Kronach
Kunst und Kultur

Kritik an Kunstszene: Diese Stadt sollte sich Kronach laut Karol J. Hurec zum Vorbild nehmen

Der Vorsitzende des Kronacher Kunstvereins, Karol J. Hurec, stellt dem Kreis Kronach kein gutes Kunstzeugnis aus. Wie es besser laufen könnte, zeigt Forchheim.
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Kunst oder Kitsch? Darüber hat Karol J. Hurec eine dezidierte Meinung. Foto: Nicole Julien-Mann
Kunst oder Kitsch? Darüber hat Karol J. Hurec eine dezidierte Meinung. Foto: Nicole Julien-Mann

Bildende Kunst ist in Kronach überall sichtbar. Meisterwerke aus dem Mittelalter und der Renaissance ziehen Kunstinteressierte aus ganz Deutschland in die Fränkische Galerie, moderne zeitgenössische Kunst ist in wechselnden Ausstellungen im Kronacher Kunstverein (KKV) zu sehen. Auf dem Landesgartenschaugelände gibt es 16 Kunstwerke zu entdecken, zwölf davon stammen aus den Sandsteintriennalen des KKV. Regelmäßig finden Kunstprojekte wie die HolzART Kronach statt, daneben Ausstellungen in den Galerien im Landratsamt, im Finanzamt, in der Synagoge, in den Foyers der Banken - um nur einige zu nennen.

Wir sprachen mit dem Vorsitzenden des Kronacher Kunstvereins, dem Künstler Karol J. Hurec, der seinen kritischen Blick über die Kronacher Kunstlandschaft schweifen lässt.

Das sieht doch alles ganz nach einer belebten Kunstszene mitten in der Provinz aus?

Karol J. Hurec: Der Schein trügt. Eine Kunstszene ist ein Umfeld, in dem aktuelle innovative Kunst hergestellt und konsumiert wird. Künstler, Kunstliebhaber, Kunsthändler, Kunstkäufer und Galeristen begegnen sich, diskutieren, tauschen sich aus, regen sich an. Vor allem aber auch wird Kunst gekauft. Müsste ein Künstler vom Kronacher Publikum leben - er würde verarmen.

Immerhin findet mit der ARTkronach jedes Jahr vor Weihnachten eine Kunstmesse statt.

... auf der vorwiegend Hobbykünstler ausstellen. Ich rede hier aber nicht von Hobbymalerei oder Kunsthandwerk. Viele sogenannte Kunstproduzenten ergeben immer noch keine Kunstszene per definitionem.

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In den Ankündigungen von Ausstellungen ist immer wieder die Rede von internationalen Künstlern.

Dass ein Künstler aus dem Ausland kommt, macht ihn nicht automatisch zu einem internationalen Künstler. Das ist oft Etikettenschwindel. Ich kann auch keine Fußballweltmeisterschaft zwischen Kronach und Friesen ausschreiben. Von internationalen Künstlern spricht man, wenn sie international auf höherem Level bekannt sind, Ausstellungen in renommierten Galerien haben oder in Sammlungen vertreten sind. Wirklich internationales Niveau hat der Kunstverein nach Kronach gebracht.

An wen denken Sie dabei?

Etwa an Ren Rong aus China oder an Elvira Bach, die 1982 zur Documenta in Kassel eingeladen wurde, an die Materialkunst von Francisco Farreras, der auf der Biennale in Venedig ausgestellt hat. Da gibt es noch einige mehr zu nennen, Stefan Reusse zum Beispiel.

Kronacher Künstler tauchen in diesem Reigen nicht auf?

Oh doch, es gibt zeitgenössische Künstler von Rang, die entweder hier aufgewachsen sind oder hier leben. Judith Raum zum Beispiel, die jetzt nach Harvard in den USA eingeladen wurde, eine Lecture-Performance im Zuge des Bauhaus-Jubiläums zu halten. International anerkannt sind auch Michael Huth, der jetzt wieder in Kronach lebt, wie auch Felicitas Aga, die in London und Norwegen tätig ist. Oder Martin und Stefan Amm, deren Fotografien international ausgezeichnet wurden - dazu Stefan Diller mit seiner wissenschaftlichen Fotografie.

