Kronach
Fußball

Schiedsrichter Christian Dietz: "Der Video-Assistent soll vor klaren Fehlern schützen"

Christian Dietz aus Kronach hat sich als Schiedsrichter-Assistent in der Bundesliga spezialisiert. Technische Hilfsmittel haben auch seine Arbeit verändert. Die Gefühlswelt der Fans im Stadion kann er verstehen.
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Christian Dietz. Foto: imago
Christian Dietz. Foto: imago

V or seiner zehnten Saison als DFB-Schiedsrichter hat Christian Dietz eine Entscheidung getroffen: Er wird die Pfeife im Profi-Fußball an den Nagel hängen und sich als Schiedsrichter-Assistent spezialisieren. In den drei deutschen Topligen arbeitet er nur noch als Linienrichter, Vierter Offizieller und in der 2. Liga auch als Video-Assistent (VAR). Für Dietz ist es kein Rückzug ins vermeintlich zweite Glied und kein Rückschritt in der Karriere.

Ihr 100. Erstliga-Spiel als Schiedsrichter-Assistent war das Spitzenspiel zwischen RB Leipzig und dem VfL Wolfsburg (1:1). Wie haben Sie das Spiel gesehen?

Christian Dietz: Es war ein dynamisches Spiel. Das war allen Beteiligten klar, weil beide Mannschaften Spieler in ihren Reihen haben, die mit Vollspeed unterwegs sind. Aus unserer Sicht ist es sehr gut verlaufen. Es gab keine strittigen Situationen. Wenn am Ende alle Beteiligten auf die Schiedsrichter zukommen und zu der Leistung beglückwünschen, ist das auch ein Zeichen der Anerkennung.

Das Fachmagazin Kicker hat Hauptschiedsrichter Deniz Aytekin die Note 3 gegeben. Sie nehmen es als gut geleitetes Spiel war, die Medien sagen nur "passt schon".

Das muss man relativ entspannt sehen. Das ist ein Meinungsbild eines Einzelnen. Letztlich zählt das, was auf dem Platz entschieden wurde und wie es die Beteiligten annehmen. Und damit können wir hoch zufrieden sein.

Als Hauptschiedsrichter steht man immer im Fokus, positiv wie negativ - als Assistent wird man oft nur bei brisanten Szenen oder eigenen Fehlern in der Berichterstattung erwähnt. Wie gehen Sie damit um?

Ich reiße mich wahrlich nicht darum, brisante Szenen bewerten zu müssen. Letztlich ist immer der Anspruch, auch komplexe Situationen richtig einzuordnen. Wenn dann mal eine falsche Entscheidung getroffen wird, ist das nur menschlich und gehört zum Sport und zur anschließenden Berichterstattung dazu.

Der DFB wählte Aytekin zum Schiedsrichter des Jahres 2019. In einem Interview mit dem Verband hat er diesen Erfolg als eine "Teamauszeichnung" beschrieben.

Ich habe mich sehr über seine Nominierung gefreut. Es erfüllt mich auch mit Stolz, wenn er dabei die Arbeit seines gesamten Teams sieht. Da fühlt man sich als wichtiger Bestandteil seines Teams.

Während des Spiels sind Sie mit Aytekin per Headset verbunden. Er gilt als sehr kommunikativer Schiedsrichter. Was wird da über 90 Minuten besprochen?

Ich versuche mich immer dann einzubringen, wenn ich Deniz bei Entscheidungen wichtige Impulse geben kann. Das ist der hauptsächliche Fokus, wenn wir miteinander sprechen. Die Kommunikation läuft bei uns sehr entspannt ab. Manches kann man für seine eigene Spielleitung ganz gut ergänzen. Wenn man zum Beispiel mitbekommt, wie ein Schiedsrichter mit einem Spieler kommuniziert und Entscheidungen darlegt, die nach außen nicht so glasklar sind, hat das auch einen Lerneffekt.

Sie haben sich nun entschieden, sich als Assistent zu spezialisieren. Warum?

Ich war sieben Jahre lang Schiedsrichter in der Zweiten Liga und mittlerweile bin ich 35 Jahre alt. Da muss man perspektivisch denken. Insofern macht dieser Schritt Sinn. So wie ich mich als Schiedsrichter etabliert hatte, strebe ich jetzt eine erfolgreiche Assistenten-Laufbahn an.

Zum Beispiel eine internationale?

Als Sportler hat man immer Ziele und strebt das Bestmögliche an. Wo der Weg dann hinführt, muss man sehen.

Welchen Reiz hat die Arbeit als Assistent?

Grundsätzlich freue ich mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich vor 80 000 Zuschauern einlaufen darf und weiß, dass ich ein wichtiger Bestandteil dieses großen Ganzen bin. Das soll mich immer wieder zu Bestleistungen antreiben. Das ist der große Reiz dabei.

Den könnten Sie aber auch als Hauptschiedsrichter haben.

Ja, aber der Assistent spielt eine genauso wichtige Rolle. Natürlich ist man nicht so im Fokus wie der Hauptschiedsrichter. Als Assistent steht man genauso in der Verantwortung und ist nicht weniger wichtig für eine gelungene Spielleitung. Ich bin damals Schiedsrichter geworden, weil ich als Hauptverantwortlicher Spiele leiten wollte. Mittlerweile macht mir beides viel Spaß. Das Winken ist in den letzten Jahren zu einer besonderen Leidenschaft geworden. Dazu trägt sicher der Umstand bei, dass ich im Team von Fifa-Schiedsrichter Deniz Aytekin bin. Da wird auch ganz viel Wert auf das Miteinander gelegt.

