Welitsch
Debatte

Quo vadis Kuhstall: Bleibt Welitsch ein Milchdorf?

Die Landwirtsfamilie Nickel will seit 2014 einen Kuhstall in Welitsch bauen. Bis heute ist über ihren Bauantrag aber nicht entschieden.
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Johannes Nickel  will den Hof des Vaters übernehmen, sieht darin wirtschaftlich nur aber einen Sinn, wenn der neue Stall gebaut werden darf. Foto: Veronika Schadeck
Johannes Nickel will den Hof des Vaters übernehmen, sieht darin wirtschaftlich nur aber einen Sinn, wenn der neue Stall gebaut werden darf. Foto: Veronika Schadeck

Es war einmal - vor viereinhalb Jahren: Landwirt Johannes Nickel stellt bei der Marktgemeinde Pressig einen Bauantrag. Hinter dem bestehenden Stall will seine Familie auf ihrem Grundstück in Welitsch einen neuen Stall errichten. 38 mal 58 Meter groß, acht Meter hoch - und mit Platz für bis zu 120 Milchkühe.

Der Stall, in dem zwei Melkroboter in die Arbeitsabläufe integriert wären, würde nach neuesten Vorgaben gebaut. Die Fläche pro Kuh würde sich erhöhen, die Tiere wären nicht mehr angekettet, würden mehr Licht und mehr Luft bekommen. Obwohl noch gar nicht sicher ist, ob die Nickels auf Bio umstellen würden, ist der Stall nach Bio-Vorgaben konzipiert.

Im fünften Jahr des Antrags

Mittlerweile ist Johannes Nickel 32 Jahre alt - und wartet noch immer auf den Ausgang des Verfahrens. "Ohne den neuen Stall kann ich unsere Existenz mit der Landwirtschaft nicht sichern. Dann wird Welitsch keinen Milchbauern mehr haben", sagt Landwirtschaftsmeister Nickel.

Wie die Geschichte ausgeht: Fragezeichen. Endgültig entschieden ist über den Bauantrag bis heute nicht. "Ich als Bürger begreife nicht, warum das Verfahren so lange dauert.Ich brauche eine Entscheidung, wie auch immer sie ausfällt." Vor acht Wochen hat sich Nickel an den Landtagsabgeordneten für den Stimmkreis Kronach-Lichtenfels, Jürgen Baumgärtner (CSU), gewandt. Seitdem nimmt die Sache Fahrt auf.

Erstmals alle an einem Tisch

"Endlich saßen alle Beteiligten an einem Tisch", sagt Nickel. Auf Einladung von Baumgärtner versammelten sich am Freitagvormittag ein Dutzend mit der Thematik befasste Menschen - unter anderem Fachleute des Landratsamts, des Wasserwirtschaftsamts und des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) im Pressiger Rathaus. "Es war ein konstruktives Gespräch", findet Johannes Nickel.

Die Vorgeschichte: Als die Pläne des Stallbaus vor fünf Jahren bekannt wurden, machten einige Anwohner ihren Widerstand gegen das Projekt kund - unter anderem in Form einer Unterschriftenliste. Sie befürchten größere Geruchs- und Lärmbelästigungen. Immerhin soll sich die Zahl der Melkkühe in etwa verdoppeln.

Weiter hielt sich das Gerücht, der Sportplatz des FC Welitsch solle dem Projekt zum Opfer fallen. Der Grund, auf dem er steht, gehört der Familie Nickel. "Das stand nie zur Disposition", sagt Johannes Nickel.

Außerdem hat der Markt Pressig Sorge um die Trinkwasserqualität der Gemeinde. Gülle und andere Verunreinigungen könnten durch Undichtigkeiten ins Erdreich und damit ins Grundwasser gelangen. Der Welitscher Brunnen steht unweit des Bauernhofs. Der neue Stall würde in Teilen im Wasserschutzgebiet der Zone 3 liegen.

