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Kronach
Transsexualität

Mama hat "Nein" gesagt: So wurde Ben aus Oberfranken vom Mädchen zum Mann

Mobbing und Selbsthass prägen Bens Leben. Im Alter von drei Jahren weiß Ben bereits, dass er ein Junge sein möchte. Bis er mit der Geschlechtsanpassung beginnt, vergehen zwölf Jahre.
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Kater Ricky lebt bereits seit 15 Jahren bei Ben in Trieb. Als Ben begann, Testosteron zu nehmen, hat Ricky ihn zunächst nur noch angegriffen. Fotos: Cindy Dötschel/privat
Kater Ricky lebt bereits seit 15 Jahren bei Ben in Trieb. Als Ben begann, Testosteron zu nehmen, hat Ricky ihn zunächst nur noch angegriffen. Fotos: Cindy Dötschel/privat
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Ben hält ein Foto in der Hand. Zu sehen ist ein Kind mit kurzen braunen Haaren, das einen Puppenwagen schiebt. "Meine Puppe hieß Felix und ich war immer ihr großer Bruder, nie die Mutter", sagt der 21-Jährige. Geboren im Körper eines Mädchens war ihm bereits seit er denken kann klar, dass er ein Junge sein möchte.

Im Alter von drei Jahren äußert Ben den Wunsch erstmals gegenüber seiner Mutter: "Sie hat einfach nur ,Nein' gesagt. Deswegen dachte ich, dass ich meinen Papa erst gar nicht fragen brauche." Trotzdem gibt sich Ben immer als Junge aus und unternimmt Männerausflüge mit seinem Vater. Sie machen Motorradtouren oder gehen ins Freibad. "Ich habe meinen Bikini versteckt, weil ich wusste, dass Papa mir im Freibad eine Badehose kauft."

Vom Internet verstanden

In der Schule kann sich Ben nicht mehr als Junge ausgeben, denn sein Name steht auf der Klassenliste. Auch davor fliegt seine Lüge früher oder später immer auf. "Ich hatte nie Freunde. Die Jungs wollten nichts mit mir zu tun haben und ich nichts mit den Mädchen." Ben wird in der Schule gemobbt.

Mit neun Jahren bekommt er seinen ersten Computer. Bei der Kindersuchmaschine "Blinde Kuh" gibt er regelmäßig "Mädchen will ein Junge sein" ein. Als Treffer wird ihm der Film "Tomboy" angezeigt, der von Mädchen handelt, die sich als Jungen ausgeben. "Ich wusste, dass ich nicht gestört bin und fühlte mich zumindest vom Internet verstanden."

Mobbing und Klinikaufenthalte

Als Jugendlicher ist Ben regelmäßig in der Klinik. "Ich habe mich gehasst und mich selbst verletzt. Vor allem, wenn ich in die Rolle als Mädchen gedrängt wurde." 2015 hält Ben das Mobbing nicht mehr aus, er stellt seinen Vater vor die Wahl: "Wenn ich nicht mit der Geschlechtsanpassung beginnen darf, kann ich dir nicht versprechen, weiterhin zur Schule zu gehen." Zu diesem Zeitpunkt hat Bens Mutter die Familie längst verlassen. "Eine Woche nachdem sie weg war, durfte ich mich beim Fußballverein anmelden", erinnert sich Ben. Seine Mutter habe immer gesagt, Fußball sei ein Männersport.

Während der 21-Jährige von seiner Jugend erzählt, kommt ein Kater in die Küche und streift ihm um die Beine. "Als ich angefangen habe, Testosteron zu nehmen, hat er mich auf einmal nur noch angegriffen", sagt er und lacht. Dabei habe er Ricky bereits, seit dieser so groß wie seine Hand war.

