Kronach
Schulverband

Kronacher Gottfried-Neukam-Schule darf ihren Namen behalten

Der Schulverband Kronach III beschloss einstimmig, die Gottfried-Neukam- Mittelschule nicht umzubenennen.
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Die Gottfried-Neukam-Mittelschule wird keinen neuen Namen erhalten. Foto: Marian Hamacher
Die Gottfried-Neukam-Mittelschule wird keinen neuen Namen erhalten. Foto: Marian Hamacher
Noch 20 Minuten bis Sitzungsbeginn. Der Saal füllt sich. Für eine Schulverbandsversammlung sicher nicht typisch. Zehn Minuten später werden zusätzliche Stühle in den Sitzungssaal des Kronacher Rathauses getragen. Beinahe 20 Zuhörer sind da. Die Frauenliste verteilt Infoblätter. Ihr Antrag auf Umbenennung der Gottfried-Neukam-Mittelschule hat für diesen Zulauf gesorgt - und für ein gespaltenes Meinungsbild in der Kreisstadt. Ist Neukam als Namensgeber der Bildungsstätte tragbar? Rund 50 Minuten später steht fest: Nach Ansicht des Schulverbands: ja!

Ebenso diffizil wie das Thema war auch die Durchführung der Sitzung. Grundsätzlich war fraglich, ob die Frauenliste - sie hat kein Mitglied im Schulverband Kronach III - überhaupt einen Antrag stellen durfte. Unstrittig war, dass Außenstehende kein Rederecht im Gremium haben. Dennoch wollte Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein in seiner Funktion als Verbandsvorsitzender eine demokratische Diskussion zum Thema zulassen. Seinen Kunstgriff brachte er Punkt 16 Uhr ein. "Ich werde die öffentliche Sitzung jetzt - nicht eröffnen!", sagte er und leitete in eine freie Diskussion über.

Martina Zwosta von der Frauenliste betonte, dass ein Namensgeber ein unangefochtenes Vorbild sein müsse. Gottfried Neukam sei das nicht. Sie ging auf seine Vita zur Zeit des Nationalsozialismus ein. Der Künstler sei damals NSDAP-Mitglied gewesen, von 1934 bis 1938 auch förderndes Mitglied der allgemeinen SS und unter anderem Film- und Funkwart. Die Frauenliste hielt es daher für untragbar, die Schule weiter nach Neukam zu benennen. Von einem Schaden für Kronach und drohenden Peinlichkeiten für Stadt und Schule war die Rede.


Kritik an Vorwürfen

Das brachte Herbert Kaiser auf die Palme. "Es hat mir fast die Schuhe ausgezogen, wie ich bei Antisemitismus auf Gottfried Neukam kommen kann", schimpfte er. Er warnte davor, mit dem heutigen Wissen über das Hitler-Regime ein Urteil über einen Menschen zu fällen, der beim NSDAP-Eintritt 1933 nicht habe wissen können, wohin der weitere Weg der Nazis führen würde. Und er betonte, dass nach dem Krieg nicht einmal bekannte Gegner der Nationalsozialisten, wie der damalige SPD-Bürgermeister Konrad Popp, auf den Gedanken gekommen wären, mit dem Finger auf Neukam zu zeigen. Es sei schäbig, sagte Kaiser zum Frauenlisten-Antrag, eine solche Diskussion aus einem von ihm vermuteten Mangel an wichtigeren Themen zu entfachen.

Klaus Simon entgegnete, dass Neukam schon mit den Nationalsozialisten sympathisiert habe, als diese noch keinen Anlass gegeben hätten, aus Angst um Leib und Leben in die Partei eintreten zu müssen. Zudem sei Neukam seinen Informationen nach ein handgreiflicher Lehrer gewesen und schon deshalb kein geeigneter Namensgeber für eine Schule.
Martina Zwosta ergänzte: "Wenn man die Informationen vor sich hat, war er kein Mitläufer." Und selbst als solcher wäre er kein geeigneter Namensgeber. Schließlich sollten den Schülern Werte vermittelt werden. 16.19 Uhr: Ende der Diskussion.

Wolfgang Beiergrößlein stellte klar, dass vieles über Neukam und dessen Lebenslauf bekannt sei, vieles aber auch nicht. Er sprach daher von einer emotional aufgeladenen Diskussion, die schwer zu führen sei, weil kein Beteiligter diese Zeit miterlebt habe. Die Beschäftigung mit Neukam "wirft Fragen auf, welche - wenn überhaupt - 73 Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nur schwer zu klären sind." Klar sei jedoch, dass sich die Faktenlage seit der Namensgebung 1980 und der Diskussion von 1994 nicht geändert habe. Weiter müsse die gesamte Lebensleistung Neukams in eine Entscheidung eingebunden werden. Besonders wichtig sei bei alledem, dass das Schulleben nicht leide.

Darauf legte auch Schulleiterin Anita Dauer großen Wert. Weder Eltern noch Schüler noch Lehrkräfte würden eine Umbenennung fordern. Gerade in der Prüfungszeit habe die Diskussion um den Schulnamen - von der sie erst aus der Zeitung erfahren habe - eine erhebliche Unruhe unter den Schülern ausgelöst und den Lehrern Kräfte abverlangt, die diese lieber für die Schüler eingesetzt hätten. "Ich hoffe, dass nun wieder Ruhe einkehrt", betonte sie und sprach sich gegen eine Umbenennung aus.


Schule fühlt sich übergangen

Elternbeiratsvorsitzende Karin Hasenbank dankte der Frauenliste zwar für den Denkanstoß, sie wies aber auch deutlich auf ein einstimmiges Votum des Elternbeirats gegen einen neuen Namen hin. Und sie riet recht unzweideutig, das politische Engagement künftig für bessere Zwecke einzusetzen.

Auch die Verbandsräte sprachen sich gegen eine Umbenennung der Schule aus. Einmütig stellten sie fest, dass es keine neuen Erkenntnisse gebe, die Neukam heute in einem anderen Licht erscheinen ließen als vor 24 Jahren.

Markus Oesterlein, der Neukam als einen von Millionen Mitläufern aus Existenzangst beschrieb, hielt es durchaus für gut, gerade in Zeiten "dummer, rechter Parolen" auch Namensgeber zu hinterfragen. Die Beteiligten an der Schule nicht einzubinden, war für ihn aber nicht nachvollziehbar. Tino Vetter betonte, dass Schulverbands-Geschäftsführer Jörg Schnappauf das Thema "intensiv und sauber aufgearbeitet" hatte. Nun hoffe er, dass sich die Frauenliste mit gleichem Engagement wie in dieser Frage in die Weiterentwicklung der Stadt einbringen werde. Jochen Gleich hielt den FL-Antrag für legitim, meinte aber auch, manche etwas politisch wirkende Aussage darin entdeckt zu haben.

16.42 Uhr: Das Gremium lehnt eine Umbenennung der Schule einstimmig ab. Ob damit das Thema vom Tisch ist? Nach der Sitzung wurde jedenfalls noch hitzig diskutiert. Bleibt zu hoffen, dass sich die Beteiligten in den kommenden Tagen Beiergrößleins Aufruf zu Herzen nehmen: "Jeder ist zu Wort gekommen. Bitte verletzen wir uns jetzt nicht persönlich!"
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