen helfen. Die gelingen am besten mit Positivbeispielen aus der Praxis. Wie das von Familie Schulze. Sie können sich ein Leben ohne "ihre" Kinder nicht mehr vorstellen. Ob das Sechsergespann für immer zusammenwachsen kann, liegt zwar nicht allein in ihrer Hand. Aber sie versuchen solange wie möglich und werden solange wie nötig für die Kinder da sein.

Wissenswertes rund um Pflegefamilien

An wen wende ich mich, wenn ich ein Pflegekind aufnehmen möchte?

Pflegekinder und Adoptivkinder werden von den örtlichen Jugendämtern (in den Stadt- oder Kreisverwaltungen anzutreffen) oder von anerkannten freien Trägern vermittelt.

Welche Rechte und Pflichten haben Pflegeeltern?

Pflegeeltern übernehmen gemeinsam mit den Jugendämtern Verantwortung für die Erziehung und Entwicklung eines Kindes. Pflegeeltern sind berechtigt, in Angelegenheiten des täglichen Lebens zu entscheiden und die Inhaber der elterlichen Sorge zu vertreten. Für manche Dinge müssen diese aber um Erlaubnis gefragt werden. In einem Pflegevertrag können die leiblichen Eltern festlegen, welche Entscheidungen sie weiterhin selbst treffen wollen.

Wie lange dauert ein Pflegeverhältnis?

Bei einigen Kindern ist zu erwarten, dass sich die Situation in der Herkunftsfamilie über einen absehbaren Zeitraum hinweg stabilisiert und die Eltern ihr Kind wieder selbst betreuen können. Bei anderen ist die Perspektive unklar. Unter Umständen wird eine dauerhafte Unterbringung bis zur Volljährigkeit des Kindes notwendig.

Wo bekommen Pflegeeltern Unterstützung?

Das Jugendamt unterstützt bei der Aufnahme sowie der Vermittlung und begleitet die Familien während der Dauer des Pflegeverhältnisses.

Bekommen Pflegeeltern die Kosten erstattet?

Pflegeeltern haben Anspruch auf Pflegegeld. Das ist nach dem Alter des Pflegekindes gestaffelt und kann von jeder Kommune selbst festgelegt werden. In Nürnberg beispielsweise sind es zwischen 780 und 1010 Euro. Zusätzlich können Beihilfen beim Jugendamt beantragt werden: für Klassenfahrten, Reisen oder Erstausstattung. Zudem gibt es auch Kindergeld, das jedoch zum Teil mit dem Pflegegeld verrechnet wird. Das Bayerische Familiengeld wird an Pflegeeltern nicht ausgezahlt.

Wer entscheidet, ob und wann das Kind in seine Herkunftsfamilie zurückkehrt?

In den meisten Fällen bleibt das Sorgerecht für ein Pflegekind bei seinen Eltern. Daher können die Herkunftseltern entscheiden, wann sie ihr Kind wieder selbst erziehen wollen und können. Da die Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie jedoch in der Regel über das zuständige Jugendamt erfolgt, ist es in jedem Fall an der Entscheidung beteiligt. Weitere Infos gibt's unter:www.pfad-bayern.de.

Ein Kommentar vom Autor Stephan Großmann

Familie ist das stärkste Band, das Menschen zusammenhält. Kleinste Erschütterungen können es reißen lassen und irreparabel schädigen. Tausende Kinder alleine in Franken können oder dürfen nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Das ist traurig. Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass sich Menschen finden, die sich den oftmals traumatisierten und zuwendungsbedürftigen Kindern annehmen. Sie sind wahre Helden.

Seit Jahren herrscht Mangel an geeigneten Pflegeeltern. Jugendämter gehen notgedrungen in die Werbeoffensive. Wenngleich finanzielle Anreize alleine nicht ausschlaggebend sind, könnte der Freistaat mit einer Korrektur seines Familiengelds nachhelfen: Dabei gehen nämlich nicht nur die meisten Hartz IV-Kinder leer aus. Auch Pflegefamilien bekommen keinen Cent davon.



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