Kronach
Theaterstück

Mobbing auf der Schulbühne

In drei Aufführungen zeigte das ueTheater das Anti-Mobbing-Theaterstück "Hier stinkt´s!" an der RS II. Eindrücklich verdeutlichten die beiden Darsteller die Problematik sozialer Ausgrenzung. Dies verfehlte seine Wirkung nicht.
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Christine Elsa Wagner und Julian Kühndel als Mobbingtäterin Tine  und Mobbingopfer Marco  Foto: Heike Schülein
Christine Elsa Wagner und Julian Kühndel als Mobbingtäterin Tine und Mobbingopfer Marco Foto: Heike Schülein
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"Hier stinkt's! Hey Stinky, gab's bei Euch wieder Bohnen zu futtern?", hänselt Tine ihren von ihr sitzenden Klassenkameraden Marko. Die Klasse lacht. Auf dem Weg zur Schule wird er von der Rädelsführerin und ihren Freunden mit einer gelben Flüssigkeit begossen. Marko glaubt, es ist Urin. Am schlimmsten aber sind für ihn die Pausen ...

Es war wahrlich kein leichter Stoff, der den Schülerinnen und Schülern der sechsten bis neunten Jahrgangsstufe am Donnerstag an der Siegmund-Loewe-Realschule vorgesetzt wurde. In der Aula wurde es ruhiger und ruhiger. Die Köpfe rauchten sichtlich. Wie fühlt sich ein junger Mensch, der gemobbt und ausgegrenzt wird? Welche schwer wiegenden Folgen haben die gezielten Attacken? Wie kann er sich wehren? Wie können andere helfen?

Keine Frage: Das Theaterstück "Hier stinkt's!" gegen Mobbing, für Gewaltfreiheit und Verständnis ließ niemanden kalt, was insbesondere den beiden hervorragenden Schauspielern mit ihrem intensiven, packenden Spiel zu verdanken war. Ohne jegliche weitere Utensilien - nur mit zwei Stühlen - schafften es Christine Elsa Wagner und Julian Kühndel, ihr Publikum von der ersten Minute an mitzunehmen und das mit einer Eindringlichkeit, die einem die Kehle zuschnüren konnte.

Marko und Tine sind Schüler zwischen zwölf und 16 Jahren. Das genaue Alter und die Schulart bleiben offen. Marko, das isolierte Mobbingopfer, schildert seinen Mobbingalltag. Rädelsführerin Tine beschreibt das Geschehen aus ihrer Sicht. Um seiner Opferrolle zu entkommen, sucht Marko nach den Gründen und startet verschiedene Versuche, sich dem Mobbing zu entziehen.

Hilfe bekommt er keine. Der Direktor verschließt die Augen, weil Mobbing nicht in das Erscheinungsbild der Schule passt: "Unsere Lehrer sind hochmotiviert. Die Kinder gehen gerne in den Unterricht. An unserer Schule herrscht ein ausgezeichnetes Klima". Seine Mutter möchte er damit nicht belasten, da sie genug andere Probleme hat. Was tun? In seiner Hilflosigkeit geht er die verschiedensten Szenarien durch, die von Selbstmord ("Ich kann da nicht mehr hingehen, lieber bringe ich mich um") bis zu einem Amoklauf an der Schule ("Wenn ich verrecke, dann nehme ich ein paar von denen mit") reichen.

Täter und Opfer, mobben und gemobbt werden - die Rollen scheinen zwischen Gut und Böse klar verteilt. Doch so einfach macht es sich das Stück nicht. Im Verlauf der Handlung wird klar, dass auch "Täterin" Tine "Opfer" einer Zwangssituation ist und selbst mit großen Problemen zu kämpfen hat.

Zuhause bekommt sie mächtig Druck von ihren Eltern, die bessere Schulleistungen von ihr verlangen: "Warum klappt das denn nicht mit dem Englischen? Warum hast Du nur eine Drei? Es ist doch Dein Job, zu lernen". Schließlich soll sie doch einmal den Betrieb ihres Vaters übernehmen. Für bessere Noten wollen sie ihr sogar ihren geliebten Sport verbieten: "Kein Training mehr am Wochenende, bis die Noten wieder stimmen!" Dem Druck kann sie nicht mehr standhalten ("Sie können sich ihre Scheißfirma an den Hut schmieren!") Ihre ganze Wut, ihren Frust und Zorn lässt sie wie ein Ventil an einen vermeintlich Schwächeren ab: Marko.

Mit Grauen denkt dieser an die anstehende Klassenfahrt. In einem dramatischen Showdown nähern sich die beiden an, als er sie gerade noch davor bewahren kann, sich aus dem Fenster zu stürzen. Das Stück endet versöhnlich - mit einer Aussprache und einem Schulwechsel von Marko.

Und auch Tines Eltern haben ein Einsehen: Sie darf auf eine Sportschule. Später gelingt es den beiden, Freunde zu werden. Doch die bleibenden psychischen Zerstörungen, das seelische Leid, verursacht durch jahrelanges Mobbing, bleiben: "Ihr nehmt mir mein Leben Stück für Stück weg, bis nichts mehr übrig ist!"

"Hier stinkt's!" ist das Produkt umfangreicher Recherchen und vieler Einzelgespräche mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und Pädagogen. Und diese sensible Herangehensweise merkte man den Stück deutlich an. Welch tiefen nachhaltigen Eindruck dieses hinterlassen hatte, zeigte nicht nur die aufmerksame Stille, sondern auch der Tenor des jungen Publikums wie beispielsweise "Wir haben erst gar nicht so recht gewusst, was uns bei einem solchen Theater erwartet. Aber die Schauspieler haben das toll rübergebracht."

Wichtig ist es, über die Problematik offen zu reden. Das betonten die beiden Darsteller, als sie sich im Anschluss den Fragen der Schüler stellten und in die Diskussion einstiegen. "Mobbing verschwindet nicht von selbst - nur, wenn man aktiv etwas dagegen tut. Sprecht das an. Lass euch helfen", so die zentrale Aussage. Mobbing zu melden, sei kein Petzen. "Ihr zeigt damit Courage, wenn ihr jemandem helft, der sich selbst nicht helfen kann", appellierten die deiden, die betonten, dass Mobbing jeden treffen könne.

So sah es auch Verbindungslehrer Matthias Böhm. Wie dieser ausführte, trage die RS II nunmehr seit zwei Jahren den Titel "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage". Neben Aktivitäten über das Jahr verteilt wolle man alljährlich insbesondere auch auf den Jahrestag mit einer solch besonderen Aktion hinweisen. "Auch Mobbing ist ein Stück Rassismus", zeigte er sich sicher. Sein Dank galt dem Elternbeirat, der die Aufführungen mit gesponsert hatte.

"Hier stinkt's!"

Das mobile Theaterstück gegen Mobbing, für Gewaltfreiheit und Verständnis wurde von Kurt Raster für Schulen geschrieben. Dabei baute er einzelne wahre Begebenheiten zu einer Geschichte zusammen. Es richtet sich an Schüler/innen ab der 5. Klasse.

Das uetheater: versteht sich als Menschenrechtstheater. Das freie Schauspiel-Ensemble mit Hauptsitz in Regensburg gibt es seit 2002 und teilt sich auf in mehrere Sparten. Weitere Infos gibt es hier

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