Kronach
Kriminalität

Frau schreit um Hilfe - Mann kommt zur Hilfe und wird selbst zum Opfer

Andreas Schnabrich wollte einer Frau in einer Notlage helfen. Dabei wurde er zusammengeschlagen und schwer verletzt. Hilfe fand er beim Weißen Ring.
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Die beiden Mitarbeiter der Außenstelle des Weißen Rings Kronach, Inge und Walter Schaller, bei einem Beratungsgespräch mit Andreas Schnabrich (Mitte). Foto: Heike Schülein
Die beiden Mitarbeiter der Außenstelle des Weißen Rings Kronach, Inge und Walter Schaller, bei einem Beratungsgespräch mit Andreas Schnabrich (Mitte). Foto: Heike Schülein

"Heute geht es mir relativ gut", sagt Andreas Schnabrich, "anders als damals, als ich ganz unten war. Ich konnte nicht mehr arbeiten, hatte kein Geld mehr. Ich war fix und fertig." Dreieinhalb Jahre ist es nun her, dass sich das Leben des Steinwieseners von einer Sekunde auf die andere änderte. Dass er vom Helfer selbst zum Opfer wurde - mit dieser Erkenntnis muss er leben und auch damit, dass er nach der Gewalttat lange Zeit vollkommen allein gelassen wurde, bis er schließlich Hilfe vom Weißen Ring erhielt.

Am 23. August 2015 lief Andreas Schnabrich nachts nach einem Besuch des Freischießens zum Kronacher Bahnhof, um mit einem Taxi nach Hause zu fahren. "Ich hörte eine Frau etwa im Bereich der Metzgerei Höring laut schreien. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie in Gefahr ist. Ich sprach den Taxifahrer darauf an, dass da etwas nicht stimmt und man helfen muss. Er meinte aber nur, er sei zum Geldverdienen da. Ich könne einsteigen oder es bleiben lassen", erinnert sich der Steinwiesener, der daraufhin alleine den Schreien folgte. Danach hat er einen Filmriss.

Das nächste, woran er sich erinnert, ist, wie er im Krankenhaus wieder aufwachte - der Befund: vierfacher Schulterbruch! Auch wie er in die Klinik kam, dass er sich schwer verletzt den vom Bahnhof aus relativ weiten Weg dorthin geschleppt hat, weiß er nicht mehr. Von der Frau, der er helfen wollte, gibt es bis heute ebenso wenig eine Spur wie von dem Mann, der sie bedroht hatte und der vermutlich auch ihn so übel zugerichtet hat.

Nach vier Tagen wurde Andreas Schnabrich aus der Klinik entlassen - mit großen Schmerzen und in der Ungewissheit, wie es weitergeht. Über 20 Jahre hatte er zum damaligen Zeitpunkt in einem Baumarkt gearbeitet, in dem er bereits seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert hatte. In seiner Abteilung, in der er zuvor eingesetzt war, konnte er mit seiner kaputten Schulter nicht mehr arbeiten.

Die "Weißen Engel"

"Ich bin total abgestürzt - finanziell und psychisch. Vor dem Vorfall war ich gerade dabei, mir das Haus meiner Oma herzurichten. Daran war nicht mehr zu denken. Ich war wirklich am Ende: Ich hatte nichts mehr zu essen; der Kühlschrank war leer. Es heißt doch immer, dass man Zivilcourage zeigen und helfen soll. Dann macht man genau das und niemand hilft einem? Es war die Hölle auf Erden!", verdeutlicht er. Heute weiß er, dass es sehr wohl Hilfe gibt - vom Weißen Ring, worauf ihn aber damals weder die Polizei noch jemand im Krankenhaus hingewiesen habe. Erst ein Kollege aus Essen erzählte ihm - ein Jahr nach der Tat - davon.

Andreas Schnabrich schrieb eine E-Mail an die Kronacher Außenstelle und so kam das Ehepaar Walter und Inge Schaller ins Spiel - seine, wie er dankbar sagt, "Weißen Engel". Die beiden ehrenamtlichen Mitarbeiter der Opferschutzorganisation antworteten innerhalb kürzester Zeit und stehen ihm seitdem zur Seite. Er erhielt eine finanzielle Soforthilfe. Sie halfen ihm bei der Erlangung von Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz, wofür viel Bürokratisches notwendig war, und - für ihn am wichtigsten: Sie hörten ihm von Anfang an zu und bauten ihn psychisch wieder auf. Auch gesundheitlich ging es für ihn - nach einer Reha im Allgäu - wieder bergauf.

Fall geht vors Arbeitsgericht

Bei seinem Arbeitgeber wurde er in einem anderen Arbeitsbereich eingesetzt. Doch leider betrachte man ihn dort, so Andreas Schnabrich, nunmehr nur noch als "Klotz am Bein", nicht mehr zu gebrauchen. "Es ist schwer genug für mich, nicht mehr so wie früher arbeiten zu können. Aber, dass man mich dann auch noch so behandelt, nach über 20 Jahren, das ist schlimm", sagt er traurig.

Sein Fall geht demnächst vors Arbeitsgericht. Seine Anwältin wurde ihm ebenfalls vom Ehepaar Schaller vermittelt, das mit dieser seit vielen Jahren vertrauensvoll zusammenarbeitet. Demnächst steht eine weitere Reha an, die ihn hoffentlich gesundheitlich erneut voranbringt.

"Natürlich ist meine Situation nach wie vor alles andere als einfach. So wie vorher wird es nicht mehr", gibt er sich realistisch: "Aber ich habe jetzt die Kraft, zu kämpfen und weiterzumachen, weil ich diesen Rückhalt hinter mir weiß!"

Kein tragischer Einzelfall

Ein tragischer Einzelfall ist, so Inge Schaller, Andreas Schnabrich keineswegs. "Die meisten Opfer leiden ein Leben lang", betont die seit dem Jahr 2008 in der Opferberatung tätige Außenstellen-Leiterin des Weißen Rings Kronach. Täter erhielten Hilfe und Beratung in vielfältiger Form; die Opfer lasse man alleine. Wie alle Mitarbeiter des Weißen Rings arbeitet sie ehrenamtlich.

Leider lasse die Zusammenarbeit von manchen Stellen mit ihrer sechs Mitarbeiter zählenden Außenstelle zu wünschen übrig. Derzeit betreut man langfristig im Jahr zwischen 30 und 40 Opfer ganz unterschiedlicher Straftaten. Das Team leistet Trost und Beistand, hört zu und begleitet bei Behördengängen. Darüber hinaus vermittelt man materielle Hilfen oder nimmt eine Lotsenfunktion wahr, um im Hilfenetzwerk des Weißen Rings weiterzuvermitteln.

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