Mitwitz
Tag der Kriminalitätsopfer

Mitwitzer Mordfall belastet Familie des Opfers bis heute

Ein Mord reißt bei den Angehörigen des Opfers tiefe Wunden, die nie ganz verheilen. Besonders schwer traf es die Familie des getöteten Mitwitzers Norbert Ottinger, dessen Mörder nach fast acht Jahren noch immer auf freiem Fuß ist.
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Am 13. November 2006 liefen die Ermittlungen zum Mord an Norbert Ottinger an. Bis heute konnte noch kein Täter ermittelt werden. Foto: Archiv/Sven Kienel
Am 13. November 2006 liefen die Ermittlungen zum Mord an Norbert Ottinger an. Bis heute konnte noch kein Täter ermittelt werden. Foto: Archiv/Sven Kienel
Wenn Elsbeth Ottinger und ihr Sohn Jan morgens in ihren Laden gehen, ihre Mitarbeiter begrüßen und die Türen für die Kunden aufschließen, scheint das Alltag für sie zu sein. Doch dieser Schein trügt. Mit Alltag hat das für die Ottingers nichts zu tun - nicht mehr seit dem 13. November 2006. An diesem Tag wurde der Familie der Vater auf brutale Art und Weise entrissen - in eben diesem Geschäft.

Elsbeth Ottingers Fingerspitzen wandern unruhig über den Holztisch, an dem sie vor dem Verbrauchermarkt Platz genommen hat. Um über das Geschehene zu sprechen, wollte sie aus dem Laden raus. Weg vom Tatort. Ein Stück weit Distanz aufbauen. Trotzdem spürt man ihre Betroffenheit. Auch nach siebeneinhalb Jahren sind die Narben tief, die der Verlust ihres Ehemannes hinterlassen hat. Der 61-jährige Filialleiter Norbert Ottinger war von Unbekannten kurz nach Ladenschluss in seinem Markt ermordet worden.

Dass die Zeit alle Wunden heilt, glaubt Elsbeth Ottinger nicht. "Das Verarbeiten dauert länger. Ich bin Jahre nicht ... Scheibchenweise tut man das ..." Sie atmet tief durch, kann den Satz nicht zu Ende führen. Jan, der jüngere der beiden Ottinger-Söhne, greift ihre Gedanken auf und meint: "Die Tat hat Wunden hinterlassen. Man sagt immer, sie würden vernarben. Aber immer wieder werden diese Narben aufgerissen." Daher habe die Familie ihren Verlust bis heute nicht verschmerzt. Und Jan Ottinger - so sehr er um Fassung bemüht ist - hat es wohl am wenigsten getan. Er hat seinen toten Vater im Markt aufgefunden, inmitten all des Blutes. "Ich hatte ihn nochmal hingeschickt", blickt seine Mutter zurück. Weil ihr Mann nicht aus dem Markt zurückgekommen war, hatte sie Befürchtungen, er könnte wieder einen Herzinfarkt erlitten haben.


Grausame Bilder gesehen

"Es war eine Schocksituation", schildert Jan Ottinger seine Eindrücke beim Eintreffen im Laden. Dort fand er seinen Vater nicht mit Herzproblemen vor. "Die Situation war plötzlich eine ganz andere. Ich habe das Blut gesehen. Im nächsten Raum siehst Du dann die Füße ..." Elsbeth Ottinger unterbricht ihren Sohn. Sie erinnert sich an die Worte der Polizeibeamten: "Sie sagten, es sei das Brutalste gewesen, was sie je erlebt hätten."

Susanne Bauersachs, Patin von Jan und Patenkind von Elsbeth Ottinger, hat sich inzwischen mit an den Tisch gesetzt. "Bei Jan wird das nie weggehen", vermutet sie. "Die Bilder, mit denen er konfrontiert war, haben wir ja nicht gesehen." Elsbeth Ottinger nickt und verdrückt sich die Tränen.


