Kronach
Umweltsünder

Müll wird in der Kronacher Natur zu einem nachwachsenden Schadstoff

In Höfles und Vogtendorf sammelten die Vereine den Müll an den Straßen auf. Nach nur wenigen Wochen war von dem Einsatz nicht mehr viel zu sehen. Stellenweise wuchern Flaschen, Verpackungen und Papiertücher am Wegesrand wie Unkraut.
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Wenn der Spaziergang mit dem Hund zur Müllsammlung wird. Claudia Wellach zeigt die "Ausbeute" einer kurzen Runde bei Höfles und Vogtendorf. Foto: Marco Meißner
Wenn der Spaziergang mit dem Hund zur Müllsammlung wird. Claudia Wellach zeigt die "Ausbeute" einer kurzen Runde bei Höfles und Vogtendorf. Foto: Marco Meißner

Wenn der Winter sich verabschiedet, geht es in vielen Dörfern dem Dreck an den Kragen. Auch in Höfles und Vogtendorf krempeln die Vereine die Ärmel für den "Frühjahrsputz" hoch. Doch heuer macht sich nur wenige Wochen später Resignation breit. War der ganze Aufwand für die Katz?

Claudia Wellach ist eine der Vereinsvertreterinnen, die an der jüngsten Müllsammlung teilnahmen. Sportverein, Schützen, Musikverein, Feuerwehren, Theatergruppe und federführend der Gartenbauverein - alle brächten sich ein, damit achtlos weggeworfener Abfall bei Höfles und Vogtendorf aus der Landschaft verschwindet, lobt sie den guten Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft. "Wir haben kiloweise Unrat entfernt", erinnert sie sich an die Aktion im März.

Immer die gleichen Sorten Müll

So weit, so gut. Doch dann lässt sie das dicke Aber folgen: "Ein paar Wochen später wäre eine solche Sammelaktion schon wieder notwendig." Die gleichen Dinge, die mühsam in den Straßengräben aufgesammelt wurden, liegen wieder drin. Überwiegend handelt es sich um Flaschen, Papiertücher, Coffee-to-go-Becher, Essensreste, Zigarettenschachteln und Plastikmüll. Da bleibt Wellach nur ein Kopfschütteln.

Die fleißigen Müllsammler waren unter anderem in der Industriestraße, im Ruppenweg, entlang des Fahrradwegs, im Stübental, in Dobrach und an der Kreisstraße 12 in Richtung Fischbach unterwegs. Gerade an dieser Straße "war's Wahnsinn, fürchterlich". Drei Putzeimer voller Flaschen hat Claudia Wellach dort aufgesammelt. Offenbar sind die einfach aus den Autofenstern geflogen.

In Zeiten von Umweltschutz-Bürgerentscheiden und Klimaschutz-Demos ist es für ihre Mitstreiter und sie unverständlich, dass so viele offenbar nicht vor der eigenen Haustür kehren und im Kleinen mit dem Umweltschutz anfangen wollen. "Alles eine Frage des Charakters!", schimpft sie, dass es dem einen oder anderen Mitbürger daran offenbar mangelt.

Die Höfleser und Vogtendorfer sind vermutlich nicht die einzigen, die an ihre Mitmenschen appellieren, die Abfälle in der Tonne und nicht in der Natur zu entsorgen. In anderen Gemeinden sei sie schließlich auf genau die gleiche Situation gestoßen, berichtet Wellach. Aber sie wünscht sich auch, dass die Kommunen reagieren und beispielsweise wieder das Netz der öffentlichen Abfalleimer dichter strickt. Dann könnte wenigstens der Teil der Umweltverschmutzung abgefangen werden, der nicht der Unvernunft geschuldet ist, sondern dem Unwillen, seinen Abfall über längere Strecken mitzutragen.

Kommunen müssen für Müllbeseitigung tief in die Tasche greifen

Das Phänomen, über das Claudia Wellach schimpft, hat einen Namen: Littering. Dieses Problem steht im Landratsamt und in der Stadt Kronach fest auf der Agenda.

"Die Sauberkeit in unseren Fluren symbolisiert par excellence unsere Lebensqualität und liegt den meisten Menschen sehr am Herzen", stellt Pressesprecher Bernd Graf vom Landratsamt fest. "Aber anscheinend nicht allen und nicht immer." Inzwischen werde das Littering, also das bewusste und unbewusste Wegwerfen oder Liegenlassen von Müll, von den Bürgern als Problem empfunden.

