Kronach
Podiumsdiskussion

Pflege als große Herausforderung

"Wer soll uns in Zukunft pflegen" - Diese Frage stellte die Hanns-Seidel-Stiftung bei einer Posiumsdiskussion im Historischen Rathaussaal in Kronach.
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Caritas-Kreisgeschäftsführerin Cornelia Thron (von links), MdL Jürgen Baumgärtner, Pflegetreff-Referent Christof Oswald und Prof. Dr. Jürgen Härlein -  Professor für angewandte Pflegewissenschaften -  stellten sich der Frage, wer uns in Zukunft pflegt. Foto: Heike Schülein
Caritas-Kreisgeschäftsführerin Cornelia Thron (von links), MdL Jürgen Baumgärtner, Pflegetreff-Referent Christof Oswald und Prof. Dr. Jürgen Härlein - Professor für angewandte Pflegewissenschaften - stellten sich der Frage, wer uns in Zukunft pflegt. Foto: Heike Schülein
Prof. Dr. Jürgen Härlein, Professor für Angewandte Pflegewissenschaften von der Evangelischen Hochschule Nürnberg, forderte in seinem Kurzreferat eine Erhöhung der Attraktivität der Pflegeberufe sowie die Stärkung der Pflege als eigenständige Profession. "Pflege ist nichts Banales, sondern eine Kunst und Wissenschaft", verdeutlichte er und verwies auf vier Bachelor-Studiengänge seiner Hochschule. Studien belegten eine Verbesserung der Behandlung durch Professionalisierung und Akademisierung.

Das Argument der Nichtfinanzierbarkeit lasse er in Deutschland als "Top-Wirtschaftsnation" nicht gelten. Derzeit empfingen rund drei Millionen Menschen in Deutschland Leistungen aus der Pflegeversicherung. Tatsächlich seien es wohl etwa vier Millionen mit Bedarf. 71 Prozent werden zuhause gepflegt. "Wir brauchen flächendeckende und trägerunabhängige Pflegestützpunkte in Bayern", forderte er. Derzeit gebe es im Freistaat lediglich neun Pflegestützpunkte; in Rheinland-Pfalz beispielsweise 47.

Die Anzahl der Ärzte in den Kliniken habe sich deutlich erhöht, während die der Pflegekräfte in etwa gleich geblieben sei. Pro Jahr gebe es etwa 19 Millionen Behandlungsfälle mit deutlich kürzerer Verweildauer. Dies bedeute für die Krankenpfleger eine stärkere Leistungsverdichtung "immer mehr Behandlungsfälle in kürzerer Zeit" - eine Riesenbelastung! Viele hätten - so CSU-Landtagsabgeordneter Jürgen Baumgärtner - ihren Pflegeberuf aufgrund der unmenschlichen Situation verlassen, weil sie einfach am Limit seien. "Wir werden viele Hebel in Bewegung setzen müssen, um den Fachkräftemangel zu begegnen", zeigte er sich sicher.

Ein Hebel sei eine Verbesserung des Personaleinsatzes in den Einrichtungen wie auch im ambulanten Dienst. Es bedürfe eines Mindest- und nicht eines Maximalschlüssels. Man sollte neue Kräfte in der Anzahl analog zur prozentualen Krankheitsbelastung einstellen. Um neue Kräfte zu gewinnen, müsse man Pflegeberufe attraktiver machen und die Arbeitsbedingungen verbessern. Hierzu zähle auch eine reduzierte Bürokratie: "Pflege muss sich am Ergebnis orientieren und nicht an der Dokumentation. Eine Stunde zuhören ist wichtiger als 30 Minuten dokumentieren", verdeutlichte er. Er sei klarer Gegner der Privatisierung, da sich Pflege nicht am Gewinn orientieren dürfe.

Die Entlohnung müsse besser werden. Die Gewerkschaften seien hier viel zu passiv. Abgeschafft werden sollte auch das Schulgeld an der Berufsfachschule. Zudem sollte man Pflege auch an Unis studieren können, wobei die Lehrstühle nicht in größeren Städten angesiedelt werden müssten. "Ich könnte mir hierfür die Lucas-Cranach-Stadt gut vorstellen", wünschte sich Baumgärtner.

