Kronach
Arbeitsplätze

Stellenabbau bei Dr. Schneider in Neuses - Auf der Suche nach Strohhalmen

Um die angekündigten 60 Stellen abzubauen, wählt der Automobilzulieferer Dr. Schneider zwei Varianten. Kurios: Im Herbst könnte schon wieder eingestellt werden.
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Der Personalabbau beim Automobilzulieferer Dr. Schneider ist das Resultat eines Zukunftskonzepts, das eine Unternehmensberatung im Auftrag des Neuseser Familienunternehmens durchgeführt hat. Symbolbild: Archiv/Hendrik Steffens
Der Personalabbau beim Automobilzulieferer Dr. Schneider ist das Resultat eines Zukunftskonzepts, das eine Unternehmensberatung im Auftrag des Neuseser Familienunternehmens durchgeführt hat. Symbolbild: Archiv/Hendrik Steffens

Er hatte es bereits geahnt. "Hinter vorgehaltener Hand hieß es: ,Schaut euch mal auf dem Arbeitsmarkt um. Es könnte da was auf uns zukommen‘", erzählt Gerd Schmidt. "Als die Führungskräfte kurz vor Weihnachten dann immer öfter mit dem Betriebsrat zusammenkamen, war uns klar, dass sich da tatsächlich was zusammenbraut." Vergangenen Freitag war es soweit. Es kam etwas. Und es kam auf ihn zu.

Er gehöre zu jenen 60 Angestellten, denen Dr. Schneider betriebsbedingt kündigen müsse, habe ihm sein Abteilungsleiter mitgeteilt. Mit dem Stellenabbau reagiere man auf ein sehr unruhiges und schwer planbares Marktumfeld, das in den kommenden Monaten nicht einfacher werde, hieß es wenige Stunden später in der offiziellen Pressemitteilung des Automobilzulieferers.

Ein Schock sei die Mitteilung dennoch gewesen, sagt Schmidt, der eigentlich ganz anders heißt, im Gespräch mit dem Fränkischen Tag. Trotz Vorwarnungen, trotz Gerüchten. Denn dass er es sein wird, den ein solcher Anruf ereilt, habe er sich nur schwerlich vorstellen können: "Ich bin über 50 Jahre alt, verheiratet, Familienvater und seit einer zweistelligen Zahl an Jahren im Unternehmen."

Was wie Hohn klingt

Rahmendaten mit denen er nicht erwartet hatte, auf der Liste derer aufzutauchen, von denen sich eine Firma trennen möchte. Wie Hohn klinge für ihn daher der Satz: "Die Sozialverträglichkeit hat für uns oberste Priorität." So ließ sich Parag Shah, der Vorsitzende der Geschäftsführung, in der Pressemitteilung des Familienunternehmens zitieren.

Soziale Kriterien könne er allerdings nicht erkennen, meint Schmidt. "Für mich ist das daher eine offensichtliche Falschaussage." Inzwischen habe er auch erfahren, dass es mehrere Angestellte in seinem Alter, Familienstand und mit ähnlich vielen Berufsjahren im Unternehmen gibt, die von den Kündigungen betroffen sind. "Viele, die unverheiratet sind, keine Kinder haben und noch nicht so lange dabei sind, hat es hingegen nicht getroffen", ist er irritiert.

Punkteschema entscheidet

Dass von Kündigungen auch Mitarbeiter betroffen sind, die schon lange in einem Unternehmen sind, ist allerdings nicht unüblich, weiß die Kronacher Rechtsanwältin Sabine Gross, die sich unter anderem auf Arbeitsrecht spezialisiert hat. "Wenn eine Firma nicht nur Angestellte haben möchte, die alle kurz vor der Rente stehen, kann sie Altersgruppen bilden. Etwa jeweils mit 30-, 40- und 50-Jährigen", erklärt sie. Ein Punkteschema entscheide dann darüber, wem in der jeweiligen Altersgruppe gekündigt werden kann. "Da muss ich die Kündigungen dann so aussprechen, dass die Altersstruktur im Unternehmen gleichmäßig bleibt."