Politische Entscheidung benötigt

"Es gibt gute Gründe für, aber auch gute Gründe gegen den Stall an diesem Platz. Der eigentliche Skandal ist, dass der Landwirt schon so lange auf eine Aussage wartet", sagt Baumgärtner, der sich pro Kuhstall ausspricht. "Wenn jeder Stall so gebaut wäre, wäre das gut für unser Grundwasser. Wer Regionalität und Tierwohl möchte, muss sich darum kümmern, dass so ein Stall gebaut wird", kritisiert der Abgeordnete.

Eine klare Aussage des Pressiger Gemeinderates vermisst der MdL - und spielt auf eine Abstimmung des Bau- und Umweltausschusses im Februar 2016 an. Die Räte stimmten mit einer Ausnahme (Wolfgang Förtsch/SPD) dem Stallbau zu - äußerten gleichzeitig aber Bedenken dagegen und gaben diese an das Landratsamt weiter. Baumgärtner: "Entweder man ist dafür oder dagegen."

Das Landratsamt, von dem Bauamt und Sachgebiet Wasserrecht in Pressig waren, hat bislang noch keine Entscheidung getroffen. Immer wieder gab es Eingaben von Fachbehörden und Interessengruppen.

Zum Ergebnis der Sitzung am Freitag sagt Baumgärtner: "Es gibt rechtlich die Möglichkeit, den Kuhstall zu bauen." Dies sei Konsens gewesen.

Engmaschige Wasserkontrollen

Der Abgeordnete geht nun von einer zügigen Genehmigung des Landratsamts aus. Mit einer von der LGL vorgebrachten Auflage: Es soll engmaschige Kontrollen des Grundwassers im Stallumgriff geben. "Wer das zahlt, ist der einzige noch offene Punkt", sagt Baumgärtner, der die Kosten der Kontrollen auf 3000 Euro pro Jahr beziffert. Er sieht die Kommune in der Pflicht. "Man hätte die Kontrollen schon für den alten Stall gebraucht." Zeitlich, so Baumgärtner, sei es möglich, dass die Genehmigung unter dem Weihnachtsbaum liegt.

Bürgermeister Hans Pietz (FW) äußert sich nach dem Treffen im Rathaus knapp: "Das dringendste Anliegen der Gemeinde ist: Die Qualität des Wassers im Brunnen Welitsch darf sich nicht verschlechtern. Außerdem wollen wir keine finanziellen Nachteile haben."

Baumgärtners CSU-Kollege Reinhold Heinlein, der im Pressiger Gemeinderat sitzt und Sitzungsteilnehmer war, lobt die Landwirtsfamilie: "Sie haben schon im Vorfeld alle Anforderungen erfüllt." Heinlein erinnert an eine zusätzliche Folie, die unter dem Stall eingelegt werden soll, um Versickern von Gülle ins Erdreich aufzuhalten. Er findet: "In Welitsch war früher jedes dritte Haus ein Bauernhof. Wenn es in so einem landwirtschaftlich geprägten Ort nicht möglich ist, einen Stall zu bauen, dann weiß ich auch nicht mehr.

Kommentar von unserem Redaktionsmitglied Andreas Schmitt: Überall Baumgärtner

Rufen Sie doch mal beim Abgeordneten an. Diesen Satz hören wir bei unseren Recherchen immer wieder - von Privatpersonen oder Kommunalpolitikern. Ob Rewe-Neubau in Kronach oder Förderzusagen für notwendige Sanierungen beim Wasserzweckverband Frankenwaldgruppe (FWG) - um nur zwei Beispiele zu nennen: Es gibt kaum ein Thema im Kreis Kronach, an dem Jürgen Baumgärtner nicht irgendwie beteiligt ist. Gerade festgefahrene Projekte wie der Stallbau Welitsch scheinen sein Steckenpferd zu sein.

Zwar vergaloppiert sich der 45-Jährige manchmal - Stichwort Nationalpark. Und mit seinem von sich überzeugtem Auftreten wird nicht jeder warm. Aber: Baumgärtner setzt sich wie für seine politischen Ziele ein und scheut dabei überhaupt keinen Konflikt. Zu bewerten ist das zweischneidig: Positiv, dass er als Abgeordneter so nah an der Lokalpolitik dran ist. Und negativ, dass es die Hilfe von außen so oft braucht.



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