Kronach
Krankheit

Kronacher Landrat Oswald Marr kämpft gegen Darmkrebs

Einen "Schlag gegen den Kopf" hat der Kronacher Landrat Oswald Marr vor einem Jahr bekommen: die Diagnose Darmkrebs. Das Schlimmste hat er mittlerweile überstanden - auch weil er ein Kämpfer-Typ ist.
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Das Plastikbändchen steht für Oswald Marr für neugeboren. So fühlt er sich mittlerweile auch wieder. Foto: Corinna Igler
Das Plastikbändchen steht für Oswald Marr für neugeboren. So fühlt er sich mittlerweile auch wieder. Foto: Corinna Igler
Oswald Marr zieht einen Ordner aus der Tasche. Nichts Ungewöhnliches für den Kronacher Landrat. Außer darin befindet sich statt irgendwelcher Sitzungsunterlagen seine Krankenakte. Unterteilt mit Registerblättern hat Oswald Marr in diesem Ordner das, was er im vergangenen Jahr durchgemacht hat.

Es ist Donnerstag, als wir bei ihm in seinem Büro sitzen. Der 20. November 2014. "Heute vor einem Jahr hat man es festgestellt", sagt er. Es, das ist der Darmkrebs.

Frank Fischer, Chefarzt in der Kronacher Frankenwaldklinik, ertastet am 20. November 2013 ein Rektumkarzinom bei Oswald Marr. "Pelzig". "Wie ein Schlag gegen den Kopf." So beschreibt der Landrat, wie er sich in dem Moment der Diagnose gefühlt hat. "Und dann fasst du dich und gehst es gedanklich an. Du gehst deinen Kalender durch und denkst ,Was hab' ich denn alles und wie krieg' ich es weg? Wie geht's daheim weiter?'"

Er steigt ins Auto, als Erster erfährt sein Fahrer, was ihm die Ärzte soeben gesagt haben. Dass er mit allem rechnen muss. Dass alle Termine jetzt unwichtig sind. "Danach bin ich nach Hause, hab' es meiner Frau erzählt. ,Am besten so, dass sie es gefasst aufnimmt', hab' ich mir gedacht. Aber das geht natürlich nicht."

Erste Anzeichen bemerkt

Gewissheit hat Marr da noch nicht. Erst nach dem Wochenende, am 25. November 2013, als man ihm die Bilder der Darmspiegelung vorlegt."Da brauchen Sie nichts sagen, das kenn' ich schon", sagt er zum Arzt. Auf vielen Vorträgen, bei denen er als Landrat vertreten war, hat er solche Bilder schon gesehen. Er weiß, was los ist. Nicht erst seit den Bildern. "Ich habe geahnt, dass da was ist und konnte dann eins und eins für mich zusammenzählen. Klar, hab' ich gehofft, dass es Hämorrhoiden sind, aber daran geglaubt hab' ich nicht", erzählt Marr von den Momenten, in denen er erste Anzeichen bemerkt hat. Unregelmäßigen Stuhlgang, Luft im Bauch. Blutspuren am Toilettenpapier.

Acht Zentimeter groß ist der Tumor, er sitzt im Mastdarm, zwei Drittel sind zugewachsen. Oswald Marr hat sich eingelesen. Wenn er von dem erzählt, was er in dem Jahr hinter sich hat, könnte man meinen, man spricht mit einem Mediziner. "Man klassifiziert die Karzinome von T1 bis T4, wobei T1 die leichteste Form ist", weiß er. Seines wird als T3 eingestuft. Zunächst. Später stellt sich heraus, dass es ein T2-Karzinom ist. Marr spricht von Glück, dass es bei ihm im Mastdarm sitzt. Immerhin ist dort die Wandung dicker, der Krebs dringt nicht so leicht nach außen und in den restlichen Körper.

28 Bestrahlungen, um den Tumor zu verkleinern

Die Onkologin Martina Stauch stellt den "Fahrplan" mit dem Landrat auf. Erst muss sich der Tumor verkleinern. Das heißt 28 Bestrahlungen. Täglich fährt der Landrat also nach Bayreuth. Parallel erhält er die Chemotherapie, durch eine Druckflasche. 96 Stunden lang trägt er diese um den Hals. Angeschlossen ist sie an den Port, der ihm zuvor eingesetzt wurde.

Beeinträchtigt fühlt er sich dadurch nicht. Im Gegenteil: Marr arbeitet sogar. "Man darf nicht immerzu dran denken", sagt er. Die Arbeit lenke ihn ab, strukturiere seinen Tag. "Ich muss nur aufpassen, dass ich mich nicht übernehme." Abend- und Wochenendtermine sind erstmal tabu.

Auch die Haare fallen ihm in dieser Zeit nicht aus. "Sie sind in dem Jahr höchstens ein bisschen grauer geworden", flachst er.

Am 16. Januar 2014 hat er es geschafft. Zumindest Bestrahlung und Chemo. Jetzt braucht der Körper erstmal Zeit. Bis zur Operation. Die erfolgt am 2. April, am Darmkrebszentrum im Klinikum Neuperlach bei Dr. Reinhard Ruppert. "Er wurde mir von Ärzten empfohlen, weil er nicht nur Erfahrung, sondern durch etwa 200 Rektumoperationen im Jahr auch Übung hat." Frank Fischer an der Frankenwaldklinik habe ihn in der Entscheidung auch bestärkt, ihm angeboten, die Nachbehandlung zu übernehmen.

