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Kronacher Automobil-Zulieferer: Darum ist Dr. Schneider unzufrieden mit seinem Umsatz

548 Millionen Euro hat der in Neuses beheimatete Automobil-Zulieferer Dr. Schneider 2018 umgesetzt. Zufrieden ist das Unternehmen damit aber nicht. Innovative Entwicklungen sollen die Zukunft sichern - und dafür wurde einiges investiert.
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An die 500 000 Fertigteile verschickt Dr. Schneider pro Tag in alle Welt. Unter anderem diese Blende für einen Audi Q8. Foto: Marian Hamacher
An die 500 000 Fertigteile verschickt Dr. Schneider pro Tag in alle Welt. Unter anderem diese Blende für einen Audi Q8. Foto: Marian Hamacher
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Der große Knall ist fast auf den Tag genau drei Monate her. Ende Februar kündigte der Neuseser Automobil-Zulieferer Dr. Schneider an, 60 Arbeitsplätze betriebsbedingt abbauen zu müssen - wegen des sich veränderten Marktumfelds. Dass die Geschäftsführung nun bei ihrem Jahrespressegespräch keine Rekordzahlen vermelden würde, lag also quasi auf der Hand. Gesteigert hat das Familienunternehmen seinen Umsatz dennoch. Die erwirtschafteten 548 Millionen Euro waren sogar sechs Prozent mehr als im Vorjahr, als unter 517 Millionen Euro der Doppelstrich gezogen wurde.

Zufrieden ist das Unternehmen damit aber nicht. "2018 war kein einfaches Jahr", betont der kaufmännische Geschäftsführer Wilhelm Wirth. Vor allem die rückläufige Automobilkonjunktur habe die zweite Jahreshälfte negativ beeinflusst. Zudem hätten "überproportionale Kosten bei Neuanläufen das Ergebnis geschmälert". Man müsse sich von dem Gedanken verabschieden, dass die Welt 2020 wieder so wird wie 2015 oder 2016, als es noch zweistellige Zuwachsraten gab. Kurzum: Die fetten Jahre sind offenbar vorbei.

Das größte Problem seien kurzfristige Schwankungen bei den Auftraggebern gewesen, so Wirth. "China schwächelt massiv und Jaguar Land Rover - ein wichtiger Kunde - schwächelt schon seit letztem Jahr." Zwar habe Dr. Schneider bereits jetzt fixe Aufträge bis ins Jahr 2021 - nur würden diese nicht in der geplanten Zahl abgerufen.

"Massiver Kostendruck"

Ein gutes Beispiel sei etwa der Golf VIII sagt Thomas Stadelmann, der am 1. März den Vorsitz der Geschäftsführung übernahm. "Der lief zwar an, aber mit einer extrem flachen Kurve, weil es bei VW intern noch diverse Probleme zu lösen gibt", erklärt er und meint damit wohl die Probleme, die die Wolfsburger mit der Software und Elektronik haben. "Am Ende des Tages müssen wir also kurzfristig darauf reagieren, dass die Stückzahlen nicht so kommen, wie sie gedacht waren."

Außerdem gebe es eine gewisse Unsicherheit im Käufermarkt. Dadurch sei Dr. Schneider mit stagnierenden und gegebenenfalls auch sinkenden Umsätzen konfrontiert. "Das führt dazu, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir unser Unternehmen zukünftig wettbewerbsfähig aufstellen, um flexibler zu werden und so den Schwankungen begegnen zu können", sagt Stadelmann. Des Weiteren gelte es, auf den "massiven Kostendruck" der Auftraggeber eine Antwort zu finden.

Große Hoffnung, dass sich daran noch einmal etwas ändert, hat er nicht. "Diese Instabilität im Markt wird unserer Ansicht nach bleiben", betont der Vorsitzende. Die Zeiten, in denen ein Autohersteller im August des Vorjahres seine Stückzahl für die nächsten vier Jahre plant, seien vorbei. "Die reagieren genauso wie wir auf das Marktumfeld und passen sich sehr flexibel den Bedürfnissen des Marktes an. Und wir müssen folgen", betont Stadelmann.