Gibt es eine spezielle Ausbildung ?

Wir haben über eine Saison mehrere DFB-Lehrgänge. Da werden die Assistenten sehr akribisch mit Video-Sequenzen auf mögliche Spielsituationen vorbereitet. Vor allem gehören Abseits- und Zweikampfbewertung und die Disziplinarbewertung dazu. In meinem individuellen Training unter der Woche habe ich zwei bis drei Einheiten mit Ausdauer, Schnelligkeit, Mobilität und Regeneration. Ich betreibe zu Hause auch Video-Analyse. Dabei schaue ich mir etwa das Abwehrverhalten der Mannschaften an. Als Schiedsrichter legt man auf andere Aspekte Wert. Die Doppelbelastung in den Elite-Ligen fällt also weg, weil ich meinen Fokus jetzt zu 100 Prozent auf die Assistenz legen kann.

Inwiefern haben sich die Aufgaben des Linienrichters durch Videoschiedsrichter und Torlinientechnik verändert?

Die Aufgaben des Assistenten sind nahezu gleich geblieben. Einzig bei unklaren Abseitssituationen, in denen es um Zentimeter geht, ist man angehalten, zu warten. So lässt man es zu, dass falsche Entscheidungen, basierend auf einer fehlerhaften Wahrnehmung, revidiert werden können. Das vorrangige Ziel ist es aber immer, ohne Video-Assistent zur richtigen Entscheidung zu gelangen.

Tor oder nicht, knappe Abseitsentscheidungen - früher wurde der Linienrichter oft zur Entscheidungsfindung herangezogen. Werden seine Kompetenzen durch die neuen Techniken beschränkt?

Auf keinen Fall. Ich fühle mich immer noch als jemand, der versucht, den Schiedsrichter zur richtigen Entscheidung zu verhelfen. Der Anspruch ist, dass die Entscheidung immer noch auf dem Platz getroffen wird. Der Video-Assistent sollte nur als Backup dienen und uns vor klaren und offensichtlichen Fehlern schützen.

Sie sind als Fan im Stadion, jubeln über einen Treffer - doch die Szene wird überprüft. Es dauert zwei Minuten bis zur Entscheidung. Wie fühlen Sie sich in dieser Zeit?

Wenn ich als Zuschauer im Stadion bin, was höchstens einmal im Jahr vorkommt, bin ich immer Fan des Schiedsrichtergespanns. Da fühle ich genauso mit wie ein normaler Fan. So wie sie hoffen, dass das Tor ihrer Mannschaft zählt, hoffe ich, dass sich die Entscheidung meiner Kollegen durch den VAR bestätigt. Egal, wie lange es dauert, wichtig ist doch, dass man am Ende zur richtigen Entscheidung kommt. Als Video-Assistent versucht man, so schnell wie möglich zu entscheiden. Komplexe Situationen erfordern es aber, dass man sich die Szene öfter aus unterschiedlichen Perspektiven anschaut.

Können Sie dennoch den Ärger der Zuschauer nachvollziehen?

Klar. Stellen Sie sich vor, ich zeige Abseits an und es fällt ein Tor. Wenn das Tor überprüft wird und es länger dauert, merkt man auch, dass die Entscheidung nicht so offensichtlich war. Da fühle ich als Assistent genauso mit. Unterm Strich steht aber die richtige Entscheidung. Das verstehen sowohl die Verantwortlichen und Spieler, als auch die Fans, hoffe ich.

Wie gehen Sie damit um, wenn der Videoschiedsrichter eine Ihrer Entscheidungen revidiert?

Das ärgert einen, keine Frage. Es gehört aber dazu, das relativ schnell zu verarbeiten und sich auf die nächste Szene vorzubereiten.

Sie sind auch als Vierter Offizieller im Einsatz: Wer ist der schwierigste Trainer an der Seitenlinie?

(lacht) Ich nenne keinen Namen. Herausfordernd ist sicherlich ein deutscher Trainer, der mittlerweile in der Premier League coacht. Respekt hat man vor jedem Coach. Was die Arbeit erleichtert, ist ein verständnisvoller, zugänglicher Trainertyp, mit dem man auch mal reden kann. Das wünschen sich im Gegenzug auch die Trainer von uns. Solange alles auf einer respektvollen Basis geschieht, kann man Entscheidungen auch erklären. Wenn diese nicht gegeben ist, erschwert es die Arbeit und es müssen eventuell bei Fehlverhalten Sanktionen ausgesprochen werden.

Seit dieser Saison gibt es bei Fehlverhalten Gelbe und Rote Karten für Trainer. Erleichtert das die Arbeit?

Es kann die Tätigkeit erleichtern, aber genauso gut erschweren. Man muss sich immer im Klaren sein, was eine Gelbe oder Rote Karte bedeutet. Über das Spiel hinaus kann auch ein Innenraumverweis für das nächste Spiel drohen. Ich glaube, das ist situationsabhängig. Letztendlich geht es aber doch im Kern darum, verantwortungsbewusst und sportlich fair miteinander umzugehen.

Das Gespräch führte Dominic Buckreus.

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