Laden...
Kronach
Antisemitismus

Rechtsextreme in Kronach gleich um die Ecke

Anschläge wie der auf eine Synagoge in Halle zeigen: Faschistische Ideologien sind auch 75 Jahre nach dem Holocaust Teil der deutschen Gesellschaft. Die Partnerschaft für Demokratie in Kronach will es nicht so weit kommen lassen.
Artikel drucken Artikel einbetten
29 rechts motivierte Straftaten hat die Kriminalpolizei im vergangenen Jahr in den Landkreisen Kronach, Coburg und Lichtenfels registriert. Foto: Bernd Thissen/dpa
29 rechts motivierte Straftaten hat die Kriminalpolizei im vergangenen Jahr in den Landkreisen Kronach, Coburg und Lichtenfels registriert. Foto: Bernd Thissen/dpa

Der Holocaust ist bis heute eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Historie. Anschläge, wie am 9. Oktober auf eine jüdische Synagoge in Halle an der Saale, zeigen auf traurige Weise, dass sich die Geschichte - trotz aller Gegenmaßnahmen - wiederholt.

Die Kriminalpolizei Coburg ist für die Landkreise Kronach, Lichtenfels und Coburg zuständig. 29 rechts motivierte Straftaten wurden dort im vergangenen Jahr registriert. Im Jahr 2017 waren es noch 36. "Bei der überwiegenden Anzahl der Straftaten "Rechts" handelt es sich um sogenannte Propagandadelikte (Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen) oder Volksverhetzung", berichtet Kripo-Pressesprecher Alexander Czech. Sie stellen demnach den größten Anteil der politisch motivierten Straftaten dar.

Gewalttaten kämen dabei aber nur selten vor. "Dabei handelt es sich überwiegend um Körperverletzungen, welche durch Personen gegensätzlicher Lager aus politischer Motivation begangen wurden", erklärt Czech. Die Bekämpfung von Rechtsextremismus sei seit Jahren ein zentraler Schwerpunkt, der durch hohen Polizeieinsatz intensiv durchgeführt werde.

Sabine Nachtrab von der Fach- und Koordinierungsstelle der Partnerschaft für Demokratie Kreis Kronach beobachtet Anschläge, wie den in Halle, mit Sorge: "Zwar haben wir im Landkreis Kronach keine akute Bedrohungslage. Doch organisierte Formen von Rechtsextremismus sind leider auch nicht weit weg."

Der ehemalige Gasthof Fels an der B 173 in Presseck (Kreis Kulmbach) wird seit über einem Jahr von einem Vertreter der rechtsextremen Szene als Vertriebsort für einschlägige "Fanartikel" genutzt.

"Weiter ist aus dem Landkreis Sonneberg bekannt, dass dort gezielt Immobilien von rechtsextremen Personen aufgekauft werden", führt Nachtrab aus. Der Verfassungsschutz beobachtet solche Strukturen, verhindern kann er sie bisher jedoch nicht.

Netzwerk gegen Rechts

Die Koordinierungsstellen der verschiedenen Landkreise stehen miteinander in Kontakt. "Wir sind ein breites Netzwerk, dass sich stetig austauscht und auf dem Laufenden hält", betont Nachtrab. Glücklicherweise sei man im Kreis Kronach in der Situation, dass man vorbeugend agieren könne. "Unser Fokus liegt darauf, die Bevölkerung für die Gefahren des Rechtsextremismus zu sensibilisieren und ihm entschlossen entgegenzutreten.

Dazu gehört zum Beispiel die Zusammenarbeit mit weiterführenden Schulen. "Wir sensibilisieren die jungen Leute in Workshops für Gewinnungsstrategien, die solche Gruppierungen anwenden und geben ihnen Argumentationswerkzeuge an die Hand", führt Nachtrab aus. Vieles laufe beispielsweise unter dem Deckmantel der Musik mit radikalen Inhalten. Das zeigt sich laut der Koordinatorin im Nachbarlandkreis Hildburghausen, wo Rechtsrock-Konzerte inzwischen regelmäßig stattfinden.

Sich zu vernetzen und solche Veranstaltungen zu organisieren sei mittlerweile ganz einfach: "Das Internet trägt maßgeblich dazu bei, dass sich Gleichgesinnte relativ unkompliziert miteinander austauschen können", berichtet Nachtrab. Rechtsextreme würden die Anonymität des World Wide Web nutzen, um anonym ihre radikalen Positionen zu vertreten. "Vor allem junge Menschen sind viel im Internet unterwegs."

Radikale Sprache im Vormarsch

Das Problem dabei: Die einschlägigen Internetforen erwecken den Eindruck, dass eine radikale Sprache wieder gesellschaftsfähig ist. Der Attentäter von Halle übertrug den Anschlag auf die jüdische Synagoge sogar per Live-Stream über das Internet. Drei Personen sollen ihn zum Zeitpunkt des Anschlags gesehen haben.

Doch können solche Taten verhindert werden? Das bezweifelt Nachtrab. "Es ist schwierig, bereits radikalisierte Einzeltäter zu erreichen. Ich glaube, unsere einzige Chance besteht darin, immer wieder an die Bevölkerung zu appellieren, tolerant und respektvoll miteinander umzugehen und die kulturelle Vielfalt wertzuschätzen und den Wert von Demokratie und Menschenrechten zu erkennen."

Das Bundesprogramm "Demokratie leben!" hat die Partnerschaft für Demokratie im Kreis Kronach in den vergangenen vier Jahren mit 45 000 Euro gefördert. Mit diesen Fördergeldern konnte neben vielen anderen Projekten eine Wanderausstellung unter dem Titel "Mutmacher zeigen Gesicht" realisiert werden, die Schüler des Frankenwald-Gymnasiums zusammen mit der Kronacher Kolpingsfamilie ausgearbeitet haben.

Damit Rechtsextremismus bereits im Keim erstickt werden kann, ist es laut Nachtrab wichtig, dass Vorfälle gemeldet werden und Opfer von rechter Gewalt Unterstützung erfahren: "Betroffene können sich entweder an die Meldestelle für antisemitische Vorfälle (RIAS) in Bayern oder direkt an uns wenden. Wir vermitteln dann weiter", erklärt die Koordinatorin. Rias gibt es seit dem 1. April - inzwischen wurden dort bereits 96 Vorfälle gemeldet."Wir gehen von einer weit größeren Dunkelziffer aus. Die antisemitischen Denkmuster des Attentäters von Halle finden wir bei vielen der registrierten Vorfälle", warnt die RIAS-Leiterin Annette Seidel-Arpaci. "Es ist nur eine Frage der Zeit, inwieweit dieses Denken in die Tat umgesetzt wird.

Weiter gibt es eine mobile Beratung gegen Rechtsextremismus, die bei Bedarf auch vor Ort berät und zwischen den Parteien vermittelt, beispielsweise bei Konflikten an Schulen.

Anlaufstellen:

Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie Landkreis Kronach: Volkshochschule Kreis Kronach, Tel. 9261/6060 21.

Meldestelle für antisemitische Vorfälle (RIAS) Bayern: im Internet unter www.report-antisemitism.de/rias-bayern/ (auch anonym).

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern (Nordwest): Tel. 0911/ 92300454 oder per Mail an mb-nordost@lks-bayern.de.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren