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Blindenführhund

Nelson zeigt Jörg Grünbeck nicht nur in Förtschendorf den Weg

Jörg Grünbeck ist vor zwölf Jahren erblindet. Mit Labrador Nelson an seiner Seite findet er sich selbstständig zurecht, in seinem Heimatort Förtschendorf und auch in Bamberg.
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Blindenführhund Nelson ist Jörg Grünbecks täglicher Begleiter. Foto: Cindy Dötschel
Blindenführhund Nelson ist Jörg Grünbecks täglicher Begleiter. Foto: Cindy Dötschel
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Ich nehme das Führgeschirr in die linke Hand und schließe die Augen. Auf Kommando setzt sich Nelson in Bewegung. Unsicher folge ich ihm und setze einen Fuß vor den anderen - durch die Dunkelheit.

Was für mich ein kurzes Experiment auf einer geraden Straße ist , ist für Jörg Grünbeck Alltag. Infolge der Erbkrankheit Retinis pigmentosa (siehe Infokasten) ist er vor zwölf Jahren erblindet. Labrador Nelson ist sein zweiter Führhund.

Er wusste, dass er blind wird

In Grünbecks Wohnung hat alles seinen Platz. Er setzt sich auf einen Stuhl am Esstisch. Das Telefon liegt vor ihm, links davon ein Abspielgerät für Hörbücher, daneben sein Handy. Zu Hause findet sich der 50-Jährige zurecht. "Meine Wege müssen frei sein und meine Sachen müssen da liegen, wo sie immer liegen", erzählt er. Trotzdem weicht ihm Nelson während des gesamten Gesprächs nicht von der Seite.

Schlecht gesehen hat Grünbeck schon immer. "Ich durfte nie den Führerschein machen, in der Schule konnte ich die Schrift an der Tafel nicht lesen", sagt er. Mit der Zeit wurde sein Sichtfeld immer mehr eingeschränkt, die Nachtblindheit kam dazu. Grünbeck wusste, dass er früher oder später nichts mehr sehen würde. "Als ich älter wurde, hab ich mich damit auseinandergesetzt." Sein Opa hatte die Krankheit ebenfalls.

Ein Jahr bei Ausbildungsbeginn

Nelson lebt seit zwei Jahren bei Grünbeck. Mit ihm kann er unter anderem selbstständig mit dem Zug nach Bamberg fahren. "Ich bin der Navigator, Nelson ist mein Pilot", sagt der Förtschendorfer. Der Labrador ist so ausgebildet, dass es für ihn ein Spiel ist, sein Herrchen sicher ans Ziel zu bringen. Kaum hat Grünbeck Nelson sein Führgeschirr angelegt, ist dieser konzentriert bei der Sache. "Die Leine bedeutet für ihn Freizeit, das Geschirr Arbeit."

Grünbeck und Nelson sind ein eingespieltes Team. "Wenn ihr vorbeilauft, denkt man, der Weihnachtsmann kommt", scherzt eine Anwohnerin beim Spaziergang durch das Dorf. Sie spielt auf Nelsons Halsband mit Glöckchen an. Förtschendorf kennen beide in- und auswendig. "Nelson weiß, wo der Bahnhof ist und wo es nach Hause geht." Dennoch gibt Grünbeck seinem Hund gezielt Kommandos. "Ich muss ihm sagen, was ich von ihm will, meine Kommandos müssen perfekt kommen." Wenn der 50-Jährige beispielsweise in Kronach unterwegs ist und in einen bestimmten Laden möchte, muss er genau wissen, wo sich die Eingangstür befindet. "Mein Hund weiß schließlich nicht, was ich kaufen möchte." Nelson zeigt Grünbeck unter anderem Treppen, Bordsteinkanten, Automaten und Bänke. Um die entsprechenden Kommandos zu geben, muss Grünbeck wissen, wo er sich befindet. "Bamberg kenne ich beispielsweise noch aus sehenden Zeiten, weil meine Tante dort lebt."

Auf Nelson ist Verlass

Mittlerweile haben die beiden den Bahnhof erreicht. "Such Treppe", weist Grünbeck seinen Hund an. Der Labrador geht zielstrebig auf den Treppenaufgang zu und stellt sich mit den Vorderbeinen auf die erste Stufe. "Wenn wir eine Treppe hinuntergehen, bleibt er auf der oberen Kante stehen." Auch weist Nelson auf Gefahren hin: "Wenn ein Hindernis oder ein Abgrund auf dem Weg sind, geht er nicht weiter. Trotz Befehl." Grünbeck kann sich auf Nelson verlassen. Sobald er das Führgeschirr trägt, würde Nelson auch nicht auf die Idee kommen, einfach stehen zu bleiben um sein Geschäft zu verrichten. Wichtig sei es, seinen Hund zu kennen. "Nach sechs gemeinsamen Monaten wusste ich genau, wie ich ihn nehmen muss."

Freizeit hat eine hohe Priorität

Vor seinem Haus nimmt Grünbeck Nelson sein Geschirr ab. Jetzt darf er spielen. "Ich finde es wichtig, dass er genauso viel Freizeit hat, wie er arbeitet", sagt Grünbeck und wirft einen gelben Ball in die Dunkelheit. Der Ball fliegt aus dem Carport hinaus in den Garten, Nelson rennt hinterher. Auch wenn Grünbeck den Labrador nicht sehen kann, weiß er genau, wo Nelson ist. Er hört die Glocke an seinem Halsband.

Retinitis pigmentosa

Erkrankung Die Retinitis pigmentosa (RP) ist eine erbliche Veränderung der Netzhaut. Die Netzhaut (Retina) wird dabei fortschreitend angegriffen und zerstört. Dabei bleibt das Sehzentrum in der Mitte des Gesichtsfeldes am längsten erhalten. Umgangssprachlich wird die chronische Erkrankung deshalb auch "Tunnelblick" bezeichnet. Die meisten Menschen können noch lange Zeit ihr Leben in Familie, Beruf und Freizeit ohne weitreichende Einschränkungen gestalten. Im Endstadium erblinden viele — aber nicht alle betroffene Menschen. Eine Therapie ist momentan leider nur für eine spezielle Unterform der Retinitis pigmentosa möglich. In Deutschland sind etwa 40 000 Menschen betroffen.

Kontakt Die Selbsthilfevereinigung Pro Retina setzt sich seit über 40 Jahren für Betroffene ein. Ansprechpartner ist Hartmut Karg (Tel.: 09123/9628140, Mail: karg.h@t-online.de). cd

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