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Kronach
Gericht

Schausteller vom Kronacher Freischießen prügelt behinderten Mann fast tot

Ein Schausteller des Kronacher Freischießens muss sich wegen versuchten Mordes am Coburger Landgericht verantworten. Sein Pflichtverteidiger stört mit rüpelhaftem Verhalten die Zeugenvernehmung.
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Der 23-jährige Angeklagte gibt offen zu, seine Aggressionen nicht im Griff zu haben. Foto: Sandra Hackenberg
Der 23-jährige Angeklagte gibt offen zu, seine Aggressionen nicht im Griff zu haben. Foto: Sandra Hackenberg

Wenn die Besucher auf den Schützenfesten in H.s Fahrgeschäft einsteigen, sorgt er für ihre Sicherheit und bereitet ihnen eine schöne Zeit. Doch dem behinderten Mann, der im August vergangenen Jahres im Regionalexpress von Nürnberg nach Probstzella sitzt, bringt der junge Mann fast den Tod. Die Staatsanwaltschaft Coburg wertet die Attacke aus niederen Beweggründen als versuchten Mord.

Der Frust sitzt tief an diesem Abend. Gerade wurde H. von seiner Ex-Freundin zurückgewiesen. Außerdem will ihn sein Kumpel aus Tettau, bei dem er schlafen will, nicht vom Bahnhof in Steinbach am Wald abholen. Nachdem die Fahrgeschäfte geschlossen haben und die Arbeit getan ist, steigt er kurz vor 22.30 Uhr am Kronacher Bahnhof in den Zug ein - mit drei bis vier Gramm Amphetaminen und Alkohol von mehreren Maß Bier im Blut.

Der 23-Jährige nimmt auf einem Doppelsitz Platz - schräg gegenüber sitzt in einer Vierersitzergruppe A., der eine Bierflasche bei sich hat und augenscheinlich angetrunken ist. Wenige Minuten später soll er zum Zufallsopfer werden.

Aggressiv und kampfsporterprobt

H. verfügt laut eigener Aussage über mehrjährige Kampfsporterfahrung. Sein Gegner in diesem ungleichen Duell ist seit einem Autounfall vor ein paar Jahren körperlich und geistig schwer behindert. Irgendwann nimmt A. Blickkontakt auf und deutet mit der Hand auf den Schausteller - vermutlich, weil er ihn darauf aufmerksam machen will, dass dessen Fahrkarte heruntergefallen ist.

"Keiner der Zeugen hat ausgesagt, dass der Geschädigte in irgend einer Form aggressiv gewesen ist oder etwas Provozierendes gesagt hätte", berichtet ein Beamter der Kriminalpolizei Coburg am ersten Verhandlungstag am Coburger Landgericht.

Doch H. tickt plötzlich aus. Was in den darauf folgenden Minuten passiert, dokumentieren die Überwachungskameras des Zuges: Der Angeklagte geht zu seinem Opfer rüber und prügelt mit den Fäusten los. Dann packt er A. am Kragen und würgt ihn.

Doch damit nicht genug: Nachdem er kurz von dem Mann abgelassen hat, malträtiert H. ihn erneut mit den Fäusten. Er tritt seinem Opfer mit dem Knie gegen den Kopf, während er diesen - in bewährter Kampfsportmanier - mit den Händen festhält. A. sackt zusammen. Jetzt nimmt H. dessen Bierflasche und wirft sie ihm gegen den Kopf. Weil sie nicht kaputt geht, zerschmettert er sie auf dessen Schädel.

Opfer kann sich nicht wehren

Der behinderte Mann hat zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, sich zu wehren. Die Aufnahmen zeigen, wie er schützend die Hände hochnimmt. Sein Gesicht ist zu diesem Zeitpunkt bereits von den Faustschlägen sichtbar deformiert.

Doch H. ist noch nicht mit ihm fertig. Ein drittes Mal geht er auf den wehrlosen Mann los und tritt ihm in den Bauch, holt Anlauf und tritt wieder zu - diesmal ins Gesicht. Um die Wucht noch zu verstärken, stützt er sich mit dem anderen Bein auf einem Sitz ab und verliert dabei anschließend selbst das Gleichgewicht. Obwohl A. inzwischen bewusstlos ist, schlägt der 23-Jährige noch einmal auf sein Opfer ein. Eine Familie, die ein paar Reihen entfernt sitzt, flüchtet aus Angst in ein anderes Zugabteil.