Genau so sei auch vorgegangen worden, sagt Matthias Barnickel, der Betriebsratsvorsitzende für den Standort Neuses. "Das Ranking ist bei jedem gleich gemacht worden. Es gab Punkte für die Betriebszugehörigkeit, das Alter, Kinder, die familiäre Bindung und gegebenenfalls für eine Schwerbehinderung", erklärt er.

Noch keine Kündigungen

Zwar stehe nun fest, wen es nach diesem Ranking trifft, beendet sei der Einsatz des Betriebsrats damit aber noch lange nicht. "Wir wissen um die jeweiligen Hintergründe", versichert er. "Jeder Arbeitsplatz, den wir verlieren, tut uns als Betriebsrat enorm weh. Daher greifen wir auch nach jedem Strohhalm."

Einer dieser Strohhalme heißt Aufhebungsverträge, ein anderer Ruhestand. Alleine am Donnerstag seien zwei Kollegen bei ihm gewesen und hätten angeboten, früher als geplant in Rente zu gehen. "Das bedeutet, dass dann auch zwei Mitarbeiter bleiben können, die ansonsten von den Kündigungen betroffen gewesen wären", sagt Barnickel.

Ohnehin sind nach Informationen unserer Redaktion noch keine Kündigungen ausgesprochen worden. Allen Mitarbeitern, die von ihren Abteilungsleitern informiert wurden, sind Aufhebungsverträge und entsprechende Abfindungen angeboten worden. Bis Mitte März haben die betroffenen Angestellten nun Zeit, das Angebot anzunehmen. Wer ablehnt, soll das Kündigungsschreiben dann bis Ende des Monats erhalten.

"Schwierige Situation"

Eine solche Vorgehensweise sei es auch, die unter dem Schlagwort "sozialverträglich" zu verstehen ist, erklärt Jürgen Apfel, der Geschäftsführer der IG Metall Coburg: Zu versuchen, mithilfe von Aufhebungsverträgen und vorgezogenen Renteneintritten möglichst wenige betriebsbedingte Kündigungen aussprechen zu müssen. "Wir als IG Metall sehen die schwierige Situation, in der Dr. Schneider als Automobilzulieferer ist", sagt Apfel. "Abschließend beurteilen, ob tatsächlich jetzt schon der Zeitpunkt gekommen ist, Personalmaßnahmen so zu ergreifen, können wir aber nicht." Der Betriebsrat habe ihm in einer zweistündigen Sitzung am Mittwoch jedoch versichert, alles dafür getan zu haben, um das Ausmaß des Personalabbaus zu verringern.

Kurzarbeit keine Alternative

Zu diesem entschlossen hat sich Dr. Schneider Unternehmensangaben zufolge, "auf Basis einer umfassenden Marktanalyse", und eines daraus resultierenden "Zukunftskonzepts", das in den vergangenen Monaten entwickelt worden sei. Erstellt worden sei dieses Konzept von einem Beratungsunternehmen, das auch derzeit noch bei Dr. Schneider vor Ort ist, sagt Apfel.

Vor Ort sind allerdings nicht nur Unternehmensberater, sondern inzwischen auch drei Mitarbeiter des Arbeitsamts. "Von der Firma wird wirklich viel angeboten, um das vernünftig zu machen", betont Barnickel. Die Personalabteilung habe etwa bereits Gespräche mit anderen Unternehmen geführt, ob diese Angestellte übernehmen können. "Wahrscheinlich ist es ja sogar so, dass wir im Herbst wieder einstellen müssen, weil dann wieder die Auftragslage entsprechend ist", meint der Betriebsratsvorsitzende. Die Monate dazwischen mit Kurzarbeit zu überbrücken, sei aber keine Alternative gewesen. "Die Personalabteilung hat uns bereits zugesagt, dass bei Neueinstellungen dann vor allem jene wieder eingestellt werden, die nun von den Kündigungen betroffen waren", so Barnickel.

Ob er das Angebot annimmt, weiß Schmidt noch nicht: "In meinem Alter bin ich ja schwer zu vermitteln." Zudem müsse er sehen, wie weit er mit der Abfindung kommt. "Falls ich überhaupt eine neue Stelle finde, dann höchstens mit einem wesentlich längeren Arbeitsweg."

