Nurn
Rückblick

Steinerne Erinnerung an Michael Zipfel lebt weiter

In der Serie "Fast vergessen" wird eine Sandsteinmarter beleuchtet. Die Geschichten solcher religiösen Flurdenkmale sind oft nur mündlich überliefert.
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Mitglieder vom Frankenwaldverein, Ortsgruppe Nurn, bei einer Besichtigung der schräg stehenden und renovierungsbedürftigen Marter Roland Graf
Mitglieder vom Frankenwaldverein, Ortsgruppe Nurn, bei einer Besichtigung der schräg stehenden und renovierungsbedürftigen Marter Roland Graf
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Die Stiftungsanlässe von religiösen Denkmälern sind sehr vielfältig. Ihre Geschichten haben nur dadurch überlebt, dass sie mündlich weiter gegeben wurden. Dieses mündliche Transportieren der Geschichten war auch nötig, denn die Stiftungen der religiösen Flurdenkmale erfolgten nicht auf Anordnung durch den Klerus oder durch Kommunen. Es waren persönliche Anlässe von Privatleuten, die in der Regel hierüber keine Aufzeichnungen führten.

Die Suche nach schriftlichen Quellen gestaltet sich deshalb schwierig. Berichtet die mündliche Erzählung allerdings von einem Todesfall, so können eventuell die Matrikelbücher der Kirche weiterhelfen. Eine solche Überlieferung erzählte eine 91 Jahre alte Frau aus Nurn.

Die besagte Sandsteinmarter steht "draun auf`m Gänshügl", südöstlich der Ortschaft Nurn, am alten Kirchen- und Leichenweg von Nurn nach Steinwiesen. In ihrer Erzählung führte sie unter anderem aus, dass damals ein Vorfahre der Familie Zipfel "beim Straa schnaadn" (Laub schneiden) von einem Baum gefallen sei und sich so schwer verletzt habe, dass er starb. "Su habm uns immer die Alten erzählt. Des muss aber scho lang her sei."

Betrachtet man die Marter etwas genauer, so findet man in den Reliefbildern und in den eingemeißelten Schriften bereits Anhaltspunkte für die Richtigkeit der mündlichen Erzählung. Am Schaft eingemeißelt steht zu lesen: "Jesus Maria: U. Joseph steh mir bey an meinen letzten End, weill ich nicht hab können empfangen das Heilig Sacra (ment) Michel Zieppfel 1778." In einer weiteren Schrift, die sich am Sockel befindet, war früher die Gebetsbitte zu lesen: "Hier bin gestorben ich, beth ein Vater unser für mich."

Mit diesen Inschriften erklären sich auch die beiden Reliefbilder am Schaft der Marter. Im Oberteil ist ein hoher Laubbaum mit einem abgebrochenen Ast dargestellt. Im kleineren Relief darunter liegt ein Mann am Boden, umgeben von belaubten Ästen: der tödlich abgestürzte Michael Zipfel.

Dass sich in der Erzählung das wahre Geschehen überliefert hat, belegt der Eintrag in den Sterbebüchern der Pfarrei Steinwiesen, die im Erzbischöflichen Archiv in Bamberg aufbewahrt werden. Hier ist festgehalten, dass am 24. Oktober 1777 der Michael Zipfel " bey dem Streey machen" vom Baum fiel und verstarb. Er galt in der Gemeinde als "frommer und willfähiger Jüngling", der mit "33 Jahren feierlich begraben" wurde.

Frei stehend auf dem "Gänshügel" hatten Wind und Wetter der Sandsteinmarter stark zugesetzt. Schief stehend, die bekrönende Steinkugel bereits verloren, waren vor allem die Inschriften stark verwittert. Sich des hohen kulturellen Wertes des religiösen Denkmals bewusst, erklärte sich 1991 der Frankenwaldverein, Ortsgruppe Nurn bereit, eine würdige Wiederherstellung in Auftrag zu geben. Ihr Obmann, Albin Deuerling, nahm Verbindung mit dem Kreisheimatpfleger und dem Unteren Denkmalschutz auf, damit der Steinmetzbetrieb Kochdumper in Steinwiesen mit den Arbeiten beauftragt werden konnte.

Am 31. Mai 1992 zogen zu den Klängen des Musikvereins die Bürger und die Ortsvereine mit ihren Fahnenabordnungen in einem Festzug zur renovierten Sandsteinmarter. Die Feierstunde umrahmte der Gesangverein "Sängerfreunde". Geistlicher Rat Johannes Seifert gedachte im Gebet des tödlich verunglückten Michael Zipfel und erinnerte an den hohen künstlerischen, volkskundlichen und religiösen Wert der Flurdenkmallandschaft.

Wer heute vor der Marter steht, wird feststellen, dass sich der Stein noch immer in einem guten Zustand befindet. Die im Lauf der Jahre verblasste Schrift wurde in jüngster Zeit farblich aufgefrischt, wodurch die Stiftungsgeschichte des religiösen Denkmals nachvollziehbar bleibt.


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