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Groundhopping: Ein Bamberger unterwegs in ganz Europa für die Fußball-Leidenschaft

Der Bamberger Christian Aumüller reist für seine Leidenschaft durch ganz Europa. Als Groundhopper hat er schon nahezu 1000 Stadien besucht und dabei viele kuriose und gefährliche Erlebnisse hinter sich.
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Groundhopper Christian Aumüller auf der Tribüne des Sportzentrums Gaustadt  Foto: Dominic Buckreus
Groundhopper Christian Aumüller auf der Tribüne des Sportzentrums Gaustadt Foto: Dominic Buckreus
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Es ist die Tribüne, die Christian Aumüller am Sportplatz am Gaustadter Sportzentrum so fasziniert. "Sie ist alt, mächtig und in gewisser Weise siffig. Einfach old-school", erklärt der Bamberger. Für die meisten Fußball-Fans ist die in den frühen 1980er Jahren gebaute, graue Betontribüne mit weißen Plastiksitzbänken wohl ein ganz normaler Sportplatz. Für Aumüller ist es aber einer der schönsten "Grounds" in der Region - und er hat schon die meisten besucht. Der 41-Jährige ist Groundhopper. Seine Leidenschaft sind Fußballplätze und -stadien oder "Grounds". Dafür ist er fast schon durch ganz Europa und darüber hinaus gereist. Knapp 1000 Plätze in 41 Ländern hat er gesehen.

Erst um Mitternacht kam er von seiner jüngsten fünftägigen Reise zurück und sitzt wenige Stunden später schon im Gaustadter Sportzentrum. Von Müdigkeit keine Spur. Zuerst fuhr er zum Pokalspiel seines Lieblingsvereins Hansa Rostock gegen den 1. FC Nürnberg. Von da ging es mit dem Flieger nach München. Mit einem Mietwagen weiter nach Niederösterreich und Tschechien und am Samstag in die Slowakei. Am Sonntag kehrte er zurück nach Bamberg. Zwölf Spiele hat er in dieser Zeit besucht, rund 1500 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. "Für mich ist das Entspannung pur. Man kommt mal weg von der Arbeit und ist unabhängig. Es ist wie eine Urlaubsreise für mich", sagt er.

Die Spiele, egal ob erste Liga oder unterste Amateurklasse, sind für ihn zweitrangig. "Für mich ist der Ground das Ziel." Im Schnitt machte er jährlich hinter 120 Stadien ein Häkchen, seit er 2009 mit dem Groundhopping begonnen hat. Seit der Geburt seiner Tochter hat er das Pensum aber etwa halbiert.

Modern, aber austauschbar

Für seine Frau ist sein Hobby kein Problem. "Sie fördert das sogar", sagt er. Früher ging sie öfters mit auf die Reise, manchmal nimmt er auch Freunde mit. Aber am liebsten ist er alleine unterwegs, häufig in Österreich und Tschechien. Denn da stehen viele solche Stadien, wie das in Gaustadt. "Man hat den ganz normalen Rasen und dann eine große Tribüne vielleicht sogar mit Flutlichtmasten." Mit den modernen Arenen kann er wenig anfangen: "Eine Arena kann schön und toll und modern sein, aber sie ist austauschbar. Solche alten Stadien haben einfach Charme."

Zum Groundhoppen ist der gebürtige Greifswalder eher zufällig gekommen. Seit der Schulzeit hatte er regelmäßig Heim- und Auswärtsspiele von Hansa Rostock besucht. "Irgendwann hat ein Kumpel gesagt: ,Hey, lass uns mal Hoppen gehen!'" Ein paar Wochen später startete Aumüller seine erste große Tour.

Auf den europäischen Fußballplätzen fällt er öfters auf. Gerade in den unteren Ligen, in denen sich nur um die 50 Zuschauer ins Stadion verirren. Warum sollte sich auch ein Fremder für diese Spiele interessieren und sie auch noch mit der Kamera festhalten? "Gerade in Osteuropa kann man schon blöde Blicke ernten."

So neutral wie möglich

Deshalb versucht er sich immer so unauffällig wie möglich zu verhalten. "In den meisten Stadien, in die ich gehe, gibt es keine Trennung zwischen Heim- und Auswärtsfans. Aber wenn, dann stehe ich meist bei den Heimzuschauern. Ich will nicht zwischen irgendwelche Fanszenen geraten. Eine Fankleidung trage ich nicht, das ist ein totales No-Go", erklärt der Bamberger, der in der IT-Branche arbeitet.

Früher sammelte er noch Schals von den verschiedenen Vereinen, die er besuchte. Etwa 100 Stück hatte er zu Hause in seinem Zimmer hängen. Heute belässt er es bei den Eintrittskarten und seinen Fotos, die er auf seiner Webseite präsentiert, zusammen mit kurzen Reiseberichten und seinen Ground-Statistiken.

"Das ist mir total wichtig. In der Szene vergleicht man sich schließlich gern", erklärt er. Die Groundhopper-Szene sei generell gut vernetzt, sowohl virtuell durch die Sozialen Medien als auch persönlich. Viele hat Aumüller auf seinen Reisen schon kennengelernt. Trotzdem sei es unmöglich, die Zahl der Groundhopper auch nur annähernd seriös einzuschätzen, zumal sie stetig wachse.

Mit seinen fast 1000 Grounds gehört er eher zu der "Mittelklasse" der Hopper-Szene. Sein Jubiläum werde er wohl irgendwann im nächsten Jahr feiern, sagt er. Doch auch bis jetzt hat er auf seinen Touren schon vieles gesehen und erlebt.