Nach dem Gespräch mit Bens Vater geht alles sehr schnell. Er beginnt mit dem einjährigen Alltagstest: "Ich durfte offiziell als Mann leben." Ben outet sich, seine Mitschüler wählen ihn zum ersten Mal zum Klassensprecher. Für sein Umfeld ist sein Outing eine Erklärung für sein Verhalten. "Meine Uroma freute sich und fragte, ob ich deshalb auf dem Foto, auf dem ich ein lila Kleid trage, so böse schauen würde", erinnert sich Ben. Sie habe nach seinem neuen Namen gefragt und nach fünf Minuten sei das Thema erledigt gewesen.

Im August 2016 wird Bens Antrag auf Namens- und Personenstandsänderung genehmigt. Die erste von acht Operationen ist nur einen Monat später in Hamburg. "Mir wurden die Brüste und die weiblichen Geschlechtsorgane entfernt", erzählt er. Auf die erste Operation habe er sich sehr gefreut. Bei der letzten Operation im Oktober 2019 wird ihm eine Penispumpe eingesetzt. "Das Gefühl, als ich aufgewacht bin, war überwältigend. Ich wusste, dass ich endlich fertig bin."

Keine Vorwürfe

Ben fühlt sich perfekt: "Ich kann in die Sauna gehen, ohne mich zu schämen." Der 21-Jährige weiß, dass es in zehn Jahren noch bessere Operationsergebnisse geben wird, doch das ist ihm egal: "Ich möchte mich wohlfühlen und habe die für mich bestmöglichen Varianten ausgesucht." Außer einer großen Narbe am Arm weist nichts auf die zahlreichen Operationen hin. Hier wurde Gewebe für den Aufbau seines Glieds entnommen.

Im Nachhinein weiß Ben, dass er sich eher an seinen Vater hätte wenden müsse. "Dann hätte ich bereits vor dem Ausbruch der Pubertät mit der Umwandlung beginnen können. Seiner Mutter macht er trotz allem keine Vorwürfe. "Ich weiß nicht, ob ich als Elternteil anders reagiert hätte als sie damals."

"In ländlichen Bereichen braucht es eben etwas mehr Zeit und vor allem Aufklärung"

Die Selbsthilfegruppe Trans-Ident Lichtenfels setzt sich für Menschen ein, die körperlich dem weiblichen oder männlichen Geschlecht angehören, sich aber dem jeweils anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Katja Leppers hat die Gruppe im März 2016 gegründet. Im Interview spricht sie unter anderem darüber, zu welchem Zeitpunkt sich Betroffene für eine Geschlechtsanpassung entscheiden.

Was tut die Gruppe Trans-Ident Lichtenfels für ihre Mitglieder?

Katja Leppers: Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, Transsexuellen und deren Angehörigen Hilfen auf ihrem Weg anzubieten. Wir beraten sie in allen Fragen, die ihre Transsexualität, beziehungsweise Transidentität, betreffen. Also zeigen wir Möglichkeiten auf, diesen Weg zu gehen und dabei möglichst Fehler zu vermeiden. Wir verfolgen keinerlei kommerzielle Ziele und wollen auch keine Therapie durch medizinische oder psychologische Fachkräfte ersetzen.

Trans-Ident ist die einzige Selbsthilfegruppe für Transsexuelle in der Region. Wie groß ist das Einzugsgebiet?

Der Einzugsbereich ist nicht auf Landkreise oder Orte beschränkt. Der Raum nördliches Oberfranken und Thüringen wurde für unsere Selbsthilfegruppe (SHG) festgelegt, da es in den angrenzenden Regionen bereits weitere SHGs unter dem Dach von Trans-Ident gibt. Es ist aber nicht verpflichtend, in dieser Region zu leben, um hier teilnehmen zu können. Alle Betroffenen sind willkommen - auch deren Angehörige oder einfach Interessierte, die mehr über das Thema erfahren wollen.

Wann wird den Betroffenen klar, dass sie im falschen Geschlecht geboren wurden?

