Zwischen den Beinen der Kinder wuseln Hühner, Enten und Gänse herum. Hinter der Frontscheibe eines Lieferwagens räkeln sich einige Katzen. Zwei Störche schreiten anmutig über die Wiesenfläche im Innenraum der Festung. Ein kleiner Vierbeiner hat es dagegen ziemlich eilig, sich nach seiner Runde zwischen einigen Strohballen hindurchzuquetschen. Er will schließlich nicht zu spät kommen, wenn die Vorstellung seines Herrchens beginnt. Das ist Dieter Schetz, seines Zeichens Direktor beim kleinsten Zirkus der Welt - beim "Zirkus Liberta".
Bereits zum dritten Mal ist er mit seinen Haus- und Hoftieren beim Rosen- und Gartenfestival zu Gast. Der urige Zirkusdirektor aus dem Allgäu schätzt das Flair und das Team auf der Festung Rosenberg ebenso wie die Veranstalter ihn und seine geflügelten oder vierbeinigen "Angestellten". "Es ist sehr schön hier. Ich spiele öfters bei Gartenschauen, aber diese hier ist super", stellt er fest. Kaum ist seine erste Show vorbei, kommt auch schon ein Mitglied des Organisationsteams, fragt ihn, ob er irgendetwas braucht. Bei vielen anderen Veranstaltungen gebe es so etwas nicht, staunt Schetz. Da gehe es den Ausrichtern nur darum, Umsatz zu machen. In Kronach sei alles viel familiärer.

Gerne würde er deshalb mehr Gelegenheiten haben, die Stadt zu erkunden und ihre Einwohner kennen zu lernen. Dazu bleibt ihm wegen seiner Verpflichtungen auf der Festung allerdings nur abends Zeit. Doch bei seinen drei Besuchen konnte er schon einige Eindrücke sammeln. "Die Festung ist wunderschön und herrlich gelegen. Und Kronach ist ein schönes altes Städtchen mit seinen Fachwerkbauten", betont er.

Doch wie ist es, hier vor Publikum zu stehen? "Anders als zum Beispiel in Hessen", sagt Schetz mit einem Schmunzeln. Dort sei das Publikum von Anfang an recht locker. Die Franken seien dagegen eher zurückhaltend. "Der Franke sagt sich zuerst einmal: ,Guckmer mal, ob er was bringt!‘" Von daher fasst es Schetz als Kompliment auf, dass die Zuschauer bei seinem ersten Auftritt in diesem Jahr - "der war etwas chaotisch" - gleich voll mitgegangen sind und kräftig gelacht haben, als er sie mit Konfetti verzaubert hat, Katzen über ihre Köpfe gehüpft sind und Graf Hahn von Hahn hypnotisiert wurde. "Wenn ein Publikum so mitmacht, kann man nicht so schlecht gewesen sein", erklärt er - und gibt das Lob an die weiter, die für ihn im Mittelpunkt stehen: "Tiere sind immer ein Magnet, weil automatisch einige Leute bei ihnen stehen bleiben."

An dieser Aussage zeigt sich auch seine ganz eigene Philosophie vom Zirkus. Er will keine Exoten präsentieren, die zu Tricks genötigt werden. "Haustiere haben auch ein Hirn. Man braucht keinen Tiger, um eine gute Show zu machen."

Zwar hat er eine Peitsche bei der Vorführung dabei, aber nur, um den Kindern zu zeigen, wie sich Elefanten und andere Tiere fühlen, wenn sie durch die lauten Knalle zu einer Nummer angetrieben werden. Und um die Frauen im Publikum darauf hinzuweisen, dass sich dieses Instrument manchmal besser bei einem Ehemann bezahlt macht. Einen frechen Spruch hat Dieter Schetz nämlich immer auf den Lippen - auch, um einmal eine verpatzte Nummer zu retten oder sie gar noch zu einem größeren Lacher bei seinen Zuschauern zu machen.

Von seinen Tieren fordert er nämlich keinen blinden Gehorsam. Sie sollen stattdessen den Namen "Liberta" (Freiheit) leben, sich frei bewegen dürfen, artgerecht versorgt sein und auch ein Recht darauf haben, nicht einfach funktionieren zu müssen. "Ich will den Leuten zeigen, dass man etwas erreichen kann, ohne Druck auszuüben. Dass man Fehler machen darf, solange man zu ihnen steht. Und dass die Tiere eben keine Roboter sind." Gerade die Kinder fänden es sogar toll, wenn nicht alles klappt. Oder wenn es einen Rebellen wie seine weiße Katze gibt, die während der Show immer wieder aus dem Auto ausbüxt. "Das habe ich ihr nie beigebracht, sie macht es einfach", versichert er. "Bei meinen Tieren gucke ich nur, welche Talente sie haben. Die fördere ich und mache dann bloß noch eine ,Verpackung‘ darum - dann hat man schon die Nummer."Mit seinem Programm geht Dieter Schetz noch bis Ende Oktober im gesamten deutschsprachigen Raum auf Tour.

Dass ihm dabei einer seiner stets frei umherlaufenden tierischen Kameraden abhanden kommen könnte, fürchtet Schetz nicht. Der Direktor sieht sich da sogar im Vorteil gegenüber seinen Schausteller-Kollegen, die nach einer Veranstaltung stundenlang abbauen und aufräumen müssen. "Meine Tiere kommen abends von alleine", sagt er und fügt lachend hinzu: "Da läuft das ,Arbeitsgerät‘ selbst in den Hänger, und ich muss nur noch die Tür zu machen."