In diesem Zusammenhang müsse Dr. Schneider die richtigen Menschen am richtigen Ort, in der nötigen Menge im Einsatz haben. "Wir haben uns versucht auf das einzustellen, was wir momentan sehen", erklärt er. Das Ergebnis waren die "Personalmaßnahmen" der vergangenen Monate.

Statt der 60 betriebsbedingten Kündigungen seien es aber "weit unter zehn" gewesen, sagt Wirth. Gelegen haben dürfte das an jenen Mitarbeitern, die das Angebot annahmen, früher als geplant in Rente zu gehen. Kommenden Monat soll zudem die dann seit fast einem halben Jahr andauernde Kurzarbeit bei der Lackiererei am Standort in Tschirn enden.

Spalten statt filtern

Da stellt sich die Frage, wie schnell sich Kurzarbeit oder betriebsbedingte Kündigungen wiederholen können, wenn der Markt weiterhin flatterhaft ist? So ganz kann Stadelmann die Sorge vieler Angestellter nicht beschwichtigen. "Wir haben es aktuell nicht vorgesehen, dass wir Kurzarbeit machen, aber es ist nicht auszuschließen, dass das passiert", wird er deutlich. Das müsse das Unternehmen davon abhängig machen, was die Auftraggeber abrufen.

Damit diese nicht nur eine breite, sondern vor allem eine äußerst innovative Auswahl an Produkten haben, die ins Auto der Zukunft eingebaut werden können, nimmt Dr. Schneider einiges an Geld in die Hand. An mehr als 100 Projekten wird in Neuses derzeit geforscht und entwickelt. Bereits marktreif ist das Klimakonzept "Clean Air".

Dabei handele es sich nicht um einen typischen Luftfilter, erklärt Parag Shah. Als Verantwortlicher für Vertrieb, Marketing und Programm-Management ist er der dritte im Geschäftsführer-Triumvirat: "Es wird heute viel gefiltert, aber nichts umgewandelt. Wir spalten dagegen Moleküle auf und machen sie dadurch unschädlich." So könne etwa Zigarettenrauch dank der neuen Technologie aufgespalten und im Auto neutralisiert werden - ebenso wie von außen einströmendes Kohlenstoffmonoxid. "Das hat enormes Potenzial", betont Shah. "Gerade im Hinblick auf Mega-Citys." Kein Wunder, dass gerade im smoggeplagten China großes Interesse besteht.

Kapazität verdoppeln

Ausgangspunkt für die nächste große Innovation soll das neue Technologie- und Prozesscenter werden, das in den nächsten Wochen fertiggestellt wird. Eine zweistellige Summe von den 2018 investierten 54 Millionen Euro floss in das 10 000 Quadratmeter große Gebäude. "Unser Ziel ist es, damit vor allem die Kapazität unserer Technologieabteilungen zu verdoppeln und damit für die neuen Technologien noch breiter aufgestellt zu sein", sagt Wolfgang Beer, der Technische Leiter, während eines Rundgangs durch die Produktion.

Damit befänden sich alle am Industrialisierungsprozess beteiligten Abteilungen unter einem Dach. Der Vorrichtungsbau ziehe gerade ein, die nächsten Abteilungen sollen in den kommenden beiden Monaten folgen.

International

Standorte: Die Dr. Schneider-Gruppe hat Produktionsstandorte in Deutschland (Kronach-Neuses, Judenbach, Tschirn), Europa (Radomierz/ Polen, Valencia/Spanien), USA (Russell Springs/Kentucky), China (Liaoyang) und Vertriebsbüros weltweit. Weltweit beschäftigt das Unternehmen an die 4000 Mitarbeiter. Produkte: Vom Belüftungssystem über die Mittelkonsole bis zum Handschuhfach produziert Dr. Schneider vor allem für Premium-Automobile. Zu den Kunden zählen neben Audi, BMW oder Daimler auch zahlreiche andere Hersteller.

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