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Kunst

"Lost Places": Fränkische Fotografin begibt sich auf gefährliche Reise für atemberaubende Fotos

Es sind die Ecken der Welt, in die kaum ein Mensch hin kommt, die Jeannette Fiedler faszinieren. Sie spürt verlassene Orte auf, denn sie fotografiert "Lost Places". Das Ergebnis sind atemberaubende Bilder.
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Die Jagd nach atemberaubenden Bildern verschlägt Jeannette Fiedler an die Orte in der Welt, an denen Menschen nur selten anzutreffen sind. Foto: Jeannette Fiedler
Die Jagd nach atemberaubenden Bildern verschlägt Jeannette Fiedler an die Orte in der Welt, an denen Menschen nur selten anzutreffen sind. Foto: Jeannette Fiedler
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Oktober 2019 irgendwo in Sarajevo, morgens, neun Uhr. Jeannette Fiedler, Lost-Place-Fotografin aus Nordhalben hat einen großen Traum: Sie möchte die Bob- und Rodelbahn "Trebevic" fotografieren.

1984 hatten hier die Olympischen Winterspiele stattgefunden, bei denen sie am Bildschirm mitgefiebert hat. Aber das gesamte Gelände ist in weiten Teilen noch vermint und der Zutritt ist ohne Tourenguide strikt verboten. Im Touristik-Center blockte man sie ab und verwies auf die großen Gefahren des unbefugten Zutritts. Wie sie es dennoch geschafft hat, ihre Bilder zu schießen und was sie Unglaubliches erlebt hat während dieses Abenteuers, das erzählt folgende Geschichte.

Die Zeit drängte

"Geführte Touren gab es nämlich nur am Wochenende und so lange wollte und konnte ich nicht warten." Sie war mit ihrer Freundin auf Backpacker-Tour im Balkan unterwegs und die Zeit drängte. "Ich hab zu meiner Freundin gesagt: 'Ulla, ich muss da nauf. Unbedingt!' Und tatsächlich haben wir jemanden gefunden, der deutsch gesprochen hatte und der uns ein Taxi besorgte. Wir waren in der Tat ziemlich blauäugig, sind eingestiegen und stürzten uns in ein mehr als gewagtes Unternehmen."

1629 Meter ist er hoch, der Berg, an dem sich schon so viele Schicksale entschieden haben. "15 Euro hat es gekostet, damit die beiden mit uns da rauf fahren und als der Wald immer dichter wurde und es höher und höher ging, wurde mir richtig schlecht. Meine Gedanken rasten und ich dachte: 'Ich sterbe in Sarajevo auf diesem Berg.'"

Auf einmal montiert der Taxifahrer das Schild ab

Jeannette Fiedler und ihre Freundin Ulla haben es überlebt. "Aber als er ausgestiegen ist, um das Taxischild abzumontieren, da ist mir noch mal das Herz in die Hose gerutscht." Das habe er aber nur gemacht, weil eigentlich niemand diese Strecke fahren hätte dürfen, schon gar kein Taxi. "Alles war zerbombt, der Anblick war unbeschreiblich traurig," schildert sie ihre Eindrücke. "Die Seilbahn stand wie ein Mahnmal in der Landschaft aber je näher wir unserem Ziel kamen, desto größer wurde die Freude in mir."

Irgendwann sei auch diese Fahrt zu Ende gewesen und die beiden Frauen hätten das Taxi verlassen. "Wir mussten etwa 50 Meter bis zum Startpunkt laufen, durften den Weg nicht verlassen und mussten uns dann bis nach unten in der Röhre bewegen. Als wir da drin waren, dachte ich nur: 'Oh mein Gott, wie viele Opfer hat dieser Krieg gefordert?'"

In der Nebenröhre klafft ein Granatenloch

Und plötzlich habe sie sich die ganze Anspannung von der Seele geschrien: "Ich habe immer 'Sarajevo' gerufen, weil ich mich an das damalige Maskottchen, den Wolf erinnert habe. Er hat das auch immer gerufen. Und ich dachte an Georg Hackl, der da auch runtergebrettert ist." Sie findet kaum noch Worte, als sie den Gang durch die Hauptröhre beschreibt, in der sie ein Motiv nach dem anderen gefunden habe. "Ich war wie im Fieber, die Angst war vollkommen weg."

Plötzlich habe das Loch einer Granate in einer der Nebenröhren ihre Aufmerksamkeit erregt. "Ich wusste nicht, ob wir da reindürfen, aber um nichts in der Welt wollte ich dieses Foto verpassen." Sie erzählt von den Graffitys mit Kriegsmotiven, die an die Wände der Bahn gesprüht worden seien und von verbogenen Eisengerüsten. "Da habe ich mir überlegt, welch traurige Geschichte diese Bahn wohl erzählen könnte. Und ich habe versucht, ein bisschen davon in meine Bilder einfließen zu lassen."

