Kronach
Gottesdiensttest

Kein radikaler, aber ein ehrlicher Appell in der Stockheimer Kirche St. Wolfgang

Der Gottesdienst in Stockheim hätte den Besucher unbeeindruckt hinterlassen - wäre Pfarrer Dinkel in seiner Predigt nicht ein authentischer Brückenschlag zwischen Evangelium und Alltag gelungen.
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Das Stockheimer Gotteshaus St. Wolfgang besteht in der heutigen Form mit Kapelle und südlichem Längsschiff seit 1933. Eingeweiht wurde dieser Erweiterungsbau zwei Jahre später von Erzbischof Jakobus Hauck. Foto: Archiv/Fleischmann
Das Stockheimer Gotteshaus St. Wolfgang besteht in der heutigen Form mit Kapelle und südlichem Längsschiff seit 1933. Eingeweiht wurde dieser Erweiterungsbau zwei Jahre später von Erzbischof Jakobus Hauck. Foto: Archiv/Fleischmann

Das Urteil unseres Testers:

Geht man mit einer Erwartungshaltung in einen Gottesdienst? Nicht wirklich. Im Grunde weiß man ja, was beim sonntäglichen Kirchgang auf einen zukommt. Und genau das wurde in Stockheim geboten. Ein solider Gottesdienst, an dem es nichts zu bemängeln gibt. Die Predigt allerdings sollte lobend hervorgehoben werden, denn die Thematik der Nächstenliebe ist in Zeiten von Seenotrettung und Flüchtlingsdebatten ja aktueller denn je. Pfarrer Dinkel hat es geschafft, die Brücke zwischen den unbarmherzigen Räubern aus dem Lukas-Evangelium bis in die heutige Zeit zu schlagen. Sicher, hätte man noch selbstkritischer beim Thema "nicht wegsehen und weghören" vor den Toren der katholischen Kirche kehren können. Aber um auf die Erwartungshaltung zurückzukommen: Solch radikale Ansätze in einer Sonntagspredigt in Stockheim erwartet wohl niemand. Der Bezug zu Hilfsorganisationen und dazu, "das gute Gewissen erkaufen zu wollen", war gelungen. Der Appell an Nächstenliebe und vor allem auch Zivilcourage war authentisch und hat Eindruck hinterlassen.

Die Bewertung im Einzelnen:

1. Einstieg

Die Begrüßung durch den Pfarrer erfolgte schon freundlich und munter auf dem Parkplatz vor der Kirche in Stockheim. Ein leicht verwunderter Ausdruck angesichts des unbekannten Gesichts ließ darauf schließen, dass er ansonsten jeden der rund 40 Besucher an diesem Sonntag persönlich kennt. Entsprechend herzlich und familiär klang dann die Begrüßung in der Kirche. Wobei er nicht nur die treuen Kirchgänger, sondern alle, "egal wie weit sie sich zwischenzeitlich entfernt haben", willkommen hieß. Vielleicht ein kleiner Bezug auf das fremde Reportergesicht in den Reihen?

2. Musik

Ein bisschen zu laut. Unterhalten sollte man sich in der Kirche ja ohnehin nicht, aber ein kleines Pläuschchen während der Gesangseinlagen der Gemeinde wäre ohnehin nicht möglich gewesen. Zu kräftig donnerte es aus Richtung der Orgel, die nicht immer hundertprozentig Melodie und Töne traf. Letzteres kann verschmerzt werden, der drohende Hörsturz in den hinteren Reihen allerdings nicht.

3. Lesungen Die Lesungen wurden von einem Gemeindemitglied vorgetragen. Unterstützt durch Lautsprecher drangen die Worte klar und verständlich bis in die letzte Reihe. Was etwas verwunderte, wenn nicht sogar störte, war das Orgelspiel, das zu Ende der Lesung zwischen den einzelnen Passagen erklang. Die Worte gingen leider etwas unter, die Wirkung ging verloren.

