13. August 2011, gegen 0.30 Uhr: Ein 26-Jähriger ist gemeinsam mit seiner Freundin und einem befreundeten Pärchen auf dem Kronacher Freischießen. Er besucht mit dem anderen Mann ein Fahrgeschäft. Die Bierkrüge stellen die beiden einstweilen ab. Als sie aus dem Fahrgeschäft wieder aussteigen, sind die Bierkrüge verschwunden. Im weiteren Verlauf kommt es erst zu einer verbalen Auseinandersetzung des 26-Jährigen mit dem 40-jährigen Betreiber des Fahrgeschäfts, anschließend zu einer körperlichen. In diese mischt sich auch ein Angestellter des Fahrgeschäft-Betreibers ein. Der 26-Jährige erleidet eine Beule an der rechten Schläfe und zwei Beulen am Hinterkopf sowie Schürfwunden an Nase und Ellenbogen.
Der Fahrgeschäft-Betreiber und der Angestellte werden im weiteren Verlauf festgenommen und sitzen von da an in Untersuchungshaft.
Gegen den Fahrgeschäft-Betreiber war der Prozess nach dem zweiten Verhandlungstermin Mitte Juni eingestellt, der Haftbefehl aufgehoben worden. Anders bei seinem 33-jährigen Angestellten. Dieser musste sich am Montag erneut wegen versuchten Totschlags mit gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht Coburg verantworten.
Ihm wurde vorgeworfen, den damals 26-Jährigen mehrfach gegen Kopf und Oberkörper getreten zu haben, während der Schausteller auf dem Oberkörper des Opfers gesessen und diesen am Boden festgehalten haben soll. Und dafür erhielt der 33-jähriger am Ende der gestrigen Verhandlung zwei Jahre und vier Monate Haft, wovon er ja bereits elf Monate abgesessen hat.
Verteidiger Till Wagler erklärte für den rumänischen Angeklagten, dass dieser gesehen habe, wie das Opfer seinem Chef, dem Fahrgeschäftbetreiber, gegen das Bein getreten habe. "Er hatte den Eindruck, dass sein Chef unterlegen war und hat es für seine Pflicht gehalten, seinem Chef zu helfen", so Wagler.
Sein Mandant bedauere sehr, das er "so heftig" in die Auseinandersetzung eingegriffen hat.
Das Opfer, der mittlerweile 27-Jährige aus dem Kreis Kronach, erklärte, dass er versucht habe, mit den Händen sein Gesicht zu schützen.
Staatsanwalt Matthias Huber bezeichnete den Anlass des Vorfalls als "eine Lappalie, die sich zu dem Geschehen entwickelt hat, das heute dem Angeklagten zu Last gelegt wird". Er erklärte, dass das Ganze ein Zusammenwirken des Opfers und des Fahrgeschäft-Betreibers, der ursprünglich mit angeklagt war, gewesen sei. Der Schausteller habe einen Tritt des späteren Opfers gegen sein Bein zum Anlass genommen, eine Rangelei zu beginnen.
Natürlich sei es recht, jemand anderem zur Hilfe zu kommen und dabei auch Gewalt anzuwenden. "Die Frage aber ist, ob der Fahrgeschäft-Besitzer zu dem Zeitpunkt, als der Angeklagte eingegriffen hat, noch angegriffen wurde oder ob die Rangelei schon zu Gunsten des Schaustellers beendet war", so Huber. Immerhin haben die Zeugen, einschließlich des Nebenklägers, geschildert, dass der Schausteller zu dem Zeitpunkt, als der Angestellte eingegriffen hat, bereits auf dem Opfer gekniet haben soll. "Dann waren die Fußtritte nicht mehr vom Nothilferecht gedeckt. Der Angeklagte hat überreagiert, seine Tritte waren weder gefordert noch erboten, um einen Angriff gegen seinen Chef abzuwehren", so der Staatsanwalt.
Von versuchtem Totschlag könne zwar nicht die Rede sein, "anders sieht es aber bei dem Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung aus": Die Handlung des Angeklagten sei "abstrakt lebensgefährlich" gewesen - auch wenn es im konkreten Fall eher unwahrscheinlich gewesen sei, dass die Fußtritte zum Tod hätten führen können.
Verteidiger Till Wagler hatte Zweifel daran, ob überhaupt einer der Tritte seines Mandanten den damals 26-Jährigen getroffen haben und dessen Gesichtsverletzung nicht womöglich von den Schlägen des Schaustellers stammten.
Er plädierte dafür, seinen Mandant "auf freien Fuß zu setzen. Wäre es nicht an dem Punkt, an dem man sagt, elf Monate Haft sind ausreichend, und man setzt den Rest der Freiheitsstrafe zur Bewährung aus?", richtete er sich an Richter Amend.
Dem wollten dieser sowie die beiden beisitzenden Richter und die zwei Schöffen aber nicht folgen. "Schuhe sind ein gefährliches Werkzeug - auch wenn es nur Turnschuhe sind", erklärte Amend. Wer jemanden damit gegen den Kopf tritt, könne nicht steuern, was das für Folgen hat.
Eine Hilfeleistung für den Chef des Angeklagten, in Form von Tritten gegen den Kopf des Opfers, hielt Amend "auf keinen Fall" für erforderlich. "Da kann man auch so dazwischen gehen."