Nachdem er von einem anderen Fahrgast aufgefordert wird, von dem Mann abzulassen, begibt sich H. in den Ausstiegsbereich, verlässt den Zug in Steinbach am Wald und flüchtet. Die Bundespolizei ist wenig später vor Ort, sichtet das Video - und entscheiden aufgrund von H.s Brutalität sofort, die Staatsanwaltschaft zu informieren.

Opfer überlebt wie durch Wunder

Wie durch ein Wunder überlebt das Opfer - mit einer Vielzahl von Verletzungen, darunter eine gebrochenen Nase, eine Gehirnerschütterung, Platzwunden, eine Thoraxprellung, Einblutungen in den Augen, am Kopf und dem Oberkörper.

Der Leipziger Pflichtverteidiger des Angeklagten Georg Rebentrost versucht in einer Erklärung seines Mandanten das zu relativieren, was weder das Videomaterial noch der gesunde Menschenverstand relativieren können: H. räumt in der Erklärung ein, dass er in Rage geraten und die Situation eskaliert sei.

Doch habe er dem Opfer lediglich einen Denkzettel verpassen wollen und die Intensität seiner Schläge und Tritte durch seine Kampfsporterfahrung kontrollieren können. "Doch zu keinem Zeitpunkt wollte er den Geschädigten töten", liest der Verteidiger vor.

Außerdem habe ihn A. mit Bezeichnungen wie "Bastard" provoziert - "eine für meinen Mandanten empfindliche Beleidigung, da er tatsächlich ohne Vater aufgewachsen ist." Mit der Flasche habe H. das Opfer schon gar nicht berührt, sondern sie viel mehr zum Selbstschutz an die Wand geworfen, damit sie das Opfer nicht als Waffe benutzen kann.

"Mein Mandant weiß, dass das unverzeihlich ist und er schämt sich", verliest Rebentrost weiter und verweist auf einen Entschuldigungsbrief, den der Angeklagte während seiner Zeit in Untersuchungshaft an sein Opfer geschrieben hat.

Dort habe sein Mandant viel Zeit zum Nachdenken gehabt und ihm sei bewusst, dass er an seinen Drogen- und Aggressionsproblemen arbeiten müsse. "Auch möchte er während der Haft arbeiten gehen und dem Opfer einen monatlichen Geldbetrag zukommen lassen."

Der Wahrheitsgehalt dieser Reuebekundungen wird dadurch in Frage gestellt, dass H. in der Haft nicht nur eine Sekretärin beleidigt, sondern auch einen Mithäftling brutal verprügelt hat. Außerdem hat er ihm laut Anklageschrift gedroht: "Wenn du noch mal deine Kippe rauchst, bringe ich dich um."

Verteidiger fällt Richter ins Wort

Als anschließend die ersten Zeugen vernommen werden, macht der Verteidiger seinem Mandanten in Sachen ungebührlichem Verhalten Konkurrenz: Während Richter Christoph Gillot den Bundespolizisten vernimmt, der das Video aus dem Zug gesichtet hat und seine Eindrücke schildern soll, fällt ihm Rebentrost ständig ins Wort, obwohl er zu diesem Zeitpunkt gar nicht an der Reihe ist, und bezichtigt den Beamten der Falschaussage.

Als sich daraufhin Oberstaatsanwalt Christopher Rosenbusch einmischt, entgegnet ihm der Verteidiger: "Sie mit Ihrer Anklage - das ist der größte Witz." Das will Rosenbusch nicht auf sich sitzenlassen: "Das wird sich irgendwann rächen - ich befürchte, an ihrem Mandanten."

Schließlich beanstandet der auf Krawall gebürstete Strafverteidiger auch noch die Art und Weise, wie der Vorsitzende die Verhandlung führt.

Gillot muss die Sitzung, die zwischenzeitlich Wirtshausniveau erreicht hat, mehrfach unterbrechen, ermahnt den streitlustigen Anwalt und droht mit Konsequenzen, sollte er die Verhandlung weiter stören. Ob das Wirkung gezeigt hat, wird sich am Freitag zeigen, wenn die Verhandlung fortgesetzt wird. Das Urteil wird am 24. März erwartet.