Kronach
Ärgernis

Park-Alltag mit Hindernissen

Emil Wunder und seine auf den Rollstuhl angewiesene Ehefrau Anita sind oft unterwegs. Doch der Park-Alltag ist für sie mit Tücken verbunden. So wird ihr Fahrzeug - trotz hinten und seitlich angebrachter Aufkleber und Schilder - immer wieder zugeparkt.
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Emil Wunder zeigt, wie viel Platz er braucht, um den Rollstuhl seiner Ehefrau aus- beziehungsweise einzuladen.  Foto: Heike Schülein
Emil Wunder zeigt, wie viel Platz er braucht, um den Rollstuhl seiner Ehefrau aus- beziehungsweise einzuladen. Foto: Heike Schülein
"Meine Ehefrau und ich wollen nicht zuhause versauern, wir wollen unter Leute. Menschen mit Behinderungen sollen integriert werden - und dann macht man uns das Leben so schwer." Emil Wunder ärgert sich über rücksichtslose Parker im Alltag, insbesondere bei öffentlichen Veranstaltungen, die das Ehepaar oft und gerne besucht.

Doch dabei kommt es immer häufiger zu Ärgernissen. Der Grund: "Allein in diesem Jahr wurden wir schon drei Mal daran gehindert, an der Heckklappe wie auch an der Beifahrerseite unseres Fahrzeugs den Rollstuhl einzuladen, beziehungsweise meine Frau auf den Beifahrersitz zu setzen", sagt er.

Der Kronacher ist selbst gesundheitlich beeinträchtigt und leidet an Multiple Sklerose. Seine Ehefrau Anita Wunder ist seit ihrer Kindheit an Zerebralparese erkrankt. Sie ist voll auf den Rollstuhl angewiesen. Sie kann nicht sprechen und leidet an einer Spastik.
Trotz ihrer Einschränkungen sind die beiden gerne auf Achse und besuchen häufig öffentliche Veranstaltungen. Doch oft haben diese Besuche ein "trauriges Nachspiel" - nämlich dann, wenn ihr Fahrzeug zu eng eingeparkt wurde.

Doch von einer Einsicht fehle meistens jede Spur, ärgert sich Emil Wunder. "Jedes Mal heißt es, man müsse doch genügend Hinweise am Auto anbringen. Ein anderer Autofahrer sagte, die Rollstuhlabzeichen an unserem Auto seien nicht gesetzeskonform", erinnert er sich und ergänzt: "Ich frage mich nun, ist das einfach eine Gedankenlosigkeit der Autofahrer oder Unkenntnis des Paragrafen 1 der Straßenverkehrsordnung?"

Die Grundregel Nummer 1 besage, dass die Teilnahme am Straßenverkehr ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht erfordere. Verkehrsteilnehmer hätten sich laut Regel Nummer 2 so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt werde.

Kennzeichnungen am Auto des Ehepaars sind mehr als genug angebracht. So befindet sich beispielsweise an der Beifahrerseite das blaue Hinweis-Schild mit einem Rollstuhlsymbol und der Aufschrift "Bitte zwei Meter Abstand halten". Auch am Kofferraum hat das Auto einen solchen Aufkleber sowie auf der Heckklappe rechts und links blaue Aufkleber mit einem Rollstuhlsymbol.

Kein Mangel an Hinweisschildern

Zudem sind noch mehrere gelbe Pfeil-Hinweisschilder "Bitte Abstand halten" an der Heckklappe beziehungsweise am rechten, hinteren Seitenfenster eingeklemmt. In der auffallend gelben Farbe signalisieren diese nachfolgenden Parkern, dass das gekennzeichnete Fahrzeug seitlich wie auch hinten mehr Platz benötigt.

"Trotzdem konnte ich jetzt wieder den Rollstuhl nach einer Theateraufführung in Glosberg nicht einladen, weil wir so zugeparkt waren, dass ich nicht einmal mehr den Ladeboy ganz ausfahren konnte", erzählt Emil Wunder.

Bei einem Theater in der Kronachtalhalle in Steinberg habe ein neben ihm parkender großer Van verhindert, dass er die Beifahrertür öffnen konnte. In Neukenroth, als das Ehepaar eine Faschingsveranstaltung für Menschen mit Behinderung besuchte, konnte er weder die Heckklappe noch die Beifahrertüre entsprechend weit öffnen.

Wie viel Platz er dafür braucht, demonstriert der Kronacher auf seinem Parkplatz vor der gemeinsamen Wohnung. Er öffnet die Heckklappe seines Kofferraums. Mithilfe eines kurbelbetriebenen Ladeboys (einer Art Hebevorrichtung) lädt er den faltbaren Rollstuhl aus.

