Zeyern
Forstwirtschaft

Schwindelfreie Kletterer ernten viele Tannenzapfen

Im Zeyerngrund stehen mächtige Weißtannen. Deren Zapfen werden zurzeit geerntet, um Saatgut zu gewinnen. Einer der schwindelfreien Kletterer ist Torsten Wechsel. Er und seine Kollegen gewinnen Hunderttausende von Tannenpflanzen.
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Torsten Wechsel hat den Wipfel der Weißtanne erreicht und beginnt, die Tannenzapfen mit dem begehrten Samen zu ernten. Fotos: Susanne Deuerling
Torsten Wechsel hat den Wipfel der Weißtanne erreicht und beginnt, die Tannenzapfen mit dem begehrten Samen zu ernten. Fotos: Susanne Deuerling
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Tannenzapfenpflücker brauchen Mut, sehr viel Mut, denn sie "turnen" in den Kronen der höchsten Bäume herum. Ihr Arbeitsplatz liegt in 30 bis 40 Metern Höhe, weil nur dort erreichen sie die Früchte der Bäume. Einer der Männer, für die Höhenangst ein Fremdwort ist, ist Torsten Wechsel. Er klettert im Zeyerngrund auf die höchsten Weißtannen, um deren Zapfen zu pflücken.

Die Samen dieser Bäume werden für die Nachzucht von neuen Weißtannen gebraucht. Und es ist davon auszugehen, dass sie mit dem Klima am Standort Frankenwald gut zurecht kommen werden, denn ihre "Eltern" sind der stehende Beweis dafür. Aber es wird weit mehr als 100 Jahre dauern, bis man die Früchte der jetzigen Arbeit der Zapfenpflücker ernten kann.

Heuer ist ein gutes Jahr

Ausgesucht hat die mächtigen Bäume Revierleiter Tassilo Haderlein.
"Wir haben heuer ein sehr gutes Jahr für die Weißtanne. Sie kommt ja nur noch selten vor und im Frankenwald ist sie noch gut vorhanden, besonders im Raum Zeyern und Wallenfels", erklärt Revierleiter Haderlein. Für einen positiven Waldumbau aber werden junge Tannen gebraucht, und die werden aus dem Samen der vorhandenen Bäume gezogen. Deshalb ist der Samen der Weißtanne sehr begehrt. Eine Samenvertriebsfirma wird vertraglich vom Forst beauftragt, die Zapfen zu ernten, den Samen zu gewinnen und daraus junge Pflanzen zu ziehen, die zur Aufforstung von Staats- oder auch Privatwald dienen.

Junge, drahtige Männer breiten ihre Ausrüstung neben ihren Fahrzeugen aus. Rucksäcke, Taschen, Öl für die Hände, damit sie nicht verharzen an den Baumstämmen, Schutzhelm und vor allen Dingen Kletter- und Sicherungsseile sind die Grundausstattung der "Baumkletterer".

Im roten Overall

Diverse andere Dinge, die man nicht so richtig definieren kann und von denen die Männer sagen "die brauchen wir halt", werden im taschenreichen Gürtel verstaut. Dann geht es los, ein Seil wird mit Hilfe eines Pfeils im Baum befestigt. Bis oben in die Spitze klettern die Männer. Torsten Wechsel steht schon bereit, er ist der erste, der seinen Baum besteigt. "Für die Vorbereitungen brauchen wir schon einige Zeit, der Aufstieg geht dann eigentlich ganz schnell", meint der junge Mann, der in seinem roten Overall deutlich im Grün des Baumes zu sehen ist. 30 oder 40 Meter - es ist schlecht einzuschätzen, wie hoch die Bäume sind.

Flink wie ein Eichhörnchen klettert er den Stamm hoch, dichten Zweigen ausweichend, bis in den Wipfel, wo die Tannenzapfen zahlreich wie Soldaten aufrecht auf den Zweigen stehen. Je nach Menge brauchen die Männer ein bis zwei Stunden zum Abernten der Zapfen eines Baums. Dann beginnt der Abstieg und es wird ein neuer Baum gesucht, der viele der begehrten Samenzapfen trägt.

Die Weißtannen in den Wäldern des Frankenwaldes tragen dieses Jahr so viele Zapfen wie lange nicht mehr. Aus den Samen können Millionen kleiner Tannenbäume werden und dieser Baumart zu einer nachhaltigen Rückkehr in unsere Wälder verhelfen.

Die Tannen (Abies) bilden eine Pflanzengattung in der Famlie der Kieferngewächse (Pinaceae). Je nach taxonomischer Auffassung werden heute entweder 40 Arten oder 47 Arten sowie etliche Gruppen hybriden Ursprungs oder Varietäten, die alle in der gemäßigten Zone der Nordhalbkugel und zumeist in Gebirgsregionen vorkommen, unterschieden. In unserer Region ist die Weißtanne heimisch.

