Neuses
Laufsport

Simone Gerstmayer: Grenzerfahrungen einer Ultra-Läuferin aus Neuses

Simone Gerstmayer aus Neuses ist Ultra-Trail-Läuferin. Ihre sportliche Leidenschaft führt sie oft bei extremer Witterung ins Hochgebirge - und dort geht sie an ihr körperliches Limit.
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Simone Gerstmayer beim Transalpinrun am Aufstieg zur Ochsenscharte (2787 Meter). Foto: privat
Simone Gerstmayer beim Transalpinrun am Aufstieg zur Ochsenscharte (2787 Meter). Foto: privat
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Laufen fand sie früher nicht toll. Nur auf einer Straße entlang zu joggen war Simone Gerstmayer zu langweilig. Heute ist sie Extrem-Läuferin. Regelmäßig nimmt sie an Marathons und Ultra-Trails teil. Unwegsame Gelände wie im Gebirge reizen sie viel mehr - sie will ihre Grenzen verschieben.

Der Knackpunkt kam 2010, als die Neuseserin spontan am Braveheartbattle in Münnerstadt teilnahm. Später lernte sie beim Klettern einen Ultra-Läufer kennen, der sie von seinem Sport begeisterte. 2013 startete die 39-Jährige bei ihrem ersten von mittlerweile 34 Marathons, ein Jahr später absolvierte sie ihren ersten von bis jetzt 45 Ultra-Trails. Für die medizinische Fachangestellte in einer Kronacher Hausarztpraxis muss es nicht immer der erste Platz sein, Hauptsache Natur. Dafür nimmt sie auch Grenzerfahrungen in Kauf.

Muss man verrückt sein, um diesen Sport zu betreiben?

Simone Gerstmayer: Man muss die Leidenschaft dafür haben. Für Otto-Normal-Verbraucher ist es verrückt. Viele sprechen mich auch an, wie ich so etwas machen kann. Schließlich investiert man viel Geld und Zeit. Und dann quält man sich stundenlang durch Wind und Wetter, um oben auf dem Berg eine versalzene Gemüsebrühe zu trinken und sich zu freuen wie ein Schnitzel.

Was war Ihre sportliche Grenzerfahrung schlechthin?

Beim Stubai-Ultra-Trail 2017 hat das Wetter so umgeschlagen, dass der Lauf verkürzt wurde. Die letzten drei Kilometer gingen auf einer Skipiste steil, fast senkrecht hoch. Ich habe keinen Weg gesehen, nichts. Ich bin einfach durch das Geröll, der Wind hat gepeitscht, es war ein Eisregen-Schnee-Gemisch. Da war ich am Limit und froh, dass der Lauf abgebrochen wurde. Ich weiß nicht, ob ich es noch zwei Stunden länger ausgehalten hätte. Als ich oben angekommen bin, stand die ganze Bergwacht mit den Rettungshunden schon Spalier.

Haben Sie schon einmal gedacht: "Bis hierhin und nicht weiter"?

Körperlich gab es schon Situationen, in denen ich keine Lust mehr hatte, müde war und mir alles wehgetan hat. Mit der Zeit lernt man, dass das oft nur der Kopf ist. Vom technischen her bis jetzt noch nicht.

Und wenn der Kopf nicht mehr mitmachen will?

Im besten Fall ist jemand dabei, der auf gleicher Höhe ist und dich mitzieht. Es reicht schon, wenn jemand neben dir läuft und mit dir redet. Anstrengend wird es, wenn man in der Früh startet und durch die Nacht läuft. Ich habe schon erlebt, dass ich die ganze Nacht über nur Regen, Schnee, Eisregen und Nebel hatte. Man ist da sowieso schon am Limit. Und sich da noch zu motivieren, ist manchmal schwer.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie stundenlang laufen?

Manchmal denkt man gar nichts und hat diesen Tunnelblick. Da läuft man einfach. Das ist der Optimalfall. Manchmal denkt man an alles Mögliche - an daheim oder schöne Erinnerungen. Und manchmal denke ich mir: Warum mache ich das? Der Fuß zwickt, das Knie sticht, Hunger habe ich auch. Ich könnte daheim im Garten liegen oder ein Eis essen gehen. Diese Situationen gehören eben auch dazu.

Was antworten Sie sich dann?