Das Krebsgeschwür hat sich durch Bestrahlung und Chemo mittlerweile auf viereinhalb Zentimeter zurückgebildet. Bei der OP wird der Dick- vom Dünndarm getrennt, die beiden Darmenden an die Bauchdecke genäht. In den nächsten vier Monaten lebt Landrat Oswald Marr mit einem Stoma und hat mit dessen Auswirkungen zu kämpfen. In der braunen Ledertasche, in dem er sonst die Biermarken fürs Freischießen herumträgt, befindet sich nun seine Wechselausstattung. Einlagen, Ersatzslip. Täglich muss er den Stomabeutel wechseln, jeden dritten Tag die Stomaplatte, zweimal in der Woche muss der Darm mit schwarzem Tee gespült werden.

"Das ist alles zu überstehen - egal, welcher Abschnitt", zeigt sich Marr tapfer. Überhaupt hat man teilweise das Gefühl, er spricht nicht über Krebs, sondern vielleicht über eine starke Erkältung. Auch in der Stoma-Zeit arbeitet er, trägt weite Hosen und Westen unterm Sakko, so dass man nichts erkennt. Am 19. August fährt Marr wieder nach München, am 21. August folgt die Rückverlagerung des Darms. Er legt ein Bild auf den Besprechungstisch. Ein Foto von dem Loch, das er nach der Rückverlagerung im Bauch hatte. Zum Vergleich zeigt er seine Narbe. "Das sind die Franken", habe Dr. Ruppert, der aus Würzburg stammt, gesagt, als er gesehen hat, wie gut die Wunde verheilt ist.

Vier Wochen nach der Rückverlagerung beginnt Marr eine sogenannte Nachchemo. "Mein Operateur meinte zwar, das bräuchte es nicht, man habe alles erwischt. Aber wenn wieder was käme, würde man sich Vorwürfe machen, warum man die Nachchemo nicht gemacht hat", wird Marr nachdenklich.

Der Verzweiflung nahe

Die Nachchemo erfolgt in Tablettenform und zwar eigentlich in vier Abschnitten. Nach dem dritten bricht Oswald Marr ab. Die Füße bitzeln, Marr hat das sogenannte Fußsyndrom, eine Nebenwirkung der Chemo.

Erst nach der Rückführung des Darms ist Marr oftmals der Verzweiflung nahe. Nicht wegen der Nachchemo, sondern wegen des "beleidigten Darms", wie die Ärzte es nennen. Immerhin war dieser eine Zeit lang "stillgelegt", bis zur vollen Funktionsfähigkeit kann es ein halbes Jahr bis Jahr dauern. "Ich habe oft Nächte lang nicht geschlafen", sagt Marr. Den Bereitschaftsbeutel, wie er die braune Ledertasche mit den Slipeinlagen nennt, muss er nun immer und überall dabei haben. Doch er sieht's gelassen, auch wenn sich so manche Putzfrau wohl schon wundere, wenn er mehrfach hintereinander die Toilette aufsucht.

Marr spricht zwar von einem Wechselbad der Gefühle, aber auch davon, dass alles nichts helfe, man da durch, das Beste daraus machen müsse. "Es ist wie es ist. Zum einen haben das andere auch schon überstanden, zum anderen hab' ich in der Zeit Leute gesehen, denen es schlechter ging als mir." Marr baut in der Klinik sogar seine Bettnachbarn mental auf.

"Klar nimmt dich das mit", räumt er ein. "Aber du musst damit umgehen." Seine Stärke führt Oswald Marr darauf zurück, dass er sehr gläubig ist. "Ich ruhe so in mir und glaube, dass alles gut wird - egal, was kommt. Bei dem, was ich nicht selbst ändern kann, begebe ich mich in die Hände meines Herrgotts und vertraue darauf."

Am 3. November 2014 beginnt er - nach einer vierwöchigen Heilbehandlung im Anschluss an die Rückverlagerung - wieder mit dem Bürodienst, hält seine erste Kreisausschusssitzung, seine erste Personalversammlung nach der Krankheitsphase. Bewegende Momente für Marr - weil er weiß, dass das auch anders hätte kommen können. Und weil er seinem Team dankbar ist, dafür, dass in seiner Abwesenheit alles gut gelaufen ist. In 15 Jahren Amtszeit hat noch nie ein Stellvertreter Marrs eine Kreistags- oder Kreisausschusssitzung geleitet. "Jetzt war es so und es ging auch", resümiert Marr. Überhaupt habe er diesen Aspekt in den vergangenen Monaten gemerkt, wenngleich er nie daran gedacht habe, aus gesundheitlichen Gründen etwa zurückzutreten. "Ich habe das politische Geschehen im Landkreis verfolgt. Mir kam es vor, wie wenn man von oben auf einen Ameisenhaufen schaut. Alles wuselt. Und ich habe mir überlegt, ob das wirklich alles so wichtig ist, ob ich da mitwuseln muss. Man kriegt durch so etwas die Erkenntnis, worauf es ankommt", ist er überzeugt. Die vielen Genesungswünsche haben ihm Mut gemacht, ihn "unglaublich gefreut".

Christmette ist nächstes Ziel

Auch das bevorstehende Weihnachtsfest wird Oswald Marr heuer wohl anders erleben. Bewusster. Bisher war er noch nicht wieder in einem Gottesdienst. "Einfach wegen der Unsicherheit, weil ich nicht weiß, wann und wie oft ich Stuhlgang habe. Manchmal muss ich mehrfach hintereinander rennen." Weihnachten aber will er die Christmette besuchen.

Marr zieht ein weißes Plastikbändchen aus dem Ordner. Sein Name steht darauf. Es ist ein Bändchen, wie es Neugeborene um den Arm haben. Oswald Marr hat es bei seiner Operation getragen. "Ich bin ja auch neugeboren. Zumindest fühle ich mich so."



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