Mitwitz
Verbrechen

"Cold Case": Mord an Supermarkt-Chef - kommt nach 13 Jahren Wahrheit ans Licht?

Auch nach 13 Jahren ist der Mitwitzer Raubmord-Fall Ottinger noch ungeklärt. Nun haben die Kripo Coburg und die Staatsanwaltschaft über neue Ermittlungen informiert. Weitere DNA-Tests sind vorgesehen.
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13 Jahre ist der Raubmord am Mitwitzer Supermarktbesitzer Norbert Ottinger inzwischen schon her. Die Ermittlungen von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft dauern aber nach wie vor an. Foto: Marco Meißner
13 Jahre ist der Raubmord am Mitwitzer Supermarktbesitzer Norbert Ottinger inzwischen schon her. Die Ermittlungen von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft dauern aber nach wie vor an. Foto: Marco Meißner

"Kreisel - Cold Case" lautet der Name der siebenköpfigen Ermittlungskommission (EKO), die seit Dezember 2018 in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft erneut intensiv an der Aufklärung der Tat im Mordfall Ottinger arbeitet. Dabei setzen die Polizisten auf neue Ermittlungsansätze, die sich vorwiegend aus der Weiterentwicklung forensischer Methoden, insbesondere im DNA-Bereich, ergeben sowie auf Hinweise aus der Bevölkerung. In einer Pressekonferenz am Freitagvormittag (10. Mai) informierten die Verantwortlichen über den neusten Stand.

Als Cold-Case-Ermittlungen (cold case , dt. "kalter Fall") werden Verfahren bezeichnet, bei denen die Ermittlungen nach einer Dauer von einem Jahr kein Ergebnis erbracht haben. In der Regel übernimmt eine Spezialeinheiten die Ermittlungen, sämtliche Mittel der forensischen Beweisführung nutzt.

Der erste Schritt für die EKO im Fall Ottinger war es, alle Ermittlungsakten der damaligen SOKO "Kreisel" in den vergangenen Monaten im gesamten Umfang zu digitalisieren und die rund 400 Ermittlungsansätze erneut zu bewerten. Dazu gehörten auch die zahlreichen Hinweise aus der Bevölkerung, die in den über 13 Jahren seit dem brutalen Raubmord in Mitwitz zusammengekommen sind.

Die Beamten sichteten und priorisierten außerdem erneut alle der rund 730 am Tatort gesicherten Spuren. Aufgrund der inzwischen fortgeschrittenen forensischen Methoden erfolgt derzeit eine nochmalige Untersuchung der priorisierten Spuren beim Bayerischen Landeskriminalamt und der Rechtsmedizin.

Neue Methoden ermöglichen vollständiges DNA-Muster des Täters

 

 

Es ist laut den Ermittlern heute möglich, auch sehr schwach ausgeprägte DNA-Mengen aus einer molekularbiologischen Spur herauszufiltern. Durch die sensibleren Untersuchungsmethoden hoffen die Kriminalisten nun, ein vollständiges DNA-Muster des Täters zu erhalten. Auch sind nun weiterführende Analysen möglich, um beispielsweise eine Verwandtschaft zwischen dem Täter und anderen Personen nachweisen zu können.

Situation am Tatort könnte eskaliert sein

Zur Erstellung der Tathergangsanalyse wurden zudem die Spezialisten der Operativen Fallanalyse (OFA) des Polizeipräsidiums München mit einbezogen. Anhand der Bewertung der Tatortsituation und der Auffindesituation des Opfers bestätigten die Profiler das bereits zur DNA-Reihenuntersuchung erstellte Täterprofil, auch ein zur Tatzeit jüngerer, nicht volljähriger Täter, wäre denkbar.

Ein Ermittlungsschwerpunkt wird auf der Abklärung der damals Jugendlichen und Heranwachsenden, die heute demnach etwa Ende 20, Anfang 30 Jahre alt sind, liegen. Hier sind erneute DNA-Tests vorgesehen.

Zudem ist denkbar, dass der Täter nicht von Beginn an die Tötung des Nobert Ottinger geplant hat, sondern die Zielrichtung zunächst eine Raubhandlung war. Vielmehr kann das "außer Gefecht setzen" des 61-Jährigen missglückt sein und in der Folge ist die Situation bis hin zur Tötung eskaliert. Ein solcher Hergang müsste strafrechtlich anders als eine geplante Tötung gewertet werden.

Mithilfe der Bevölkerung

Vor allem im Hinblick auf das Opfer und die Angehörigen sei es weiterhin Ziel der Kriminalbeamten, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um den Täter zu identifizieren und das grausame Verbrechen aufzuklären. Die bisher festgesetzte Belohnung in Höhe von 5 000 Euro für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat oder zu Ergreifung des Täters führen, wurde zwischenzeitlich auf 10. 000 Euro erhöht.