Wie ein Spießrutenlauf

Aber nicht nur der schreckliche Anblick hat bei der Familie - insbesondere bei Sohn Jan - tiefe Spuren hinterlassen. Was nach der Tat kam, war ein Spießrutenlauf für den Sohn des Opfers. Er rückte als Tatverdächtiger ins Visier der polizeilichen Ermittlungen. "Das war das Grausamste, was es gibt", erinnert sich seine Mutter. Die Familie habe nicht zur Ruhe gefunden, keine Möglichkeit erhalten, den Tod des Vaters zu verarbeiten. "Wir haben einfach nur noch funktioniert", erklärt Susanne Bauersachs, wie die Ottingers diese schlimme Phase überhaupt durchstehen konnten.

Wenn dem nicht so gewesen wäre, hätten sie wohl auch nicht die Kraft gefunden, ihr Geschäft drei Tage nach der Bluttat wieder zu öffnen. Doch sie mussten. "Sonst wären wir pleite gewesen", sagt die Mutter. Zu viel Geld habe man in den Laden gesteckt, den die Familie inzwischen seit 20 Jahren betreibt. Und zu wichtig war er ihr. Schließlich sehen die Ottingers darin das Lebenswerk des Vaters, das sie nach langen Überlegungen nicht einfach abhaken wollten.

Dass Jan im Zuge der Ermittlungen mehrfach von der Polizei mitgenommen, das Haus durchsucht und die Familie abgehört worden sei, habe diesen Weg noch viel steiniger gemacht, erzählen die Ottingers. Und der Sohn erinnert sich an die Vernehmungen bei der Polizei, die für ihn einem Martyrium glichen. "Dann war die DNA entschlüsselt, und es war klar, dass ich nicht der Täter war." Von einem Tag auf den anderen war Jan Ottinger aus der Schusslinie der Polizei, doch der Druck der auf ihn eingewirkt hat, ist noch immer zu spüren, wenn er über seine Zeit als Tatverdächtiger spricht. In jedem Blick, in jeder Handbewegung spürt man, wie es in ihm brodelt. "Die Kunden in unserem Laden hatten mehr Feingefühl als die Polizisten", sagt er.


Lebenswerk fortgeführt

Natürlich ließ es sich nicht vermeiden, dass - gerade nach der Hausdurchsuchung - auch die Gerüchteküche in Mitwitz gebrodelt hat, wie Elsbeth Ottinger erzählt. Doch letzten Endes hat die Dorfgemeinschaft zusammengehalten. Auch die Stammkunden sind fast alle wieder in den Verbrauchermarkt gekommen. Das und der familiäre Zusammenhalt haben die Ottingers stark genug gemacht, das Lebenswerk von Vater Norbert fortführen zu können.

Zur Ruhe sind sie aber bis heute nicht gekommen. Ein Mosaikstein fehlt noch, um wieder zu einer gewissen Normalität zu finden. Der Täter.

"Ich bin hundertprozentig überzeugt, das war kein geplanter Mord", sagt Elsbeth Ottinger. Sie denkt, ihr Mann habe sich gewehrt, als die Täter die etwa 38 000 Euro erbeuteten. Sie blickt hinüber zu Susanne Bauersachs. Und die teilt die Meinung ihrer Patin. Sie erinnert sich an Norbert Ottinger als jemanden, der seinem Personal immer gesagt habe, im Ernstfall solle es das Geld herausgeben - aber er selbst wäre dazu wohl nicht so einfach bereit gewesen. Und er war es an jenem Abend ihrer Überzeugung nach auch nicht. "Er war ein Held", beschreibt sie ihn. "Er hat sich in seinem Leben immer wieder aufgerappelt." Doch gerade das könnte ihn an jenem Abend im November 2006 zum Verhängnis geworden sein.


Ermittlungen eingestellt

Die Ermittlungen sind laut Jan Ottinger inzwischen offiziell eingestellt. Eine DNA-Spur liefert der Familie noch die Hoffnung, eines Tages vielleicht doch zu erfahren, was genau am 13. November 2006 geschehen ist. Und wer Norbert Ottinger und seiner Familie dieses grausame Schicksal aufgebürdet hat. Susanne Bauersachs weiß auch, was sie dann tun würde: "Unser Wunsch ist es, dass irgendwann der Täter ermittelt wird. Ich möchte diesen Menschen sehen und ihn fragen: Warum?"
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