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Kronach
Gewalt

Kronacher "Freunde und Helfer" im Visier

Ordnungshüter - früher einmal Respektspersonen - werden immer häufiger zu Prügelknaben, wie ein aktueller Fall aus Kronach zeigt. Die Polizeibeamten beobachten die steigenden Aggressionen mit Sorge. Die Justiz zieht Konsequenzen.
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Polizeibeamten werden auch in Kronach immer häufiger Opfer von Gewalt. Foto: Carsten Rehder/dpa
Polizeibeamten werden auch in Kronach immer häufiger Opfer von Gewalt. Foto: Carsten Rehder/dpa

"Pissnelken" war noch die charmanteste Bezeichnung, die der polizeibekannte Kronacher für die Beamten auf Lager hatte. "Wir sind es von ihm gewohnt", fasst einer von ihnen am Donnerstag am Kronacher Amtsgericht nüchtern zusammen.

Wenn eine Beschreibung auf den 53-Jährigen zutrifft, dann ist es: unbelehrbar. "Seit einem Jahr und fünf Monaten bin ich nun hier - und wir sehen uns jetzt mindestens zum dritten Mal", begrüßt der Richter Christoph Lehmann seinen "Bekannten". Der ist sich jedoch keiner Schuld bewusst: "Da kann ich auch nix für."

Darüber gehen die Meinungen auseinander. Bereits in den frühen Abendstunden mussten ihn die Beamten an einem Septembertag vergangenen Jahres vom LGS-Gelände verweisen, weil er mit seinem Gefolge zu laut gefeiert hatte. In der Wohnung des 53-Jährigen ging die Party anschließend so lautstark weiter, dass eine Nachbarin die Polizei rief.

Als die Beamten kurz darauf ein drittes Mal wegen dem Angeklagten anrücken mussten, beschlossen sie, ihn mitzunehmen. Der rastete jedoch komplett aus und trat eine junge Polizistin mit dem Fuß in den Unterleib. Ein zweiter Trittversuch ging ins Leere. Ihren Kollegen schlug der Beschuldigte dreimal mit der Faust auf Kiefer, Schläfe und Brust.

22 - größtenteils einschlägige - Vorstrafen und ein aktueller Gefängnisaufenthalt von neun Monaten wegen Beleidigung haben den Langzeitarbeitslosen nicht davon abgehalten, die Polizeibeamten an besagtem Abend in gewohnter Manier zu beschimpfen und sogar zu attackieren. "Ich war aufgeregt, weil ich nicht verstanden hab', warum die jetzt schon wieder da sind", schildert der Angeklagte seine Sicht der Dinge. Der Vorfall war für die Kronacher Polizisten zwar schmerzhaft, sie trugen jedoch keine größeren Verletzungen davon.

Situation eskaliert häufiger

Doch nicht immer gehen die Attacken auf Ordnungshüter so glimpflich aus: Nichts anderes als purer Hass auf die Polizei trieb im jüngsten Beispiel einen Mann in München dazu, einem ihm bis dato unbekannten Beamten - ohne Vorwarnung und hinterrücks - ein Messer in den Nacken zu rammen.

Viele Bürger sehen Polizisten offensichtlich mehr als Feindbild und Gegner anstatt als Freund und Helfer. "Insgesamt 679 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte im Jahr 2018 registrierte das Polizeipräsidium Oberfranken", teilt Pressesprecher Alexander Czech mit. "Dies stellt eine Steigerung um 8,3 Prozent (52 Fälle) zum Vorjahr dar." Von den betroffenen 1549 Beamten hätten über 200 teils erhebliche Verletzungen erlitten.

Bereits bei geringfügigen polizeilichen Maßnahmen, wie der Klärung von Sachverhalten und Identitätsfeststellungen, sehen sich die Beamten laut Czech immer häufiger respektlosem oder gar aggressivem Verhalten gegenüber. Zu den meisten Fällen von Gewalt gegen Polizisten komme es, wie im aktuellen Kronacher Fall, bei Festnahmen beziehungsweise Gewahrsamnahmen und Unterbringungen.

"Es gibt leider immer wieder Chaoten, die der Meinung sind, die Kollegen im Einsatz beleidigen oder, vereinzelt, sogar attackieren zu müssen", berichtet auch Gerhard Anders aus Erfahrung. Der Pressesprecher der Kronacher Polizei ist selbst schon angegriffen worden - so wie die meisten seiner Kollegen.

Doch woher kommt der schwindende Respekt gegenüber Ordnungshütern? "Ich glaube, das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass der Respekt gegenüber staatlichen Organisationen nachlässt", wagt Anders einen Erklärungsversuch. "Ein Gendarm war früher die absolute Respektsperson im Dorf. Da gab es noch das ungeschriebene Gesetz, dass man so etwas einfach nicht macht."

Die Leute seien heutzutage nicht nur aufgeklärt. Sie würden auch schneller alle Hemmungen verlieren: "Vor allem, wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind, kann die Situation schnell eskalieren." Das kann auch Czech bestätigen: "Fast drei Viertel der Täter hatten berauschende Substanzen zu sich genommen. Hiervon hatten über 80 Prozent der Tatverdächtigen Alkohol oft auch in Verbindung mit Drogen konsumiert."

Der Konsum von Alkohol zieht sich auch bei dem Kronacher Angeklagten wie ein roter Faden durch sein umfangreiches Vorstrafenregister. "Der Herr hat schon immer Straftaten begangen, wenn er mehr als zwei Promille hatte", weiß auch der Richter. Diesmal lag der Alkoholgehalt in seinem Blut bei 2,4 Promille - für den alkoholkranken Vater von sieben Kindern der Durchschnittspegel.

Lehmann merkt an: "Der weiß schon, was er tut, wenn er gesoffen hat." Der Angeklagte räumt die Tat schließlich ein: "Tut mir leid, was ich wieder angestellt habe. Das ist jedes Mal wegen dem Alkohol." Er wisse um sein Suchtproblem und strebe langfristig einen Entzug an. Der Richter bleibt skeptisch: "Das ist exakt das, was Sie schon vor einem Jahr gesagt haben."

Direkt ins Gefängnis

Als Konsequenz der steigenden Aggression gegenüber Polizeibeamten wurde 2018 der neue Tatbestand "Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte" eingeführt. Wer nun einen Beamten im Dienst angreift, muss pauschal mit mindestens drei Monaten Gefängnis rechnen.

Diese Erfahrung musste auch der Kronacher Angeklagte einmal mehr machen: Er wird für die Angriffe auf die Polizisten zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt. Zuzüglich der Freiheitsstrafe wegen Beleidigung und seiner aktuellen Haftstrafe muss er ein Jahr und acht Monate ins Gefängnis. "Das muss nicht sein, das ist voll daneben", betont Richter Lehmann bei der Urteilsverkündung.

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