Rückblick auf die Ermittlungen

Eine derartige Tat verjährt nie - dieser Satz fiel im Zusammenhang mit dem Raubmordfall Ottinger in den vergangenen 13 Jahren mehr als einmal. Meist, wenn die Beamten, nachdem kurzzeitig wieder Bewegung in die Ermittlung gekommen ist, resigniert feststellen mussten: die Spur führt ins Nichts. Der Mitwitzer Mordfall bleibt weiterhin ein Rätsel, der Täter eine große Unbekannte für die Polizei.

Auch ein DNA-Massentest mit 2000 Personen - dem ersten in Nordbayern - und ein Bericht in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY" sorgten nicht dafür, dass die Person gefunden wurde, die am 13. November 2006 war den Supermarktbesitzer Norbert Ottinger (61) in seinem Geschäft in Mitwitz brutal tötete. Der Täter entkam mit einer Beute von 38.000 Euro.

Nun ist wieder frischer Wind in die Ermittlungen gekommen. Am Freitag (10.05.2019) gaben die Ermittlungskommission "Kreisel - Cold Case" der Kriminalpolizei Coburg und die Staatsanwaltschaft Coburg nicht nur einen Rückblick darauf, was in den 13 Jahren seit der Tat passiert ist, sondern auch wie die derzeitigen Ermittlungen aussehen. Denn aufgegeben haben sie die Suche nach dem Raubmörder noch lange nicht.

Chronik der Ermittlungen im Fall Ottinger

13. November 2006: Der 61-jährige Filialleiter Norbert Ottinger wird in seinem Lebensmittelmarkt in Mitwitz brutal ermordet. Der oder die Täter entkommen mit einer Beute von über 30 000 Euro. Die Kriminalpolizei nimmt die Ermittlungen auf, das Sonderkommission (Soko) "Kreisel" wird noch in der Mordnacht ins Leben gerufen. Von anfangs 50 Beteiligten wird das Team später auf 70 Beamte aufgestockt.

24. Februar 2007: 2000 Männer aus Mitwitz und Umgebung und 300 männliche Personen aus dem Bundesgebiet werden zur Abgabe einer DNA-Probe aufgerufen. Es ist das erste Massenscreening dieser Art in Nordbayern. Bisher liegt kein konkreter Tatverdacht vor, es existiert allerdings eine DNA-Spur vom Tatort. Die leitenden Ermittler gehen davon aus, dass der Täter einen regionalen oder persönlichen Bezug hat.

10. Juni 2007: Der DNA-Massentest hat bisher nicht die erwünschten Ergebnisse gebracht, die Auswertung ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Die Polizei will die Öffentlichkeitsfahndung intensivieren und wählt den Weg über die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY".

1. August 2007: Das Ergebnis des Massenscreenings liegt vor: Alle 2201 freiwillig abgegebenen Proben sind negativ. Das Landeskriminalamt, das mit der Auswertung beauftragt war, konnte keine Übereinstimmung mit dem DNA-Muster des Täters finden.

2. August 2007: Der Fall Ottinger wird in der TV-Sendung "Aktenzeichen XY" thematisiert. Die Rekonstruktion des Falls zeigt einem breiten Publikum erstmals bisher unter Verschluss gehaltene Details des Tathergangs. Doch die durch die Sendung erhofften Hinweise auf die mögliche Tatwaffe (Softballschläger) und verschwundene Einsätze der Registrierkassen bleiben aus. Es gibt nur wenig Resonanz auf die Sendung und keine neuen Spuren.

10. August 2007: Ermittler können den blutigen Abdruck eines Schuhs des Täters identifizieren. Die Polizei wertet dies als wichtigen Fahndungserfolg, der durch ein aufwendiges Verfahren von Spezialisten der Spurensicherung ermöglicht wurde. Zwar können nun Aussagen über Größe und Modell gesichert getroffen werden - konkrete Hinweise auf den Täter bleiben trotzdem aus.

10. November 2007: Die ernüchternde Bilanz nach einem Jahr Ermittlungsarbeit: Es ist weiter keine Klärung in Sicht, vom Täter keine Spur. Zwar bleibt die Soko "Kreisel" weiter bestehen, die Kollegen werden aber nur punktuell eingesetzt, sollten sich neue Hinweise ergeben.

15. Mai 2008: Die Soko arbeitet weiter mit mindestens zehn Beamten am Fall. Als weitere Maßnahme werden sechs bislang noch nicht involvierte Beamte damit betraut, alle Akten - bis dato 80 Ordner - noch einmal zu durchkämmen.

23. Oktober 2008: Es gibt fast zwei Jahre nach der Tat keine neuen Spuren. Die Sonderkommission wird aufgelöst. Die Ermittlungen seien damit aber nicht beendet, betonen die Verantwortlichen.

11. Mai 2013: Eine weibliche DNA-Spur, die am Tatort in Mitwitz gefunden wurde, taucht in Zusammenhang mit einem Kellereinbruch in Nürnberg auf. Auch diese Spur führt ins Nichts, da sie keiner Person zugeordnet werden kann.

23. März 2014: Laut der Familie Ottinger sind die Ermittlungen mittlerweile eingestellt. Die Angehörigen halten an der Hoffnung fest, die DNA-Spur würde eines Tages doch noch zum Mörder führen.

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