"An den Rändern der Kreisstraßen wird der Müll jedes Jahr im Frühjahr durch die Mitarbeiter des Kreisbauhofes eingesammelt", sagt Graf. Für die Müllentsorgung würden mehrere große Abfallcontainer benötigt. Die größten "Fundstücke" seien alte Bremsscheiben, Autoreifen und teilweise Möbel. Die größte Gefahr gehe von Glasflaschen aus ("Hier werden teilweise bis zu zehn Kästen Leergut eingesammelt"). Diese Flaschen könnten bei Mäharbeiten zerbrechen. Dann drohten die Scherben auf die Fahrbahn zu gelangen.

Wilde Entsorgung

Auch in der Kreisstadt geht die Verwaltung davon aus, dass "die Tendenz derzeit leider dahingehend ist, dass die wilde Entsorgung von Müll - von der Zigarettenkippe bis zum Bauschutthaufen im Wald - zunehmend ist", so Hauptamtsleiter Stefan Wicklein. Er bestätigt einen der von Wellach genannten Problempunkte in der Industriestraße, sieht solche Schwierigkeiten wie Dieter Krapp vom Ordnungsamt und Stadtwerke-Leiter Jochen Löffler aber auch andernorts. Sogar in der freien Natur gebe es solche Plätze, beispielsweise an der Marter in Rennesberg, "wo viele Unbekannte wahrscheinlich die schöne Aussicht genießen und ihren ganzen Müll arglos auf der Wiese entsorgen".

Was bleibt, ist massenweise Dreck in der Landschaft, der irgendwann entsorgt werden muss. Ein teurer Spaß für die Stadt - und dadurch letztlich für den Steuerzahler. Pro Kalenderjahr schlägt die Reinigung der öffentlichen Flächen mit 250 000 Euro im städtischen Haushalt zu Buche.

Wenn Bürger Problembereiche im Gebiet der Kreisstadt ausgemacht haben, sollten diese bei den Stadtwerken gemeldet werden. Einerseits, um den Unrat zu beseitigen, andererseits, um möglichst auch die Verursacher zur Rechenschaft zu ziehen.

"Soweit der Stadt wilde Müllablagerungen bekannt werden, werden diese zur Anzeige gebracht", erklärt Wicklein das weitere Vorgehen in solchen Fällen. Polizei und Landratsamt würden die Ermittlungen führen.

Strafen drohen

"Wer nachgewiesen dabei erwischt wird, wie er Abfälle illegal entsorgt, muss gemäß Paragraf 69 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes mit einem Verwarnungsgeld oder der Einleitung eines Ordnungswidrigkeiten-Verfahrens mit Geldbußen bis zu 100 000 Euro rechnen", erklärt Graf, was den Verursacher des Drecks erwarten kann. Landen gar gefährliche Abfälle, zum Beispiel asbesthaltige Eternitplatten in der Landschaft, droht eine Geld- oder sogar eine Freiheitsstrafe.

Doch das Landratsamt und die Stadt wollen nicht nur über Strafen zu einem Umdenken bewegen. Auch sie sehen hinter dem Problem eine Charakterfrage. Sie appellieren daher an die Vernunft der Menschen. Und die Abfallberatung des Landkreises geht mit Aktionen gezielt auf den Nachwuchs zu, um frühzeitig das Bewusstsein für den Umweltschutz und einen vernünftigen Umgang mit Müll und Verpackungen zu schärfen.

Kommentar von Marco Meißner

Alle reden über Umweltschutz. Alle wollen die Natur genießen. Aber (zu) viele wollen sich auch ihre kleinen Sünden leisten. "Ist doch nichts Großes", habe ich einmal auf die Nachfrage gehört, warum eine Bekannte ihre Bonbonfolie aus dem Autofenster geworfen hat, obwohl doch der Aschenbecher genauso weit entfernt war. Offensichtlich hatte sie nicht eine Sekunde darüber nachgedacht. Unterbewusst siegte die Bequemlichkeit; der Aschenbecher musste dann ja nicht geleert werden.

So landet eine "Kleinigkeit" im Straßengraben, bald eine zweite, dann eine dritte, und irgendwann folgt Größeres. Der Müll wird zu einem Magneten mit wachsender Anziehungskraft. Fragt sich nur: Was würden die gleichen Leute sagen, wenn sich dieser Magnet im eigenen Garten aufbauen würde, weil im Vorbeigehen immer wieder jemand etwas über den Zaun wirft ...?

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