Rechtsanwältin Sabine Gross: "Etwa 30 Prozent der Abfindung gehen für Steuern drauf"

Aufhebungsverträge, Abfindungen oder betriebsbedingte Kündigungen: Nach der Ankündigung des Neuseser Automobilzulieferers Dr. Schneider, 60 Stellen im sogenannten indirekten Bereich abzubauen, schwirren gleich mehrere sperrige Begriffe umher. Die unter anderem auf Arbeitsrecht spezialisierte Kronacher Rechtsanwältin Sabine Gross erklärt im Interview, was sich dahinter verbirgt und worauf Betroffene achten sollten. Welche Möglichkeiten hat ein Unternehmen wie Dr. Schneider, Kündigungen auszusprechen?

Sabine Gross: Weil Dr. Schneider mehr als zehn Beschäftigte hat, fällt er unter den Kündigungsschutz. Dann ist eine Kündigung nur sozial gerechtfertigt, wenn sie entweder personenbedingt ist, also zum Beispiel wegen einer lang andauernden Krankheit, verhaltensbedingt, etwa wegen Störung des Arbeitsverhältnisses, oder betriebsbedingt.

Und wann ist eine Kündigung betriebsbedingt?

Wenn die Arbeit, die ich gemacht habe, wegfällt. Aber dafür muss der Arbeitgeber dann beweisen, dass die Tätigkeit, die ausgeübt wurde - etwa im Lager - nicht mehr gemacht wird. Auch von keinem anderen.

Bis Ende März sollen die Kündigungen den betroffenen Mitarbeitern zugestellt werden. Inwieweit spielt dann der Faktor Zeit eine Rolle?

Wenn man sich dagegen wehren möchte, muss drei Wochen nach Zugang der Kündigung beim Arbeitsgericht Klage eingereicht werden. Versäumt man diese Frist, ist die Kündigung rechtskräftig - selbst wenn sie nicht rechtmäßig war.

Bisher wird mit Aufhebungsverträgen gearbeitet. Ein übliches Vorgehen?

Das ist ein legitimes Mittel. Vielleicht mag der Betroffene ja nicht mehr. So spart sich der Arbeitgeber auch das ganze Prozedere mit dem Betriebsrat.

Wann würden Sie einem Betroffenen raten, ein Abfindungsangebot anzunehmen und wann besser nicht?

So pauschal kann man das nicht sagen. Viele Details erfährt man erst vor Gericht. Daher sollte man sich auf jeden Fall beraten lassen. Findet man allerdings schnell eine neue Arbeit, würde ich schon empfehlen, das Angebot anzunehmen und mich nicht gerichtlich zu streiten. Habe ich aber Probleme, eine neue, adäquate Arbeit zu finden und müsste vielleicht umziehen, würde ich mich beraten lassen, ob eine Kündigungsschutzklage zum Erhalt meines Arbeitsplatzes erfolgreich wäre. Bei der Höhe der Abfindungen muss man übrigens aufpassen. Da vertut man sich oft.

Inwiefern?

Viele denken, dabei handele es sich um eine Nettosumme. Aber davon müssen noch Einkommenssteuer, Soli und Kirchensteuer abgeführt werden. Im Schnitt gehen etwa 30 Prozent der Abfindung für Steuern drauf.

Müssen Betroffene die Sorge haben, wegen einer erhaltenen Abfindung das Arbeitslosengeld gekürzt zu bekommen?

Das kommt ganz drauf an. Wenn ich einen Aufhebungsvertrag unterschreibe, um eine ansonsten unumgängliche betriebsbedingte Kündigung zu vermeiden, bekomme ich keine Sperrzeit beim Arbeitsamt. Dass ansonsten betriebsbedingt gekündigt worden wäre, ist in den Aufhebungsverträgen dann aber auch vermerkt. Steht es im Vertrag, passiert in der Regel nichts. Das sagt auch das Bundessozialgericht. Man muss dem Arbeitnehmer ja die Möglichkeit geben, ein solches Angebot anzunehmen, wenn er weiß, dass er sonst eine Kündigung erhält. Allerdings erfolgt nur dann keine Sperrzeit oder eine Anrechnung der Abfindung, wenn die Beendigung des Arbeitsverhältnisses im Aufhebungsvertrag nicht vor dem Ablauf der vertraglichen oder gesetzlichen Kündigungsfrist erfolgt.

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