Das kann in verschiedenen Altersgruppen passieren. Die meisten bemerken aber bereits im Kindes- oder Jugendalter, dass bei ihnen andere Vorlieben und Denkweisen vorherrschen. Auch treten temporäre Gefühle, sich dem anderen Geschlecht als zugehörig zu empfinden, auf. Durch den schulischen Erfolgsdruck, die Lehre und das Arbeitsleben oder die Gemeinschaft, tritt der Wunsch dann immer wieder in den Hintergrund, bis sich die angesprochenen Umstände verändern. Bei mir war das Gefühl ab dem 38. Lebensjahr dauerhaft und vorherrschend.

Und zu welchem Zeitpunkt treten Betroffene der Gruppe bei?

Auch der Zeitpunkt ist hier sehr variabel. Betroffene im Jugendalter kommen mit einem oder beiden Elternteilen. Manchmal ist auch die Großmutter dabei, als Stütze. Betroffene jenseits der 50er brauchen mehrere Anläufe und kommen erst zu uns, wenn der innere und äußere Druck sehr groß geworden sind.

Wie profitieren Betroffene von der Teilnahme an den Treffen?

Sie oder er kann einfach nur zuhören, mitdiskutieren oder eigene Erkenntnisse mit einbringen. Das entscheidet die Person alleine. So werden Informationen ausgetauscht, die die eigene Transition besser verstehen lassen. Erfahrungswerte zeigen, dass fast allen recht schnell klar wird, dass dieser Austausch auch sehr befreiend wirkt.

Über welche Themen wird bei den monatlichen Treffen gesprochen?

Im Prinzip berührt es alle Bereiche, die im Rahmen mit der Veränderung zum anderen Geschlecht einhergehen. So werden unter anderem die benötigten Arztbereiche, der Ablauf einer Namens- und Personenstandsänderung, die Hormontherapie und der Alltagstest angesprochen. Natürlich werden da auch Situationen des täglichen Miteinanders in der Frauen- und Männerrolle beschrieben und wie im Einzelnen reagiert wurde. So sind Erfahrungswerte nutzbar und nicht jede(r) muss alle Hürden selber nehmen.

Wie schätzen Sie die Akzeptanz gegenüber Transsexuellen in der Gesellschaft ein?

Auch wenn es vereinzelt zu Pöbeleien oder Übergriffen kommt, ist die Akzeptanz in unserer Gesellschaft eher positiv. Ich glaube, dazu hat die öffentliche Aufklärung in den Medien auch ein gutes Stück weit beigetragen. In anderen EU-Staaten, wie beispielsweise in Rumänien, sehen die Möglichkeiten wesentlich schlechter aus, allein was Behördengänge anbelangt. Generell gibt es diesbezüglich vor allem zwischen Städten und ländlichen Regionen große Unterschiede. So ist die Akzeptanz in den Städten, besonders in Großstädten größer. Dort wird man schon seit Jahrzehnten mit diesem Thema konfrontiert. In ländlichen Bereichen braucht es eben etwas mehr Zeit und vor allem Aufklärung.

Denken Sie, dass noch Nachholbedarf besteht, was die Aufklärung zum Thema Transsexualität betrifft?

Mehr Information trägt zu besserem Verständnis bei. Es ist immerhin ein großer und breitgefächerter Themenbereich. Viele können da schon mit den einzelnen Begriffen nichts anfangen und kehren vieles unter einen Teppich. Um dies zu vermeiden, sollte nach wie vor die Aufklärung in unserer Gesellschaft stattfinden. Am besten schon in der Grundschule oder aber auch bei den Selbsthilfegruppen, wie Trans-Ident Lichtenfels. So könnte die Transphobie, also die Vorurteile gegenüber Transsexuellen, bald ein Stück weit der Vergangenheit angehören.

Trans-Ident Lichtenfels

Kontakt Wer Teil der Selbsthilfegruppe werden möchte, kann sich mit Katja Leppers (Mail: katja@trans-ident,de / Handy: 0171 / 9501990) in Verbindung setzen. Der Stammtisch trifft sich jeden ersten Dienstag im Monat im Landgasthof Karolinenhöhe in Trieb.

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