Er fährt ihn zur Beifahrerseite des Autos, um seine Ehefrau vom Beifahrersitz in den Rollstuhl zu heben. Hierfür braucht es weit mehr Platz als nur die Breite der vollständig geöffneten Fahrzeugtür.

Wenn sein Fahrzeug eingeparkt wurde, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Autofahrer über das Service-Personal ausfindig zu machen - und das kann dauern. In Neukenroth standen die beiden nachts bei drei Grad draußen, in Glosberg regnete es. Entschuldigungen gab es nicht.

"Vielen fehlt es an Verständnis"

"Vielen fehlt es am Verständnis für ihre Mitmenschen mit Behinderung", bedauert Emil Wunder, dem solche Ärgernisse schwer zu schaffen machen. Hinzu kommt, dass er selbst aufgrund seiner Erkrankung erwerbsunfähig ist. So kümmert er sich voll und ganz um die Pflege seiner Ehefrau.

Dabei verhehlt er nicht, dass das Heben, Beugen, Bücken für ihn zunehmend anstrengender würden. Deshalb möchte er, solange es beiden noch möglich ist, weiterhin an Veranstaltungen teilnehmen.

Ihm gehe es nicht darum, dass die Autofahrer bestraft würden oder Bußgelder zahlen müssten, sondern um Rücksicht und Verständnis. Er weiß: "Wenn Rollstuhlfahrer mobil bleiben wollen, geht das halt nur mit dem Auto."

Auf Nachfrage informierte Polizeihauptkommissar Georg Pabstmann von der Polizeiinspektion Kronach über die rechtlichen Möglichkeiten: "In der Straßenverkehrsordnung ist nicht geregelt, dass der auf den Schildern beziehungsweise Aufklebern im Auto angegebene Abstand eingehalten werden muss. Es gibt keine Rechtsverbindlichkeit", stellte der Polizeihauptkommissar klar.

"Lediglich eine Bitte"

Er zeigt zwar Verständnis für die Situation des Ehepaars und das Thema Barrierefreiheit sei in aller Munde. Allerdings handele es sich bei den Abstandsangaben auf den Schildern oder Aufklebern lediglich um eine Bitte. "Das Ehepaar ist dabei - wenn es sich nicht um einen Behindertenparkplatz handelt - auf das Wohlwollen der anderen Verkehrsteilnehmer angewiesen", erklärte er.

Eine "böse Absicht" sieht er nicht dahinter. Er könne sich vorstellen, dass diese beim Einparken schlicht und einfach nicht auf die Aufkleber achteten. "Achten wir beim Einparken immer auf das Fahrzeug, das neben uns steht?", fragt er.

Für Menschen mit Behinderung seien Behinderten-Parkplätze ausgewiesen. Gebe es diese bei den vom Ehepaar aufgesuchten Veranstaltungen nicht, so empfehle er, vorher Kontakt mit dem Veranstalter aufzunehmen und die Situation zu schildern.

Kein Verständnis zeigte er für "Gehweg-Parker". "Das ist eine Unart, die bei uns mehr und mehr einreißt", ärgert er sich. Die Autofahrer parkten teilweise im absoluten Halteverbot und in der Feuerwehranfahrtszone. "Das geht überhaupt nicht", meinte er. Bei unzulässigem Halten auf Geh- und Radwegen mit Behinderung würden 30 Euro fällig. Die Leute kämen mit Ausreden - sie störten doch niemanden oder sie wollten nur einmal kurz wohin.

"Leider ist bei uns die Personaldecke sehr dünn", bedauerte er. In Städten mit einer kommunalen Parküberwachung wie Coburg oder Bamberg sei diese Unart nicht so "verbreitet", weil die Autofahrer wüssten, dass dies sofort geahndet würde.

Der Behinderten-Beauftragte des Landkreises Kronach, Hermann Feuerpfeil, meinte: "Es ist gut, dass das Ehepaar mit diesem Thema in die Öffentlichkeit geht, zumal es auch andere in der gleichen Situation betrifft. Es ist wichtig, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren. Leider gibt es keine rechtliche Grundlage. Ich werde das Thema beim nächsten Gemeinschaftstreffen aller kommunalen Behindertenbeauftragten von Bayern am 17. und 18. Juli ansprechen. Ich bin sicher, dass es viele ähnlich gelagerte Fälle gibt. Dem Ehepaar rate ich, sich an eine Selbsthilfegruppe zu wenden. Ein starker Verbund hat bessere Möglichkeiten, sich einzusetzen, Fürsprache zu halten und Verbesserungen zu bewirken."

Infos und Hilfe gibt es auch beim Zentrum Bayern Familie und Soziales (www.zbfs.bayern.de).



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