Kronach
Kunst

Schatzkammer der Renaissance in Kronach

Die Fränkische Galerie in der Festung Rosenberg nimmt einen ganz besonderen Platz in der bayerischen Museumslandschaft ein.
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Der Museologe Alexander Süß weist auf Details im Wappenhalter "Triton und Meerweib" hin. Fotos: Nicole Julien-Mann
Der Museologe Alexander Süß weist auf Details im Wappenhalter "Triton und Meerweib" hin. Fotos: Nicole Julien-Mann
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Öffnet man die Tür zum Büro des Kronacher Museologen Alexander Süß unter dem Dach des Rathauses, hält man erst einmal verblüfft inne - unsicher, ob man den richtigen Eingang erwischt hat. Süß kennt das offensichtlich: "Nur herein spaziert!"

Neben Computer, Schreibtisch, Regalen und Aktenschränken stapeln sich Bilder, alte Zigarrenkisten, Stahlhelme aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, schön gearbeitete Biedermeierstühle, eine alte Violine. "Eine Mischung aus Ramsch, Trödelladen und Messiwohnung," meint Alexander Süß augenzwinkernd. Was von historischem Wert ist, wird katalogisiert, aufbereitet, wandert ins Depot und von dort in das neue Frankenwaldmuseum. Dieses wird 2023 nach gut 20 Jahren aus dem Dornröschenschlaf geweckt und soll in den renovierten Räumen der Festung Rosenberg das Andenken an die alte Zeit wach halten, an vergangene Tradition, untergehendes Handwerk und vergessene Bräuche erinnern.

Die Artefakte belegen früheste Besiedlungsspuren in der Jungsteinzeit und bilden die Zivilisationsgeschichte bis in die 1950er und 60er Jahre ab - soweit der Plan für die Neuauflage des Heimatmuseums. Auf diesem Zeitstrahl nimmt das Fenster von Spätgotik bis Renaissance einen verhältnismäßig kleinen Platz ein. Der aber hat es in sich. Denn die alten Mauern der Festung Rosenberg sind längst Hort der Vergangenheit, sie bergen einen Schatz, wie er in einer kleinen Stadt wie Kronach kaum vermutet wird.

Bei der Sammlung fränkischer Kunst aus dem Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit handelt es sich um erstklassige Stücke: Gemälde vom berühmtesten Sohn der Stadt, Lucas Cranach, Skulpturen von Tilmann Riemenschneider, Altäre von Hans Süß von Kulmbach. Die 200 Exponate auf 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche geben einen komprimierten Blick auf das Thema mit dem Fokus auf Künstler aus der Bamberger Ecke, wobei die regionale Ausdehnung großzügig interpretiert wird. "Hier fassen wir die Substanz zusammen wie eine Art Balsamicoreduktion der Renaissance", macht Süß deutlich.

Die Fränkische Galerie ist das erste Zweigmuseum, das die große Mutter in München, das Bayerische Nationalmuseum, eröffnet hat. Man darf es durchaus als großzügig bezeichnen, dass viele der wertvollen Bilder und Skulpturen von dort stammen, denn schließlich fehlen diese in der Münchner Ausstellung. Für Kronach ist diese Allianz ein Glücksfall, denn das Museum ist auf einem künstlerischen Level angesiedelt, das deutschlandweit seinesgleichen sucht. "Die Kronacher leben hier eigentlich wie die kleinen Könige", meint Süß, "jeder war in seinem Leben bestimmt schon einmal hier, aber das reicht nicht." Alle zwei Jahre sollten sich die Bürgerinnen und Bürger schon aufschwingen, den Festungsberg zu erklimmen, wünscht er sich. Dafür lassen sich Süß und das gesamte Team des Tourismusbetriebs um Kerstin Löw einiges einfallen.

Besucher aus Europa und China

"Wir spinnen unser Kulturprogramm um die Fränkische Galerie herum", erläutert er das Konzept. Kunst, lokale Geschichte und Lucas Cranach ergeben ein reizvolles Webmuster. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen, nicht nur in Deutschland. Süß schätzt den Anteil der Besucher aus Europa, Japan und China auf 20 bis 25 Prozent.

Das Museum profitiert von Forschungskooperationen wie mit der Universität Erlangen, mit der man die bedeutende Ausstellung "Zeichnen in Cranachs Werkstatt" im vergangenen Jahr realisieren konnte. Aber auch Tourismusnetzwerke wie die "Wege zu Cranach" spülen ein interessiertes Publikum in die Stadt. Die einstige Sonderaustellung "Festungen - Frankens Bollwerke", die glücklicherweise immer wieder verlängert wird, ist Anknüpfungspunkt von "Forte Cultura", einem Netzwerk, das sich von der Ostsee bis an die Adria spannt.

Das museumspädagogische Angebot auf der Festung Rosenberg zielt auf das junge Publikum ab. Spielerisch beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler mit der Malerei Cranachs, mit der Verwendung von Gold als Farbe oder Genussmittel, mit Festungsbau oder Steinmetzarbeiten. Generell gilt: Je vielfältiger die Themen, desto breiter das Publikum. Und so findet auch der eine oder die andere den Weg nach oben, der sich nicht nur explizit für die Kunst der Renaissance interessiert.

Dabei ist schon ein Besuch der Ausstellungsräume der Fränkischen Galerie wie eine Wellnessanwendung für die Seele, denn sie strahlen eine meditative Ruhe aus. Großzügig ausgestattet mit Fördermitteln wurden sie 2014 von Grund auf saniert. Die zurückgenommene Ästhetik bietet den Exponaten die Bühne, die sie verdienen. Die Wände sind in dezentem Grau gestrichen, der Farbe, die jede andere in sich trägt. Jedes Objekt wurde für sich genommen ausgeleuchtet. Dadurch werden Details enthüllt, die die Werke so einzigartig machen: Raffinierte Faltenwürfe, fein ausgearbeitete Gliedmaßen, ausdrucksvolle Gesichter. Ein Gang durch die Ausstellung mit dem Museologen öffnet die Augen zusätzlich. Jeder Raum hat ein übergeordnetes Thema, zum Beispiel die damals neue Errungenschaft der Drucktechnik, die die weite Verbreitung von Kunst ermöglichte. Exemplarische Skulpturen und Gemälde zeigen, wie die Holzschnitte oder Kupferstiche von Albrecht Dürer oder Lucas Cranach andere Künstler inspiriert haben.

Wohl in keinem anderen Museum hat man einen so unmittelbaren Zugang zu den Kunstwerken wie in der Fränkischen Galerie. Keine rote Kordel hält die Besucher auf Distanz, nur in Ausnahmefällen schirmen Glasscheiben die Werke ab. Das passt zur Philosophie der Museumsbetreiber: "Wir wollen kein abgehobener Leuchtturm sein, sondern Barrierefreiheit gewährleisten, auch inhaltlich."

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