Das kurioseste Erlebnis: Zusammen mit seiner Frau war Christian Aumüller auf der Insel Saaremaa, westlich von Estland im Urlaub. In seinem Reiseführer entdeckte er einen kleinen Artikel über ein "Eichenstadion", das im Ort Orissaare stehen sollte. Und tatsächlich wuchs auf Höhe des Mittelkreises eine prächtige Eiche auf dem Platz. Eigentlich war an dem Tag gar kein Spiel angesetzt. "Aber es machten sich einige Leute gerade warm und sagten, dass in zehn Minuten ein Spiel auf dem Kleinfeld angepfiffen wird."

Das schlimmste Erlebnis: Im ungarischen Sopron schaute sich Aumüller eine Halbzeit lang in Ruhe ein Pokalspiel zusammen mit etwa 100 anderen Zuschauern an. "In der Halbzeit war plötzlich Lärm zu hören und etwa 200 Hooligans kamen vom Nebenplatz mit Geschrei und Sprechchören in den provisorischen Gästeblock." Die Krawallmacher kamen von einem verfeindeten Klub des Heimteams und stürmten in der zweiten Hälfte den Heimblock, in dem sich auch Aumüller befand. Er musste die Schlägerei aus nächster Nähe erleben, aber nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei und der Bamberger verließ das Stadion. "Auf so etwas habe ich null Bock."

Die beste Atmosphäre: Die fand Aumüller beim berüchtigten FC Millwall in der zweiten englischen Liga beim Spiel gegen den Rivalen Leeds United. "Da waren 2000 Leeds-Fans dabei und alle haben Gas gegeben. Ich habe auch noch nie so viele Schimpfwörter bei einem Spiel gehört. Selbst die Kinder haben da mitgemacht. Aber das gehört zu Millwall dazu."

Das schönste Stadion: Dazu gehört die 32 000 Zuschauer fassende Real-Arena in Herne, in der der Oberligist Westfalia Herne spielt. "Das Stadion ist riesig und wurde nicht großartig umgebaut. Das ist eine richtig schöne, alte Schüssel, wie man sie vor 30 Jahren überall gesehen hat."

Das ist Groundhopping

Die Briten haben den Anfang gemacht Das Mutterland des Fußballs war Vorreiter beim Groundhopping, auch bei der Wortschöpfung. Das Wort setzt sich zusammen aus "ground" (Spielfeld) und dem Verb "to hop" (hüpfen). Der Brite Geoff Rose schlug 1974 in einer Fußballzeitschrift vor, dass für alle Fans, die die 92 Stadien aller vier englischen Profi-Ligen besucht hatten, eine besondere Krawatte produziert werden sollte. Aus dieser Idee heraus entstand vier Jahre später der "Club 92" - hier fanden sich erstmals Groundhopper organisiert zusammen. Karl-Heinz Stein ist inoffzieller Rekordhalter Der heute 78-Jährige Karl-Heinz Stein besuchte bereits regelmäßig Fußball-Stadien, als es den Begriff Groundhopping noch gar nicht gab. Im August 1957, als er zu einem Brieffreund nach Watford getrampt war, startete der Düsseldorfer seine Mission im schottischen Liga-Pokal bei der Partie z Hibernian FC gegen East Five FC. Und war sofort von der Faszination britischer Stadien begeistert. Seither hat Stein auf der ganzen Welt, vor allem aber in Europa, mehr als 10 000 Stadien besucht und gilt als inoffizieller Rekordhalter der Szene. Wer ist ein Groundhopper - und wer ist es nicht? Weil die Szene zerstückelt ist, gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ab wann ein Spiel als "gemacht" gilt. Eine einheitliche Regelung existiert nicht. Während die strenge und aus England stammende Auslegung vorsieht, dass ein Spiel über 90 Minuten verfolgt und der Besuch dokumentiert werden muss, genügt es anderen Hoppern, bereits eine Halbzeit oder noch kürzer am Platz zu sein. Konsens besteht allerdings darin, dass vor Ort ein (Pflicht-)Spiel stattfinden muss. Freundschaftsspiele oder Stadionbesichtigungen zählen nicht. Mindestanforderung: 30 Stadien in 30 Ländern Rund 75 Personen zählt die Vereinigung der Groundhopper Deutschlands, es ist ein recht exquisiter Kreis. Wer in dem 1993 gegründeten Verein Mitglied werden möchte, muss 300 Stadien in 30 Ländern vorweisen. Aufgenommen wird nur, wer von einem Mitglied vorgeschlagen wird und bei der Abstimmung der Mitglieder nicht mehr als 20 Prozent Gegenstimmen erhält. Bei "Individual-Hoppern" stößt diese Vorgehensweise aber auf Kritik. Es würden Eliten geschaffen durch die hohen Aufnahmehürden, außerdem betreibe jeder Groundhopper sein Hobby für sich selbst und stehe nicht in Konkurrenz mit Gleichgesinnten, so die Argumentation. Groundhopper auch in anderen Sportarten Die Faszination des "Stadionhüpfens" hat sich inzwischen auf andere Sportarten ausgebreitet - besonders bei den traditionell reiselustigen Eishockey-Fans erfreut sich Groundhopping großer Beliebtheit. Eine Eishalle gilt als besucht bzw. "gemacht", wenn mindestens zwei Drittel des Spiels verfolgt werden. tsc



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