Laden...
Kronach
Theater

"Passagier 23"-Aufführung im Kronacher Kreiskulturraum: Bullauge sei wachsam

Sebastian Fitzeks Thriller "Passagier 23" sorgt für kitzelnde Spannung und lässt im Kronacher Kreiskulturraum keinen unberührt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Auch die Bühnenversion des Thrillers "Passagier 23" wusste zu fesseln: Gegen Ende des Stücks bahnt sich ein weiteres Drama an (Charlotte Neef, Jeannine Gaspár und André Zimmermann/von links). Foto: Nicole Julien-Mann
Auch die Bühnenversion des Thrillers "Passagier 23" wusste zu fesseln: Gegen Ende des Stücks bahnt sich ein weiteres Drama an (Charlotte Neef, Jeannine Gaspár und André Zimmermann/von links). Foto: Nicole Julien-Mann
+4 Bilder

Ob nach dem Besuch des Bühnenthrillers "Passagier 23" noch jemand unbeschwert eine Kreuzfahrt bucht? Schließlich ist der Titel des Stücks nicht aus der Luft gegriffen. Ob Unfall oder Selbstmord, angeblich verschwinden jedes Jahr mehr als 20 Personen auf ungeklärte Weise von den Urlaubscruisern. Die Betreiber, so die Unterstellung, seien mehr als interessiert daran, diese Fälle unter den Tisch zu kehren, denn der Urlaubsspaß der restlichen Passagiere soll durch nichts eingetrübt werden.

Sebastian Fitzek spinnt aus dieser Ausgangsüberlegung eine Geschichte aus düsterem Seemannsgarn. Das klaustrophobische Setting wird spätestens seit Agatha Christie immer wieder gerne aufgegriffen. Ob Insel, Landhaus, oder hohe See: Es gibt kein Entrinnen. Weder vor sich selbst noch vor den anderen. Und eines ist gewiss: der oder die Täterin ist mitten unter uns - und es wird wieder passieren.

Stringent inszeniert

Christian Scholze hat die Romanfassung für die Bühne bearbeitet und auf die essenziellen Handlungsstränge reduziert, die Regisseur Thomas Wingrich für das Ensemble des Berliner Kriminal Theaters stringent inszeniert. Über allem wacht das Bullauge (Bühnenbild von Sven Seemann), unter dem sich unerhörte Dinge abspielen.

Polizeipsychologe Martin Schwartz (Silvio Hildebrandt), so erfährt der Zuschauer im Epilog, schreckt auch vor schmerzhafter Selbstverstümmelung nicht zurück, um pädophile Täter zu stellen. Diese nihilistische Geisteshaltung hat ihren Grund. Vor einigen Jahren verlor Schwartz Frau und Sohn auf just dem Schiff, auf dem er nun in einem ungeklärten Fall ermittelt. Er verspricht sich neue Erkenntnisse über die damaligen Vorgänge. Ein verschwundenes Mädchen, die zehnjährige Anouk (Pauline Stöhr) ist wieder aufgetaucht, verletzt und traumatisiert. Die Mutter (Greta Ipfelkofer) wird gefangen gehalten. "Was war das Schlimmste, was du in deinem Leben getan hast?". Ihr unerbittlicher Peiniger will aus ihrem Munde hören, was er, anders als das Publikum, selbst längst weiß. Nach dem Geständnis, so sein Versprechen, winke die Erlösung: der Tod.

Zuschauer werden "kielgeholt"

In den Wettlauf mit der Zeit begibt sich das skurrile Figurenkabinett aus dem psychisch gebrochenen Polizeipsychologen, der sensationsgierigen Schriftstellerin (Vera Müller), dem Kapitän auf Freiersfüßen (André Zimmermann), den um seinen Profit bangenden Schiffseigner (Jean Maesér), die patente Ärztin (Kristin Schulze) und die mysteriöse Shala (Shero Khalil). In der Zwischenzeit bahnt sich ein weiteres Drama an zwischen Mutter Julia (Charlotte Neef) und Tochter Lisa (Jeannine Gaspar).

Dass sich hinter bürgerlichen Fassaden die größten Abgründe auftun, ist nicht neu. Aber Fitzek treibt die Fantasie der Zuschauer an die äußersten Grenzen physischer und psychischer Gewalt. Es geht um Kindesmissbrauch, Prostitution, Cybermobbing, Mutter-Tochter-Konflikte, Beziehungskrisen, unbewältigte Vergangenheit. Aus Opfern werden Täter, aus Verfolgern Verfolgte. Und die Zuschauer werden kräftig kielgeholt im kalten Atlantik, denn sie werden ohne Happy End in den Abend entlassen.

Die losen Enden der Handlungsfäden sind bis zur Pause ausgelegt und werden erst im Show-down zusammengeknüpft. Das Finale ist nicht frei von Ungereimtheiten. Aber es ist nicht die Auflösung, die für nachhaltige Beklommenheit sorgt. Es ist die mahnende Erinnerung, wie nah das Thema Kindesmissbrauch an jeden heranrücken kann und dass es nicht nur die Männer sind, die man ins Visier nehmen muss.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren