Kronach
Erinnerungen

Menschen im Frankenwald waren zu bodenständig für die 68er-Ideen

Während sich in den großen Städten vor 50 Jahren die Jugendbewegungen in Szene setzten, erlebte der frühere Journalist und Heimatpfleger Gerd Fleischmann einen konservativen Frankenwald.
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Die Arbeit bestimmte den Alltag im Kronacher Raum (hier die Produktion bei Loewe). Für jugendliches Aufbegehren blieb in der ländlichen Gesellschaft kaum Platz. Repro: Gerd Fleischmann
Die Arbeit bestimmte den Alltag im Kronacher Raum (hier die Produktion bei Loewe). Für jugendliches Aufbegehren blieb in der ländlichen Gesellschaft kaum Platz. Repro: Gerd Fleischmann
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Hippies, Studentenbewegungen, Proteste gegen den Krieg - vor 50 Jahren schien die Welt plötzlich verrückt zu spielen. Wenn der Stockheimer Gerd Fleischmann (74) sich an die Zeit der 68er-Bewegung erinnert, schüttelt er nur den Kopf: "Nein, hippiemäßig ist da nichts zu uns durchgeschlagen." Im Kronacher Land habe man so etwas nur aus dem Fernsehen gekannt. "Und da gab es nur drei Kanäle. Da sind die Dinge noch nicht so aufgebauscht worden."

Beim Durchstöbern seines riesigen Archivs stößt er auf Bilder aus der Arbeitswelt; die Fernsehproduktion bei Loewe, Kanalarbeiten, ein Landwirt, der noch mit seinem Pferd den Acker bearbeitet. In der Freizeit drehte sich das ganze Dorfleben um den Fußball. Fleischmann stößt auch auf ein Foto von der Fronleichnamsprozession 1968, als alle fein herausgeputzt in Reih' und Glied marschierten. "Damals herrschte eine ganz andere Glaubensbereitschaft. Die Jungen kamen da noch in die Kirche", erinnert er sich.

An ein kulturelles Aufbegehren der Jugend sei zu dieser Zeit im Frankenwald nicht zu denken gewesen. Die Erwachsenen hätten gut aufgepasst, dass ihre Sprösslinge nicht aus der Spur geraten. "Den Halligalli gab's nur in den Großstädten", verweist der frühere Zeitungsredakteur auf den Wandel der Jugendkultur. "Wir waren da zu bodenständig, einfach konservativ. Die bäuerliche Kultur war bei uns ganz stark präsent."

Trotzdem waren die politischen Ereignisse, welche seinerzeit die Welt bewegten, auch hierzulande in den Köpfen verankert. Fleischmann spricht von großen Bedenken, die seine Generation angesichts der Eiszeit zwischen Ost und West hatte. "Der Eiserne Vorhang war wirklich eisern", erinnert er an die Toten an der Grenze - auch in unserer Gegend. Das war für junge Menschen wie ihn eine sehr bedrückende Situation.

Wandel war doch spürbar

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Doch einige Veränderungen hätten es auch ins Kronach der 1960er Jahre geschafft. Damals sei getanzt worden - und zwar so richtig, wie der 74-Jährige betont. Rock 'n' Roll und Twist seien damals total angesagt gewesen. "Das war schon ein Umbruch, ein Aufbruch zu neuen Ufern", stellt Fleischmann fest. Sein Eindruck ist aber auch, dass die kulturellen Entwicklungen aus Amerika damals mit zwei Jahren Verzögerung über den großen Teich nach Deutschland geschwappt sind. Und wenn sie in den Großstädten etabliert waren, habe man auf dem Land halt noch einmal zwei Jahre gewartet, bis sie dort angekommen sind.

Was von der Mentalität und Lebensweise dieser Zeit heute noch geblieben ist? Fleischmann winkt ab. Nicht mehr viel. "Vor 50 Jahren war das eine völlig andere Welt. Inzwischen ist sie völlig verrückt geworden. Alles ist auf Tempo getrimmt." Ende der 60er Jahre sei der Alltag noch viel einfacher, überschaubarer und strukturierter gewesen. Heute werde das Leben immer komplizierter. Die Grundängste wüchsen, die Innovationszyklen würden immer kürzer. "Früher hat sich alle 1000 Jahre mal was Grundlegendes geändert", sagt Fleischmann, heute rase die Entwicklung. Er kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er seine Eindrücke der vergangenen 50 Jahre an einem Beispiel auf den Punkt bringt: "Früher gab es auf der Baustelle 20 Arbeiter und eine Maschine, heute gibt es da drei Maschinen und einen Arbeiter."

Digitale Welt

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Auch in seinem eigenen Leben ist der Wandel nicht zu übersehen. Als er damals bei der Zeitung war, hätten die wenigsten auch nur eine Kamera gehabt. Heute drückt er auf die Maustaste und bewegt das Scrollrad, schon huschen Hunderte eingescannter Archivbilder über den Monitor. Verschließen will sich Fleischmann der modernen, digitalen Welt nämlich nicht. Schließlich hat sie auch ihre Vorteile.



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