Von den 450 Mitarbeitern im Caritas-Kreisverband Kronach sind - so Kreisgeschäftsführerin Cornelia Thron - zwei Drittel in der Pflege beschäftigt, mit einer durchschnittlichen Verweildauer von gerade einmal acht Jahren. "Viele brechen schon während der Ausbildung ab", bedauerte sie. 55 Prozent der Heimbewohner in Deutschland habe man in der Sozialhilfe - Tendenz steigend! Für diese sei es sehr belastend. Leider habe sich in den letzten 20 Jahren in der Pflege kaum etwas verändert. "Jetzt muss endlich gehandelt werden", forderte sie.

"Hätten wir eine Pflegekammer in Bayern, könnten wir anders mit der Politik umgehen", bedauerte Christof Oswald, Referent für den Pflegetreff Nürnberg und Nordbayern, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe, Regionalverband Südost. Immer häufiger würden Fachkräfte durch schlechte Kräfte ersetzt. "Zwei Hände und zwei Füße" gehe am Ziel vorbei. Menschen in der Pflege gingen regelrecht kaputt. "Die Einführung der Gewinnmaximierung war ein schlimmer Fehler", prangerte er an. Mittlerweile habe Deutschland mehr Privatkliniken als Amerika. Man brauche eine Pflege frei von betriebswirtschaftlichem Denken wie auch sogenannter Pflegeexperten in der Politik, die über die Pflege-Bedingungen entschieden.

Die Diskussion mit dem Publikum wurde von der Regionalbeauftragten der Hanns-Seidel-Stiftung, Sabine Habla, geleitet. Einen Blick in die Realität gab dabei die Leiterin des Lucas-Cranach-Hauses, Karin Büttner. "Das ist doch alles seit 20 Jahren bekannt. Jeder sagt, wir müssen etwas verändern. Aber keiner bringt Vorschläge", erboste sie sich. Die Pflegekräfte müssten top am Menschen arbeiten. Tatsächlich aber machten sie nur das, was die Angehörigen wollten, da diese ansonsten mit einer Meldung ans MDK drohten. Bei einer Erhöhung des Monatsbeitrags beispielsweise um 50 Euro gebe es "moggelhafte" Diskussionen. Der Markt sei leer. Mittlerweile bekomme man Bewerbungen mit Sonderschul-Abschluss. Schwangere Pflegekräfte würden sofort vom Dienst freigestellt. Derzeit komme die Grippewelle hinzu. "Wir haben keine Ressourcen mehr", verdeutlichte sie. Der Nachtwachen-Schlüssel sei angepasst, aber niemand denke an den Tagesdienst. Wenn man alles umrechne, blieben am Ende zehn Minuten pro Schicht pro Bewohner.

Thron appellierte, die Pflege nicht immer nur negativ zu kommunizieren, sondern das Positive herausstellen. Die Caritas habe eine Ausbildungs- und Weiterbildungs-Fachschule. Das koste viel Geld; zahle sich aber aus, da man damit Mitarbeiter motiviere. Bisher habe man trotz allem immer alle Stellen besetzen können. Gründe hierfür seien auch die höchste Entlohnung nach Tarif und dass man als Wohlfahrtsverband nicht gewinnorientiert arbeiten müsse. Krankenpfleger Harald Engel aus Bamberg zeigte sich sicher, dass die Politik die Rahmenbedingungen setzen müsse. Alles andere laufe dagegen. "Kämpfen sie weiter", appellierte er in Richtung Baumgärtner.

Dieser würdigte die vorbildlichen Maßnahmen, Investitionen und Vorreiterprojekte der Pflegeverbände im Landkreis Kronach. "Wir sind gut aufgestellt und haben topmotiviertes Personal, das viel mehr tut als es müsste. Bei keiner anderen Berufsgruppe wird Berufung so groß geschrieben", lobte er.
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