4. Predigt

Mit Bezug auf das Lukas-Evangelium stellte Pfarrer Dinkel das Thema Nächstenliebe in den Mittelpunkt seiner Predigt. Ihm gelang es durch aktuelle Beispiele und einen lebensnahen Bezug zur Kirchengemeinde, die Geschichte der unbarmherzigen Räuber auf das Hier und Jetzt zu übertragen. Dabei regte er auch zur Reflexion und Selbstkritik an. Er schloss mit einem glaubhaften und gut eingeleiteten Appell, nicht wegzusehen oder wegzuhören und Zivilcourage zu zeigen.

5. Kommunion/Abendmahl

Die Eucharistie erfolgte durch Pfarrer Dinkel und eine Kommunionhelferin. In zwei Reihen stellten sich die Gläubigen auf, um den Leib Christi zu empfangen.

6. Segen

Der Segen wurde in Bezug auf die Predigt und damit in Hinblick auf all jene, die sich bereits sozial engagieren und Nächstenliebe beweisen, gesprochen.

7. Ambiente

Große Emotionen erwartet man von einem katholischen Gottesdienst ja meist nicht - und genauso lässt sich auch das Ambiente in Stockheim beschreiben. Nicht nüchtern, aber auch nicht überschwänglich, nicht kalt, aber auch nicht wohlig warm - im Grunde eine neutrale Stimmung, in der man sich trotzdem ein stückweit wohl und willkommen fühlte.

8. Kirchenbänke

Kritiker haben ja oft ein Problem mit dem "ständigen Niederknien bei den Katholiken". Das soll hier nicht kommentiert werden, allerdings ist bei der Gestaltung der Bänke Folgendes aufgefallen: Das (gepolsterte) Kniebänkchen ist so ungeschickt platziert, dass es kaum möglich ist, bequem zu sitzen. Stellt man die Füße hinter die Bank, muss man eine fast unnatürlich gerade Sitzhaltung einnehmen. Stellt man sie davor, lümmelt man bei einer Körpergröße von 162 Zentimetern eher unelegant herum.

9. Beleuchtung Das Kirchenschiff wird zwar durch die Fensterscheiben hindurch mit Tageslicht erhellt, die großen Leuchten, die über den Köpfen der Besucher hängen, braucht es dennoch. Ob der Einsatz von etwas dezenteren Glühbirnen im niedrigeren Wattbereich, die bei direktem Blickkontakt nicht akute Erblindungsgefahr mit sich bringen, angebracht wäre, ist wohl Geschmackssache. Ein paar einsame Kerzen brannten am Altar.

10. Sinne

Bei einem Gottesdienst vor 9 Uhr sind die Sinne am Sonntag wohl noch nicht ganz erwacht gewesen. Es ist weder Negatives noch besonders Positives zu berichten. Wie bereits beim Ambiente beschrieben: Neutral aber nicht kühl, mit Wohlfühlcharakter, aber nicht im Übermaß.

Warum ein Gottesdiensttest?

Wir wollen mit unserem Gottesdienst-Test die Kirchen ein wenig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Unter Kirchgängern, Geistlichen und Lesern soll eine Diskussion darüber entstehen, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Dieses in der Regel sonntägliche Treffen hat für evangelische wie katholische Christen ja bis heute eine große Bedeutung. Soll lebender Ausdruck des Christseins sein. Wir haben uns für eine Bewertung nach objektiven Kriterien theologische Hilfe geholt bei den Professoren Martin Stuflesser (Würzburg), er ist auch Berater der deutschen Bischofskonferenz, und Martin Nicol (Erlangen), der mit seinem Buch "Weg im Geheimnis" ein Plädoyer für den evangelischen Gottesdienst abgibt. Ergänzt werden objektive Kriterien um die subjektiven Eindrücke, die unsere Kollegen gewonnen haben.

Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos.

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