Die Bob- und Rodelbahn endet etwa in der Mitte des Berges und am Ende der Röhre standen die beiden nun. Sie mussten noch ein ganzes Stück bergab, hatten aber keine Ahnung, welcher Weg der sicherste wäre. "Da kam uns ein Einheimischer entgegen und wir nahmen einfach die Route, die er genommen hat. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann läuft mir mehr als nur ein Schauder über den Rücken."

Am nächsten Tag haben die Beiden Sarajevo verlassen, sind nach Split gefahren und von da aus wieder nach Hause geflogen. "Diese Fahrten mit dem Bus waren auch mehr als abenteuerlich. Die Fahrzeuge waren samt und sonders ohne TÜV, ausrangierte deutsche Modelle, die nur noch geklappert und geächzt haben."

Wie wird man zur Lost Places Fotografin?

"Es war so um 2013 rum, da habe einen Bericht über Lost-Place-Fotografen im Fernsehen gesehen. Sofort begann ich, im Internet zu recherchieren und dabei bin ich auf einen bayerischen Fotografen gestoßen. Der hatte auch ein Buch veröffentlicht, in dem er beschrieb, wie man diese verlassenen Orte richtig fotografiert. Danach ist mein Interesse erst einmal leider wieder etwas abgeflaut, aber 2015 hat es mich erneut gepackt. Ich habe auf Facebook zahlreiche Gruppen zu diesem Thema entdeckt, bin beigetreten und war völlig fasziniert. Damals hatte ich nur eine 'Aldi-Funzel' für etwa 50 Euro." So jedenfalls nennt sie liebevoll ihre "Kamera für den Hausgebrauch."

Die sei zwar toll gewesen, hätten aber für ihre Zwecke leider nicht ausgereicht. "Mit einem Freund bin ich losgezogen und wir haben uns mit dem richtigen Equipment versorgt. Und dann ging's los. Ich habe total viele Leute angeschrieben, habe zugehört, hab probiert und habe gelernt. Heute bin ich diejenige, die man fragt, aber der Weg dahin war nicht immer ganz einfach." Die ehemalige Krankenschwester hatte vor einigen Jahren einen schweren Bandscheibenvorfall, der sie ein halbes Jahr vollkommen gelähmt hatte. "Danach musste ich erst einmal in den Rollstuhl und später konnte ich zumindest mit einem Rollator laufen."

Viele Schmerzen hätten sie geplagt und viele Zukunftsängste. "Ich musste behandelt werden wie ein Schlaganfallpatient, hatte aber einen Sohn und ein Haus, um das ich mich kümmern musste. Und so kam es auch, dass sich eine Depression in mich und mein Leben schleichen konnte. Damals war ich 36 Jahre und wusste nicht, wie es weitergehen soll. Aber ich habe mich ins Leben zurückgekämpft."

Gruselige Entdeckung in der Leichenhalle

Heute fotografiere sie mehr denn je. Man findet sie in Krankenhäuser und Sanatorien, in ehemaligen Waisenhäusern und Kinderheimen und in Krematorien, Pathologien und in Leichenhallen. Aber auch in ganz normalen Häusern. "Einmal habe ich mich echt gegruselt," erzählt die Frau, die sich sonst als "eisenbereift" beschreibt. Da war ich mit einem Kollegen, einem bekannten Reisejournalisten, in Brandenburg unterwegs. Wir kamen in eine Leichenhalle und fanden unter anderem noch eine Nierenschale, einen Kamm, voll mit Haaren, Puderdosen, einen offenen Sarg und daneben einen Stuhl.

Ihrem Kollegen sei es bei diesem Anblick immer schlechter gegangen und er sei förmlich aus dem Gebäude geflüchtet. "Da stand ich dann alleine mitten in diesem Raum und wollte eigentlich auch nur schnell ein paar Bilder machen und dann nichts wie raus. Plötzlich streikte meine Kamera, keine Ahnung warum. Nichts hat geholfen, kein Wechsel des Akkus, kein ein- oder ausschalten."

Die Kamera sei zwar dann doch wieder zum Leben erwacht, aber an das unheimliche Gefühl kann sie sich noch heute sehr gut zurückerinnern. Und gerade dieses Bild habe dann auch noch vor der Präsentation im Nordhalbener Kunst Konsum aus unerfindlichen Gründen einen Sprung bekommen, den sich Jeannette Fiedler nicht erklären kann. Auf Facebook und Instagram ist die Künstlerin unter "die_Pestaerztin" zu finden. Erneut am Start ist sie auch beim zweiten Kunst Konsum in Nordhalben am 1. März von elf bis 18 Uhr.

Info: Im Bosnienkrieg, der acht Jahre nach den Spielen ausbrach, nutzten die Streitkräfte der Republika Srpska die Hänge des Trebevic während der Belagerung von Sarajevo für ihre Artilleriestellungen. Die strategisch wichtigen Positionen waren hart umkämpft und nahezu der komplette Nordhang vermint. Bis 2011 wurden die meisten Minenfelder geräumt. An den Berghängen wurde das Massaker von Kazani von Angehörigen bosnischer Regierungstruppen verübt. Dabei wurden zahlreiche serbische Zivilisten zwischen 1992 und 1993 ermordet und einige in die Schachthöhle Kazani geworfen.

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