Kronach
Interview

Phantomschmerzen: "Die Erfolge der medikamentösen Behandlung sind begrenzt"

In der Medizin gibt es verschiedene Ansätze, Phantomschmerzen zu behandeln. Chefarzt Ralf Walper spricht darüber im Interview.
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Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa-Zentralbild/dpa
Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa-Zentralbild/dpa

In der Literatur ist der Phantomschmerz ein bedeutungsschweres Bild voller Interpretationsmöglichkeiten. Einen neutralen, medizinischen Einblick in das Fachgebiet gewährt Ralf Walper, Chefarzt an der Helios-Frankenwaldklinik in Kronach im Interview.

Wie kann man den Medizin-Laien unter uns den Begriff "Phantomschmerz" begreifbar machen?

Ralf Walper: Unter Phantomschmerz versteht man Schmerzen in einem Körperteil, das nicht mehr vorhanden ist, meist infolge einer Amputation. Oft wird darüber nach Amputation von Gliedmaßen wie Armen oder Beinen berichtet; er kann aber auch nach einer Brustamputation oder Zahnentfernung auftreten. Darüber hinaus ist es nicht ungewöhnlich, dass durch Berührung an anderer Stelle im Körper Schmerzen im amputierten Körperteil ausgelöst werden, das Phantomglied in einer ungewöhnlichen Position wahrgenommen wird oder es in der Wahrnehmung verkürzt erscheint.

Ein Schmerz, wo eigentlich keiner sein kann - für nicht Betroffene kaum vorstellbar. Wie äußert sich der Phantomschmerz?

Für einen Laien ist es sicher nur schwer vorstellbar, dass ein Patient Schmerzen in einer Gliedmaße verspürt, die physisch nicht mehr vorhanden ist. Nach der Amputation spüren die allermeisten Betroffenen weiterhin die nicht mehr vorhandene Gliedmaße, beispielsweise ihre Länge, den Umfang, oft auch eine bestimmte Haltung. Gelegentlich wird über Kribbeln, Berührungsempfindungen und Zucken berichtet. Etwa 60 bis 80 Prozent der Amputierten nehmen Schmerzen im amputierten Körperteil wahr. Wichtig ist die Unterscheidung von Phantomschmerz und Stumpfschmerzen.

Wie therapiert man den Schmerz?

Wie andere Nervenschmerzen spricht auch der Phantomschmerz auf Medikamente an, die die Funktion des Zentralnervensystems beeinflussen. Jedoch sind die Erfolge der medikamentösen Behandlung begrenzt. Positive Berichte gibt es zu Antidepressiva, Opioiden und Medikamenten, die die Erregbarkeit des Gehirns verändern. Gibt es Veränderungen am Stumpf, können Injektionen oder lokale Reizverfahren erfolgreich sein. Auch Beeinflussung von Temperatur und Durchblutung im Stumpfbereich kann hilfreich sein.

Was gibt es darüber hinaus für Möglichkeiten?

Ein Verfahren ist die myoelektrischen Prothese. Durch Tragen der Prothese wird die Hirnregion, die aufgrund der Amputation verändert wurde, wieder aktiviert. Die Funktion der verlorenen Gliedmaße wird zum Teil wiederhergestellt, das Gehirn erhält Reize, die negativen Prozesse werden rückgängig gemacht.

Ein anderer Weg ist das sensorische Wahrnehmungstraining. Dabei wird die Reizung des Stumpfes mit bewusster Wahrnehmung der Reize kombiniert, was sowohl den Schmerz als auch die Umbauprozesse günstig beeinflusst.

Ein weiterer Ansatz ist das Spiegeltraining. Wenn der Patient die noch vorhandene Gliedmaße vor dem Spiegel bewegt, wird dies durch die Reflexion als Bewegung der amputierten Gliedmaße wahrgenommen. Der Phantomschmerz verringert sich.Vorstellungsübungen zu Bewegungen der Phantomgliedmaße durch Visualisierung führen zu ähnlichen Erfolgen.

Wie bewerten Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung heraus die verschiedenen Therapien?

Ich empfinde die sogenannte Spiegeltherapie als sehr effektiv. Sie ist leicht erlernbar und vom Patienten auch gut in seiner häuslichen Umgebung anwendbar. Der größte Teil der Patienten ist und wird jedoch weiterhin auf eine medikamentöse Begleittherapie angewiesen sein. Letztendlich sollten sich Patienten mit einem Phantomschmerz durch einen ausgebildeten ärztlichen Schmerztherapeuten behandelt werden. Die Fragen stellte Anna-Lena Deuerling.

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