Kronach
Zukunft

Loewe-Insolvenz in Kronach: Solidarität wird zur Nebensache

Loewe stellt den Betrieb zum 1. Juli vorläufig ein - eine Nachricht, die viele betroffen macht, vor allem natürlich die Mitarbeiter. Doch nicht nur Solidarität kommt den Menschen hinter dem Traditionsbetrieb entgegen - leider auch Häme.
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Mit seiner Mahnglocke war Betriebsseelsorger Eckhard J. Schneider (rechts ) am Dienstag bei der Demonstration auf dem Loewe-Gelände dabei. Mit im Bild Jürgen Apfel (links, IG Metall) und Betriebsratsvorsitzende Carmen Schmidt (Mitte).  Foto: Anna-Lena Deuerling
Mit seiner Mahnglocke war Betriebsseelsorger Eckhard J. Schneider (rechts ) am Dienstag bei der Demonstration auf dem Loewe-Gelände dabei. Mit im Bild Jürgen Apfel (links, IG Metall) und Betriebsratsvorsitzende Carmen Schmidt (Mitte). Foto: Anna-Lena Deuerling

Es war nicht nur ein schwarzer Tag für das Traditionshaus Loewe. Nein, es war ein schwarzer Tag für den Landkreis, die gesamte Region. Fast jeder Kronacher hat jemanden in der Familie, im Freundes- oder Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft, der "in der Opta ist". Und selbst wer nicht unmittelbar betroffen ist, kennt jemanden, der jemanden kennt, der involviert ist.

So zielt die Betroffenheit über das prognostizierte Aus für den TV-Hersteller wie ein Schneeballsystem bis in den letzten Winkel des Landkreises. Doch neben all dem Zuspruch, dem Mitgefühl und der Solidarität, die den freigestellten Arbeitnehmern entgegenkommt, mischt sich auch giftige Stimmung unter die Bekundungen: Missgunst, Neid und Häme. Davon berichtet Eckhard Joey Schneider zwei Tage nach der wegweisenden Betriebsversammlung am Dienstag.

Viele halten sich bedeckt

Schneider war als Betriebsseelsorger in den letzten Wochen an Seite von Betriebsrat und Mitarbeitern, als die von der Geschäftsführung weichgezeichnete Situation langsam Konturen und eine mögliche Stilllegung des Werkes Form annahm. Für die Mitarbeiter kann er natürlich nur bedingt sprechen - und auch nur vermuten, warum sich viele nach wie vor bedeckt halten.

Denn auch wenn das Ziel der Demonstration am Dienstag war, Loewe ein Gesicht zu geben und dieses auch den Gläubigern und Juristen zu zeigen, will heute offenbar niemand seinen Namen in der Zeitung lesen.

"Manche denken, es könnte ihnen später zum Nachteil ausgelegt werden", sagt Schneider. Man wolle sich nichts verbauen, denn: "Es gibt tatsächlich noch Hoffnung." Immer noch klammerten sich Mitarbeiter an den letzten Strohhalm. Für die Betroffenen - gerade jene, die seit über 30 Jahren in der Industriestraße gearbeitet hatten - sei es schwierig, der Realität in die Augen zu sehen. "Du weißt, dass es so ist, aber du hast es noch nicht wirklich realisiert. Es ist noch nicht wirklich bei dir angekommen. Und es braucht Zeit, bis man das verarbeitet", berichtet ein Mitarbeiter anonym.

Weiterhin Hoffnung

Dass der Betrieb nach erfolgreicher Investorensuche vielleicht noch mit 100 Mann weitergehen könnte, diese Vorstellung teilen manche Mitarbeiter laut Schneider immer noch. Hoffnung sei grundsätzlich nicht verkehrt in einer solchen Situation - dass Loewe diese am Leben hielt, sei auch lange noch angemessen gewesen. Denn Hoffnung könne auch zum Instrument werden, Mitarbeiter weiter zu motivieren. Die Geschäftsführung habe allerdings den Moment verpasst, in dem die lang am Leben erhaltene Hoffnung so langsam von der Realität erstickt wurde.

Jetzt herrsche der Konsens: "Wir sind verarscht worden." Dass berichtet auch eine weitere Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht abgedruckt sehen möchte. "Von einem Tag auf den anderen wird man nicht mehr gebraucht. Auch wenn es sich abgezeichnet hat, ist es doch irgendwie surreal. Was noch schlimmer ist: Man kommt sich belogen vor, und das hat eigentlich kein Mitarbeiter verdient."

Eine harte, bittere Erkenntnis, weiß Schneider. Hinzu komme auch noch die Häme im Netz. Kommentare seien laut den Mitarbeitern teilweise unterirdisch gewesen. Sicher zielen viele dieser Kommentare in Richtung der Geschäftsleitung und Investoren - aber auch an den Mitarbeitern pralle diese Kritik nicht spurlos ab, sagt Schneider.

Diese Schadenfreude baue auch auf Neid. Fakt ist: Loewe war im Landkreis der einzige Betrieb mit Tariflöhnen der IG Metall. "Das war wie ein Beamtenbetrieb - nur besser bezahlt", sagt Schneider. Wenn man aus dieser Sonderstellung nun "von seinem hohen Ross steigen muss", ernte man leider nicht nur Mitleid. "Bei Loewe zu arbeiten bedeutete aber nicht nur gutes Geld. Es war der gute Name, die Anerkennung und natürlich auch Heimat", erklärt Schneider die Tragweite der Insolvenz unabhängig von der finanziellen Situation.

Selbstzweifel zerstreuen

Schneider ist auch weiterhin in den Prozess eingebunden - der ihn bis heute schon viel Kraft gekostet hat. Er kämpft auch mit Selbstzweifeln, ob er früher etwas hätte anstoßen können.

Doch hätte es etwas gebracht, früher in die Offensive und auf die Barrikaden zu gehen? Vor diesen Fragen und den damit verbunden Selbstzweifeln will er nun vor allem Mitglieder des Betriebsrates bewahren.

Gemeinsam mit dem Rat will er die letzten Wochen reflektieren. "Was ich ihnen mitgeben will, ist: Ihr habt im Rahmen eurer Möglichkeiten alles getan", sagt Schneider über das junge, erst im letzten Jahr gewählte Gremium. Was er sich für die Mitarbeiter wünscht, ist, dass sie aufrecht aus der Sache herausgehen können.

Dafür brauche es aber auch aus der Kronacher Bevölkerung Empathie, Zuversicht, Respekt und natürlich Solidarität. Aber eben auch realistische Vorstellungen: "Es wird nicht alles wieder wie früher - aber es wird weitergehen."

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