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Bildung

Realschule in Pressig: An der Wirklichkeit vorbei?

Eine mögliche Realschule in Pressig sorgte im Kreistag vor einer Woche für mächtig Trubel. Auch in den letzten Tagen ließ die Aufregung nicht nach.
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Die Anträge für eine Realschule in Pressig wurden von der Landkreisverwaltung bereits gestellt. Nun heißt es abwarten. Foto: Marian Hamacher
Die Anträge für eine Realschule in Pressig wurden von der Landkreisverwaltung bereits gestellt. Nun heißt es abwarten. Foto: Marian Hamacher
Eine dritte Realschule in Pressig - eine große Chance für die Schüler und die regionale Wirtschaft oder doch eher ein todgeborenes Kind? Die Meinungen zu diesem Thema gehen weit auseinander. Und die Diskussion darüber wird emotional geführt. Vor gut einer Woche beschloss der Kreistag, dass der Antrag auf Etablierung einer Realschule in Pressig beim Kultusministerium gestellt wird (wir berichteten). Doch ist das nun schon geschehen? Ja, sagt Landtagsabgeordneter Jürgen Baumgärtner (CSU). "Die Etablierung wurde politisch bereits entschieden", erklärt er.

Auf Nachfrage beim Kultusministerium teilt der Pressesprecher mit, dass dort bis jetzt noch nichts eingegangen sei. "Wenn die Anträge aber dann da sind, werden wir sie gemeinsam mit dem Finanzministerium prüfen", erklärt er weiter. Wenn noch Unterlagen benötigt werden, würde man diese noch anfordern. "Und dann entscheiden wir das", so der Pressesprecher zum Prozedere. Für Jürgen Baumgärtner ist das ganze nur eine Formalie. "Das Kultusministerium stimmt zu", ist er sich sicher.


Zahlen sind eindeutig

Egon Herrmann (SPD), Bürgermeister von Weißenbrunn, ist da ganz anderer Meinung. "Wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind, wird sich herausstellen, dass keine weiterführende Schule im oberen Landkreis möglich ist." Die Etablierung einer dritten Realschule im Landkreis wäre seiner Ansicht nach an der Wirklichkeit vorbei entschieden. Deswegen stimmte Herrmann gegen das Vorhaben.

Bereits vor Jahren habe man im Rahmen der Bildungsregion Kronach eine Potenzialanalyse machen lassen. Kreisrat Peter Hänel (FW) sucht extra für das Gespräch mit dem FT die Ergebnisse heraus: Danach seien es 2014 noch 1307 Realschüler gewesen, 2020 werden es noch 1005 sein und 2030 nur noch 937. "Die Realschule in Pressig wäre ein todgeborenes Kind. Die Zahlen sind eindeutig", meint Hänel, der gegen eine Etablierung gestimmt hat.

Herrmann hat in den letzten Tagen mit einzelnen Eltern gesprochen. "Und die haben mir gesagt, dass ihre Kinder nicht nach Pressig auf die Schule gehen würden. Die Kinder würden das auch nicht wollen." Die Fachoberschule in Ludwigsstadt war für Egon Herrmann beispielgebend, wie eine Schule sein muss. "Trotzdem ist sie von Eltern und Schülern nicht angenommen worden, weil dort einfach die Infrastruktur nicht so gegeben ist", meint Herrmann. "Nichts gegen Pressig. Aber in Kronach haben die Schüler schon mehr Angebote. Sie können in die Weka oder in die Eisdiele gehen", ergänzt Hänel.


Nicht nördlich genug

Für Egon Herrmann wäre eine Realschule in Pressig zudem nicht nördlich genug. Ein Einwand, der auch in der Kreistagssitzung öfters aufkam. Für Jürgen Baumgärtner bleibt Pressig jedoch der perfekte Standort. "Damit die Schule überleben kann, brauchen wir auch die Schüler aus Stockheim. Nach Ludwigsstadt würden diese nicht fahren", so Baumgärtner. Zudem liege Pressig zentral und sei gut angebunden.

Eine Realschule im oberen Landkreis ist laut Baumgärtner besonders für die Wirtschaft im Norden wichtig. Das machte unter anderem auch Angela Wiegand (CSU) in der Kreistagssitzung deutlich. Viele Fachkräfte schrecke es ab, wenn es kein wohnortnahes Schulangebot gibt. Peter Hänel kann das Verstehen. "Doch wir können unsere Augen nicht einfach vor der Realität verschließen und einfach etwas aus dem Boden stampfen", erklärt er.
Er wisse, dass er mit Egon Herrmann auf weiter Flur alleine als Gegner stehe. "Aber ich konnte dem einfach nicht zustimmen", so Hänel.