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Sind Werke dieser Künstler in Kronach zu sehen?

Eben nicht. Ich lebe seit fast 50 Jahren in Kronach, seit dieser Zeit tauchen im öffentlichen Raum und auch in Amtsgebäuden im Wesentlichen nur zwei Namen auf.

Sie sprechen vom verstorbenen Bildhauer Heinrich Schreiber und dem Maler Horst Böhm. Warum, meinen Sie, kommen keine anderen Künstler zum Zug?

Weil nur wenige Köpfe, die sich nicht mit zeitgenössischer überregionaler Kunst befassen, darüber entscheiden, was als Kunst in die Stadt kommt. Kronach vernetzt sich in Sachen Kunst nicht, es ruht in sich, vornehm formuliert. Dabei könnten Stadt, Landkreis und Wirtschaft die durch den Kronacher Kunstverein entstandenen Kontakte als Türöffner nutzen.

Wie also könnte es Ihrer Meinung nach anders laufen?

Forchheim macht es vor. Die Stadt sucht 2019 ein größeres Kunstwerk für den öffentlichen Raum und holt sich dazu Fachleute aus dem Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Oberfranken. Diese laden Künstler zum Wettbewerb ein. Die Stadt verantwortet die rechtliche Seite, eine externe Jury aus Fachleuten entscheidet über eine Vielfalt an Werken mehrerer Künstler. Was ist das Gegenteil von Vielfalt? Einfalt.

Was wünschen Sie sich von Stadt und Landkreis Kronach?

Vorab, die Unterstützung des Kronacher Kunstvereins durch den Landkreis ist hervorragend. Der Umbau der alten Galerie zu einer kleinen Kunsthalle ist großartig, wir bedanken uns. Ein weiterer Fortschritt wäre es, wenn die Verantwortlichen ihr Bewusstsein schärfen würden und die zum Beispiel bei uns im Kunstverein vorhandene Expertise nutzen würden. Außerdem sollte es ein Budget für moderne Kunst geben, Werke sollten also gekauft werden. Entweder zur Gestaltung öffentlicher Innenräume oder auch als Gastgeschenke. Demnächst wird eine Fachhochschule gebaut. Das ist eine Chance für eine einzigartige Architektur in der Kreisstadt, jenseits von hölzern wirkender Fachwerkromantik.

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Sie spielen auf wiederkehrende Retromotive an, wie Flößer, Holzfäller, Bratwürste? Dabei gibt es durchaus moderne, an der Zukunft orientierte Ideen, wie sie Kronach Creativ propagiert. Man denke an Kronach leuchtet oder den Master-Studiengang ZukunftsDesign. Das ist auch meine Marschrichtung und die des Kunstvereins.

Bei diesen Projekten sitzen die öffentliche Hand und die Wirtschaft aber mit im Boot.

Ein Beweis, wie Vernetzung zum Erfolg führt. Wir haben zukunftsträchtige Industriebetriebe. Glasindustrie mit weltweit modernsten Produktionsmethoden, Zulieferer für die Automobilindustrie mit Hightechprodukten, demnächst startet ein Pilotprojekt mit selbstfahrenden Autos. Unsere Firmen exportieren weltweit. Aber in Sachen Kunst sind wir äußerst provinziell.

Sie fällen ein hartes Urteil...

Das ist mein Standpunkt, von dem aus können wir uns auf den Weg machen. Ich wurde kürzlich von Bayernkreativ und der Metropolregion Nürnberg zur Infoveranstaltung "Creative European Culture" eingeladen. Das ist ein Förderprogramm der Europäischen Union. Insbesondere seit der Bewerbung Nürnbergs als Kulturhauptstadt sind der Kronacher Kunstverein und meine Person ein kultureller Faktor im Norden der Region, der zählt. Vielleicht gelingt es uns, gemeinsam mit Landkreis und Stadt ein Projekt auf die Beine zu stellen. Die Fragen stellte Nicole Julien-Mann.

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