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Kronach: Tanzen brachte Lebensmut zurück

Willibald Müller kann seit einem Sturz im Jahr 2012 ohne Hilfen nicht mehr gehen. Der Rollstuhltanz mit seiner Frau Carola hat ihm neue Kraft gegeben. Beim Gesundheitstag am 22. März in Kronach wollen sie das zeigen.
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Der Rollstuhltanz hat das Leben des Ehepaars Müller zum positiven verändert. Am Gesundheitstag, der am 22. März stattfindet, gibt es von den beiden eine Aufführung nach einer Choreografie von Margitta Sommer.Veronika Schadeck
Der Rollstuhltanz hat das Leben des Ehepaars Müller zum positiven verändert. Am Gesundheitstag, der am 22. März stattfindet, gibt es von den beiden eine Aufführung nach einer Choreografie von Margitta Sommer.Veronika Schadeck

Wer Willibald Müller zusieht, wie er mit seiner Ehefrau Carola einen Rollstuhltanz wagt, kann seine Lebensfreude spüren. Er hat seinen Lebensmut zurückgewonnen. Beim Gesundheitstag, der am Sonntag, 22. März, im Kronacher Schützenhaus stattfindet, werden beide um 13 Uhr einen Rollstuhltanz nach einer Choreografie von Margitta Sommer dem Publikum vorführen.

Es gehört schon einiges an Mut dazu, seine persönliche Geschichte öffentlich zu machen. Aber nicht zuletzt damit will das Ehepaar Müller anderen Betroffenen helfen. Willibald Müller sitzt seit dem Jahre 2012 im Rollstuhl. Es war im Urlaub an der Nordsee, als er stürzte und sich ein Bein brach. Seitdem kann er ohne Hilfen nicht mehr gehen. Niemand habe damals gewusst, warum sein Sturz derartige Folgen hatte. Erst in einer Koblenzer Spezialklinik habe man erkannt, dass diese Lähmung die Folge seiner Kinderlähmung war.

Nichts war ab dem Zeitpunkt mehr so, wie es vorher war. Vier Jahre später kam die nächste Hiobsbotschaft, nämlich Bauchspeicheldrüsenkrebs. Metastasen hatten sich bereits in Leber, Knochen, Nieren verbreitet. Krankenhausaufenthalte und Bestrahlungen folgten.

Eigentlich, so zieht seine Frau Carola Resümee, haben Krankheiten sie das ganze Leben lang begleitet. Zuerst waren die Großeltern, Eltern und Schwiegereltern da, die der Pflege bedurften. Einer der beiden Söhne hatte in seiner Kindheit mit epileptischen Anfällen zu kämpfen, beim anderen Sohn wurde ein Hirntumor festgestellt. All die jahrelangen psychischen Belastungen haben schließlich bei ihr vor vier Jahren einen Schlaganfall ausgelöst, an dessen Folgen sie viele Wochen lang zu kämpfen hatte.

Die Krankheit akzeptiert

Hört man ihre Geschichte an, so wird klar, die Müllers haben vielen Höhen und Tiefen durchgemacht. Die Stimmungen schwankten zwischen Verzweiflung, Hadern mit dem Schicksal und Mut. Mittlerweile akzeptieren die Müllers ihre Krankheiten und sie haben ihren Weg gefunden. "Die Krankheiten gehören zwar zu unserem Leben, aber die Krankheiten sind nicht unser Leben", so Carola Müller.

Ihr Eigenheim ist mittlerweile barrierefrei umgebaut. Einmal pro Wochen fährt das Ehepaar zum ältesten Sohn in den Landkreis Coburg, um dessen zweijährige Zwillinge zu beaufsichtigen. Sie pflegen soziale Kontakte, sind Mitglied im "Verein gegen Krebs" und dort in der Sportgruppe mit dabei. Sie nehmen an Kursen wie dem Onkowalking, QiGong, Yoga und Meditation teil. "Das Schönste aber ist der Rollstuhltanz", sagt Willibald Müller.

Er habe zum ersten Mal von einem Rollstuhltanz in der Rehaklinik im Jahre 2013 erfahren, erzählt er. "Ich war fasziniert, ich wollte dies auch machen!". In den folgenden Jahren ist das Ehepaar zum Rollstuhltanz nach Bayreuth gefahren. Seit November 2019 gibt es nun diese Möglichkeit in Kronach. Und darüber sind Willibald und Carola Müller sehr froh. Einmal pro Woche nun wird in den Räumen der alten Stadtbücherei unter der Federführung von Margitta Sommer vom Tanzstudio Sommer mit dem Rollstuhl getanzt.

Ein Rollstuhl zum Tanzen

Der Bachata-Tanz beispielsweise erfordere viel Konzentration und Teamwork. Der Walzertanz sei viel mit Vertrauen verbunden, erzählt Carola Müller. Der Rollstuhltanz setzt Bewegungen aus dem Fußgängertanz um, nimmt sie auf und schafft Neues, das den Charakter des Tanzes erhält. Willibald Müller hat sich für seine Tanzstunden einen eigenen Rollstuhl angeschafft, der weniger als sein herkömmlicher Rollstuhl wiegt und deshalb auch wendiger ist. Dementsprechend leicht schauen auch die Bewegungen aus: fließend, elegant und graziös.

Der 62-Jährige möchte seinen Rollstuhltanz nicht mehr missen. "Unser Leben hat sich verändert, es ist etwas, wo wir gleichberechtigte Partner sind!", schwärmt er. Zudem ist der Rollstuhltanz mit Lebensfreude und Beweglichkeit verbunden, ist gut für Muskeln und für das Gehirn. "Der Rollstuhltanz bringt einfach mehr Lebensqualität!"

Jetzt hoffen beide, mehr Gleichgesinnte zu finden, die trotz Rollstuhl und Handicap Freude am Tanzen haben. "Es wäre schön, wenn wir hier in Kronach eine richtige Rollstuhl-Tanzgruppe eröffnen könnten", meint Carola Müller.

Die Voraussetzungen sind vorhanden: "Wir haben nicht nur eine klasse Lehrerin, sondern es ist auch alles barrierefrei!"