Kronach
Justiz

Kronacher Helfer in Todesangst: Urteil zum versuchten Totschlag gefallen - doch Angeklagter fehlt

Am letzten Prozesstag im Fall des versuchten Totschlags auf dem Kronacher Marienplatz wurde das Urteil gegen die zwei Angeklagten gesprochen. Für einen der beiden fiel die Strafe deutlich milder aus, als von der Staatsanwaltschaft gefordert.
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Zwei junge Männer provozierten auf dem Kronacher Marienplatz eine Schlägerei mit einer Gruppe Schüler, die eskalierte.  Symbolfoto: Christopher Schulz
Zwei junge Männer provozierten auf dem Kronacher Marienplatz eine Schlägerei mit einer Gruppe Schüler, die eskalierte. Symbolfoto: Christopher Schulz

Vom Angeklagten fehlte jede Spur. Nach sechs Verhandlungswochen stand am Coburger Landgericht im Fall des versuchten Totschlags noch der Urteilsspruch aus. Doch nur einer der beiden Angeklagten erschien am Mittwochvormittag im Gerichtssaal.

Eigentlich hatte sich Rechtsanwalt Michael Linke am Kronacher Bahnhof mit seinem Mandanten treffen und gemeinsam nach Coburg fahren wollen. Doch der 23-Jährige tauchte nie auf. Auch telefonisch war der Angeklagte nicht zu erreichen. Über einen Mitbewohner erfuhr Linke schließlich, dass der Asylantrag des gebürtigen Afghanen erst kürzlich abgelehnt worden war. Seitdem hatte ihn auch sein Bekannter nicht mehr gesehen. Ob der 23-Jährige mittlerweile sogar abgeschoben wurde, konnte das Ausländeramt jedoch dementieren. Richter Christoph Gillot entschied, das Urteil auch in Abwesenheit des Angeklagten zu sprechen. "Denn wenn wir die Verhandlung nicht innerhalb von drei Wochen fortsetzen, muss der Prozess komplett neu aufgerollt werden."

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Für die Schlägerei am Kronacher Marienplatz, bei der am 11. Mai 2018 auch ein 51-Jähriger mehrmals gegen den Kopf getreten wurde, verurteile die Kammer den 23-jährigen Täter wegen gefährlicher Körperverletzung zu 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit und mindestens drei Terminen bei einer Suchtberatungsstelle. Damit fiel das Urteil für den jungen Mann deutlich milder aus, als die von der Staatsanwaltschaft geforderten zwei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe.

Notwehr anstatt Nothilfe

Gillot begründete das Urteil mit den voneinander abweichenden Zeugenaussagen, die am Ende keinen konkreten Beweis dafür liefern konnten, ob auch der 23-Jährige zugetreten hatte. Zudem deutete die Kammer den Schubser gegen den 51-Jährigen, der den Täter am Kragen gepackt hatte, als Notwehr. "Objektiv gesehen gab es keine Nothilfelage", erklärte Gillot. Beim Faustschlag in das Gesicht des Mannes handele es sich jedoch eindeutig um schwere Körperverletzung.

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Im Fall des 19-jährigen Mitangeklagten fiel die Beweislage eindeutiger aus: Das Gericht sah es als erwiesen, dass er dem Opfer als Haupttäter mehrere wuchtige Tritte gegen den Kopf versetzt hatte. "Das waren Tritte, die Knochen zertrümmerten, die lebensgefährlich waren und durch die der Helfer Todesangst erlitt", sagte Richter Gillot. Der 51-Jährige sei der Brutalität und Verrohung des Angeklagten regelrecht ausgeliefert gewesen. "Er war außer Rand und Band, bis er kapiert hat, dass es besser ist, einfach abzuhauen."

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Deshalb wurde der 19-Jährige nach Jugendstrafrecht wegen vorsätzlicher und gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Die Tritte gegen den Kopf des 51-Jährigen seien so wuchtig und gezielt gewesen, dass ihm die lebensgefährliche Situation hätte bewusst sein müssen. Da der Angeklagte zum Tatzeitpunkt jedoch 2,09 Promille im Blut hatte, könne ein Tötungsvorsatz nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Schädliche Neigungen erkennbar

Das Gericht bescheinigte dem 19-Jährigen zudem schädliche Neigungen, da er selbst nach der offiziellen Anklage wegen versuchten Totschlags eine weitere Körperverletzung beging. Mit der Summe des auferlegten Schmerzensgeldes kam das Gericht den Forderungen der Nebenklage nach: "Natürlich hat der Angeklagte kein Geld und die Nebenkläger werden wohl kein Geld sehen", räumte Gillot ein. "Aber das Urteil gilt 30 Jahre lang."

10.900 Euro Schmerzensgeld muss der 19-jährige Täter den beiden Nebenklägern insgesamt zahlen

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