Doch wie geht es nun weiter? Nach der Entscheidung des Ministeriums sei die Etablierung einer Arbeitsgruppe angedacht. An der Spitze könnte sich Baumgärtner Christa Bänisch vorstellen, die Rektorin der Maximilian-von-Welsch-Realschule. "Es ist wichtig, dass in dieser Arbeitsgruppe keine politischen Alphas sitzen. Das macht das Leben nur schwerer", meint der Landtagsabgeordnete. Neben Bänisch sollen auch Vertreter der Eltern, der regionalen Wirtschaft und der Schüler in der Gruppe diskutieren: Wie muss eine Realschule in Pressig organisiert sein, dass sie denen in Kronach in nichts nachsteht und diese auch nicht gefährdet? Wie viele Räume bräuchte man? Und wie kann ein Schulleben in Pressig organisiert werden? "Darüber soll sich die Arbeitsgruppe bis September mal Gedanken machen. Und dann schauen wir, was im Dezember formuliert wird", erklärt Baumgärtner.


Offen für die Diskussion

Vielleicht komme dabei auch heraus, dass keine Realschule in Pressig benötigt wird. "Dann müssen wir in die andere Richtung denken und zum Beispiel den Schulbeginn in Kronach erst auf 9 Uhr legen, mehr Direktbusse einsetzen oder über Teleunterricht nachdenken", meint Baumgärtner.

Die Sorgen, die in der Diskussion aufgekommen sind, kann Baumgärtner verstehen. Viele Eltern hätten Angst, dass die Realschulen in Kronach geschwächt werden oder dass eine Mittagsbetreuung in Pressig nicht gewährleistet werden kann. "Es ist berechtigt, kritisch zu sein", erklärt Baumgärtner. Das müsse man alles prüfen.

Doch eine Elternbefragung hält Baumgärtner weiterhin für nicht sinnvoll. "Ich befrage doch nicht die Gegenwart über die Zukunft." Dennoch ist er sich sicher: Eine Realschule für Pressig wird kommen. "Mein Ziel, ist 2018 damit zu beginnen. Aber Qualität geht vor Geschwindigkeit. Wenn wir soweit sind, fangen wir an", erklärt der Landtagsabgeordnete.



Das denkt der Elternbeirat

Die Aussage von Heiko Eichhorn, Mitglied des Elternbeirats der Kronacher Maximilian-von-Welsch-Realschule (RS I), hat im Kreisrat für hitzige Diskussionen gesorgt. Auf Nachfrage des FT haben sich drei Mitglieder des Elternbeirats erstmals zu den Planungen einer dritten Realschule geäußert. Das Hauptanliegen von Manuela Türkis, Heiko Eichhorn und Jürgen Radlo: Die Qualität der Realschule in Kronach muss hochgehalten werden. Dazu zählen beispielsweise das Angebot von verschiedenen Wahlfächern oder von Ganztagsklassen.

Die drei Vertreter des Elternbeirats fordern, dass erst ein Grundkonzept erarbeitet werden müsse, bevor man überhaupt eine Realschule planen könne. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Realschule in Pressig. Aber wir brauchen mehr Informationen", sagt Elternbeiratsvorsitzende Türkis.

Außerdem befürchtet der Elternbeirat, dass bei drei vollwertigen Realschulen gewisse Zweige in der RS I nicht mehr zu Stande kommen, wie Radlo erklärt. Die Vertreter des Elternbeirats vermuten, dass die Zweige, in denen im Moment viele Kinder sind, nach Pressig ausgelagert werden. Dadurch wären die Kinder gezwungen, an die Schule zu gehen, an der ihr favorisierter Zweig angeboten wird. Ein weiteres Problem stellen die geburtenschwachen Jahrgänge dar, wie die Drei erklären. Dadurch werde die Schüleranzahl immer kleiner. "Die Grundschulen machen reihenweise zu. Was jetzt mit den Grundschulen passiert, kann die Realschule auch treffen", warnt Eichhorn.


Fahrtgeld und Elternbefragung

Ein weiterer Konfliktpunkt, der nach Meinung der drei Elternbeiräte geklärt werden muss, sind die Fahrtkosten. Laut Eichhorn ist die Wahl der Schule grundsätzlich frei. Die Kosten der Beförderung werden jedoch nur zur nächstgelegenen Schule bewilligt. Dafür müsse es eine Änderung geben. So werde Schülern, die in Steinbach wohnen, bis jetzt das Fahrtgeld nach Kronach gezahlt, weil es die nächstgelegene Schule ist. Mit einer Realschule in Pressig würde das Fahrtgeld nach Kronach nicht mehr gezahlt werden, erklärt Türkis.

Eine Elternbefragung, die schon in der Sitzung des Kreistags für Wirbel gesorgt hatte, sehen die Vertreter des Elternbeirats mit gemischten Gefühlen. Radlo, Eichhorn und Türkis bemängeln, dass auch in diesem Punkt noch viele Informationen fehlten. Es sei schwierig, für eine Befragung die richtigen Betroffenen zu finden. Schließlich würde eine Realschule in Pressig die Eltern der jetzigen Schüler wahrscheinlich nicht mehr betreffen.
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