Irgendwann geht das wieder weg. Wenn man mitten im Gebirge im Geröllfeld steht, bei schlechtem Wetter, keine Lust mehr hat und sich hinsetzt - welche Möglichkeiten hat man da? Es ist kalt, es regnet. Bis die Bergwacht kommt, dauert es. Ein Heli kann auch nicht fliegen. Wie lange bleit man warm? Was hat man alles im Rucksack? Da kommt man zum Entschluss, dass man doch weiter muss, wenn man nicht erfrieren will. Man darf sich die Strecke nicht als Ganzes vorstellen. Ich teile sie mir in Etappen ein, bis zur nächsten Verpflegung oder bis zum nächsten Berg. Das macht es leichter.

Welcher war Ihr längster Trail?

Von den Kilometern her der Zugspitz-Ultra-Trail 2016 mit 105 Kilometern. Das waren über 20 Stunden mit 18 Stunden Starkregen, Schnee, Eisregen, Nebel - das war abartig. Das war einer der härtesten aufgrund der Witterung. Zeitlich gesehen war der Transalpinrun 2017 der längste Trail. Der ging eine ganze Woche. Sieben Etappen, knapp 300 Kilometer und 18 000 Höhenmeter. Das war Grenzerfahrung pur. Normalerweise können am Ende des Tages die Beine wehtun und man könnte einen ganzen Kühlschrank leer essen. Dort hat man aber sieben Tage am Stück Programm. Ich bin früh aufgestanden und dann acht bis zehn Stunden gelaufen. Irgendwann sind die Reserven dann weg. Ab Tag 3 war ich körperlich am Limit.

Auf den Trails sind Sie oft in der unberührten Natur unterwegs. Machen Sie sich da auch Gedanken über Umweltschutz?

Ja, natürlich. Bei den großen Läufen gibt es keine Plastikbecher, in denen Getränke ausgeteilt werden. Da hat jeder seinen eigenen Trinkbecher dabei. Alle Gels und Riegel, die man mitführt, muss man mit seiner Startnummer beschriften. Wenn jemand seinen Müll liegen lässt, wird er disqualifiziert. Ob alles richtig beschriftet wird, wird vorher kontrolliert, denn manche schreiben irgendeine Nummer drauf. Dass man ständig etwas wegschmeißt, davon bin ich generell kein Freund und im Gebirge noch weniger. Es kann schon mal sein, dass ich jemanden drauf anspreche, wenn jemand etwas wegschmeißt.

Sie sind auch ausgebildete Ernährungsberaterin. Wie ernährt man sich als Ultra-Läuferin?

Direkt vor dem Lauf ist etwas Leichtverdauliches natürlich günstiger. Fettiges kann funktionieren. Im Ultra-Bereich gibt es auf den Strecken auch Salami- oder Schmalzbrot. Fett ist ja ein Energielieferant, aber der Körper muss das auch verdauen können unter der Leistung, die er dann bringen soll. Das funktioniert nicht bei jedem. Das muss man üben.

In Ihrer Praxis geben sie auch Diabetesschulungen. Kommen wir in Deutschland langsam an unsere körperlichen Grenzen was die Ernährung betrifft?

Bei den Diabetikern sind es oft Zufallsfunde von Diabetes-2-Typen. Oft könnten sie das mit der richtigen Ernährung und Bewegung ganz gut in den Griff bekommen. Man kann ja Fast Food essen, aber eben nicht jeden Tag. Ich esse auch Pizza und Pommes, versuche es aber mit Sport auszugleichen. Das möchte ich unseren Patienten vermitteln. Besonders bei Kindern macht sich falsche Ernährung bemerkbar. Die bekommen es von klein auf so gelernt. Das finde ich schon erschreckend. In unsere Praxis kommen auch viele übergewichtige Kinder. Das hat in den letzten 20 Jahren schon zugenommen.

Kann das eine Gefahr werden?

Man sollte mehr über Ernährung sprechen, etwa in Form von Präventionsprogrammen in Kindergärten oder Grundschulen. Damit führt man die Kinder schon von klein auf heran, dass man nicht jeden Tag Schokolade essen sollte, sondern auch mal einen Apfel. Man muss ja nicht nur Gemüse essen. Aber man sollte das Verständnis für Nahrungsmittel an sich vermitteln. Das Gespräch führte Dominic Buckreus.

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