Früher die häufigste Baumart

Die Weiß-Tanne (Abies alba) oder Weißtanne ist eine europäische Nadelbaumart aus der Gattung Tannen (Abies) in der Familie der Kieferngewächse (Pinaceae). Der Name leitet sich von der im Vergleich zur Gemeinen Fichte (Picea abies) auffallend hellgrauen Borke ab. Sie war im 16.Jahrhundert die häufigste Nadelbaumart im Frankenwald und ist heute fast eine Rarität - die Weißtanne. Ihr Anteil an der Waldbestockung im Staatswald des Forstbetriebs Nordhalben der Bayerischen Staatsforsten beträgt ein Prozent. In Zukunft soll der Anteil auf sechs Prozent gesteigert werden. Das Jahr 2013 bietet dafür mit einem außerordentlichen Zapfen-Behang an den Alttannen eine große Chance.

Schon im Frühjahr 2013 zeichnete sich ein besonderes Jahr für die Tanne im Frankenwald ab, wie Betriebsleiter Fritz Maier von den Bayerischen Staatsforsten Nordhalben erklärte. Die Blüte an den Altbäumen war hervorragend. Die hohen Niederschläge im Sommer haben die Entwicklung der Samen und Zapfen ebenso begünstigt wie die anschließende Wärme. Und jetzt zeigen fast alle älteren Tannen reichlich Zapfen in ihren Baumkronen.

Die Zapfen der Weißtanne stehen auf den Ästen senkrecht nach oben und sind somit von den nach unten hängenden Fichtenzapfen deutlich zu unterscheiden. Einen Tannenzapfen am Boden zu finden ist praktisch unmöglich, weil sich die Tannenzapfen am Baum entwickeln und dort auch langsam zerfallen. Die Samen werden somit in großer Höhe frei und fliegen mit dem Wind in die benachbarten Waldbestände. Am Baum verbleibt nur eine sogenannte Spindel, der Rest des ehemaligen Zapfens.

Arbeiter sind speziell ausgebildet

Wenn man die Samen als Saatgut gewinnen will, müssen als Zapfenpflücker ausgebildete Waldarbeiter die Tannen in dafür zugelassenen Waldbeständen besteigen und die noch geschlossenen Zapfen pflücken. Dies geschieht im Forstbetrieb Nordhalben sowohl durch den Pflanzgarten der Bayerischen Staatsforsten in Bindlach bei Bayreuth als auch durch private Forstpflanzenerzeuger. Wegen der außerordentlich vielen Zapfen werden im Forstbetrieb in diesem Jahr mehrere Tonnen Tannenzapfen geerntet und daraus durch Trocknung und Reinigung Samen für Hunderttausende von Tannenpflanzen gewonnen. Diese werden später im Staatswald gepflanzt oder an Waldbesitzer verkauft, die ihre Wälder mit Tannen anreichern wollen.

An den Tannen hängen durchschnittlich 300 bis 400 Zapfen, das ergibt ein Gewicht von 50 Kilogramm. Zehn Kilogramm Zapfen ergeben ein Kilogramm Samen. Von einem Kilogramm Samen kann man 1000 Tannenpflanzen nachziehen.

Für die Zukunft der Wälder des Frankenwaldes kann aber die natürliche Verjüngung der Tanne eine weit größere Rolle spielen. Durch Zapfenpflücker wird nur ein Bruchteil der Tannenzapfen geerntet. Von Hunderten von Alttannen werden in den nächsten Wochen Millionen von Tannensamen auf den Boden fallen. Es ergibt sich somit die Chance, dass im nächsten Frühjahr auf großen Waldflächen viele Tannensamen keimen und daraus kleine Tannenpflanzen werden. Dazu muss die Witterung passen, Nagetiere dürfen nur einen Teil der Samen fressen und in den nächsten Jahren müssen die Jäger mit der Erlegung von Rehwild dazu beitragen, dass die Tannen unbeschädigt wachsen können. Wo ganz wenige Tannen vorkommen ist auch ein Schutz der jungen Pflanzen mit Schafwolle oder anderen Verbiss-Schutzmitteln durch die Waldbesitzer und Jäger sinnvoll.

Und dann müssen die Förster und Waldbesitzer die jungen, heranwachsenden Tannen über lange Zeit pflegen und begünstigen, damit sie zu großen, alten Tannen heranwachsen können. Die Weißtanne ist gerade im Frankenwald eine sehr wertvolle Baumart unserer Mischwälder. Sie kann bis zu 500 Jahre alt werden und bis zu 60 Meter Höhe erreichen. Durch ein intensives Pfahlwurzelsystem ist sie sturmfest und kann auch in Trockenphasen aus tiefen Bodenschichten noch genügend Wasser durch ihre Wurzeln aufnehmen.
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