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Kronach
Bombenhagel

Kriegsende im Landkreis Kronach: Ein Finale mit Angst und Schrecken

Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte vielen Landkreisbewohnern Leid und Elend. Mehr als 50 Menschen starben einen sinnlosen Tod.
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Das Kriegsende sorgt in Kronach für Chaos. Die Aufnahme entstand in der Nähe des zerstörten Hotels  "Goldener Wagen".Repro: Gerd Fleischmann
Das Kriegsende sorgt in Kronach für Chaos. Die Aufnahme entstand in der Nähe des zerstörten Hotels "Goldener Wagen".Repro: Gerd Fleischmann
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Die Furie des Krieges hinterlässt in den Apriltagen des Jahres 1945 im Frankenwald eine Spur der Vernichtung. Besonders hart trifft es neben Kronach die Gemeinden Steinbach am Wald, Küps und Nordhalben.

Einen Vorgeschmack auf das Inferno bekommen die Frankenwälder bereits am 26. Januar 1944. Trebesberger Höhe, 21.30 Uhr: Unheimlich und unheilvoll dröhnen die Motoren des aus nordöstlicher Richtung herannahenden Royal-Airforce-Bombers vom Typ Avro Lancaster Two. Die viermotorige englische Militärmaschine rast im Tiefflug über die Bergdörfer Birnbaum, Hesselbach und Wilhelmsthal auf den 577 Meter hohen Trebesberg zu. Verzweifelt versucht der Pilot, das brennende Flugzeug notzulanden. Doch vergebens. Mit einem gewaltigen Knall explodiert die Maschine in der Luft und stürzt als riesiger Feuerball zur Erde. Sieben Engländer sterben in dieser kalten Winternacht über dem Frankenwald. Die Anlieger befinden sich im Schockzustand.

Die ersten Bomben fallen

Am 13. September 1944, exakt um 10.57 Uhr, holt der Krieg auch das bis dahin sicher geglaubte Kronach ein. An diesem Mittwochvormittag fallen die ersten Bomben auf die 7000 Einwohner zählende Frankenwaldmetropole, in deren Mauern zu diesem Zeitpunkt immerhin acht Wehrmachts- und Notlazarette untergebracht sind. Aus einem nach Osten fliegenden amerikanischen Bomberpulk schert eine defekte Maschine, die später bei Hildburghausen abgestürzt sein soll, aus und wirft im ziellosen Notwurf fünf Sprengbomben über Kronach ab.

Während vier Bomben auf freiem Gelände detonieren, explodiert die fünfte im Vorgarten des Bezirkskrankenhauses in der Friesener Straße und zertrümmert dort die Küche und den Operationssaal. Die sieben Krankenschwestern, die sich in der Küche aufhalten, werden durch den Luftdruck hinausgeschleudert und erleiden - wie durch ein Wunder - lediglich leichte Blessuren.

Seit diesem Tag werden vermehrt alliierte Bomberverbände gesichtet, die ihre tödliche Last in das mitteldeutsche Industrierevier fliegen. Der Anblick der Todesgeschwader versetzt die Menschen in Angst und Schrecken. Das Leben verlagert sich zusehends von den Wohnungen in die zu Luftschutzräumen umfunktionierten Kronacher Felsenkeller.

Bereits am 14. Februar 1945 kommt es zu einem weiteren ernsten Zwischenfall: anglo-amerikanische Flugzeuge werfen acht Bomben auf Mitwitz. Die Häuser von Andreas Jung und Xaver Greiter (Jakobsberg 20 und 17) werden zerstört oder beschädigt. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt.

Sieben Jagdbomber greifen an

Während am 6. April 1945 Kronach in den Verteidigungszustand versetzt wird und das berüchtigte Standgericht "Helm" den 36-jährigen angeblich fahnenflüchtigen Obergefreiten Herbert Susel durch Erhängen an einer Eiche bei der Gärtnerei Magold ins Jenseits befördert, kommt es für die Gemeinde Steinbach am Wald knüppeldick: Der mit Abstand schwerste Jagdbomber-Angriff ereignet sich gegen 9 Uhr. Sieben Jagdbomber vom Typ P-51 Mustang und P-47 Thunderbolt greifen im Tiefflug den Bahnhof und das Unterwerk in Steinbach am Wald zehn Minuten lang an, um die Eisenbahnmagistrale Kronach-Saalfeld zu blockieren.

Die Bilanz ist erschreckend: Zwölf Menschen finden im Bombenhagel den Tod, 21 weitere werden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Die Firma Wiegand-Glas in Steinbach/Wald versinkt in Schutt und Asche.

Tote und verwüstete Gebäude

Zwei Tage später, am 8. April, kommt es in Mitwitz erneut zu einem Tieffliegerangriff. Hitlerjungen schießen mit Gewehren auf die Flugzeuge. Die Antwort der Alliierten ist tödlich. Zwei Evakuierte aus Schlesien sterben, zwei Häuser und zwei Scheunen brennen lichterloh.

Nun reißen die Hiobsbotschaften nicht mehr ab. Ein Fliegerangriff auf das Kronacher Bahnhofsgebiet am 10. April hinterlässt verwüstete Gebäude, fünf Tote sind zu beklagen. Tags darauf sterben bei einer Flugzeugattacke in der Lucas-Cranach-Stadt drei Menschen. Beträchtlich ist auch der Materialschaden.

Der 11. April wird für die Bergwerksgemeinde Stockheim fast zur Schicksalsfrage. An diesem Tag bombardieren "Jabos" den Bahnhof. Auf den Gleisen stehen Waggons mit der tödlichen Gasmunition "Blaukreuz". Gott sei Dank verfehlen die Jabos ihr Ziel. Den Stockheimern bleibt das Schicksal von Zapfendorf erspart. Ein alter Mann stirbt im Bombenhagel.

"Pattons Visitenkarte"

Noch an diesem Tag rücken die Amerikaner aus Coburg kommend mit ihrer geballten Kriegsmaschinerie in Richtung Kronach an. Am Abend des 11. April 1945 beziehen die ersten Panzer der 11th Armored Division, einer Panzerdivision der US Army, an der Westgrenze des Landkreises Kronach Position. In den Vormittagsstunden des darauf folgenden Tages werden auf den Anhöhen um Schmölz und Theisenort die ersten heranrollenden M-4 Shermann-Panzer gesichtet. Durch kurz zuvor abgeworfene Flugblätter, in denen die auf das Genaueste einzuhaltenden Modalitäten für die kampflose Übergabe einer Ortschaft fixiert sind, wird die Bevölkerung auf die bevorstehende Okkupation vorbereitet.

12. April 1945: Ab 8.30 Uhr setzt das Artilleriebombardement auf Kronach ein. Alle fünf Minuten feuern die 105-mm-Haubitzen der Amerikaner, die nördlich von Schmölz und Theisenort in Stellung gegangen sind, eine Salve ab. Die Feuerleitung dirigiert ein über Neuses kreisendes Beobachtungsflugzeug. Diese Methode geht unter der Bezeichnung "Pattons Visitenkarte" in die Kriegsannalen ein. "Jede Stadt", so General George Patton, "der wir uns nähern, belegen wir, noch bevor wir sie zur Übergabe auffordern, mit ein paar Granaten."

Die Kapitulation

Nun wird es ernst für Kronach - die Stadt brennt an allen Ecken und Enden. Das Vorzeigehotel "Goldener Wagen" (jetzt Weka), die Häuserzeile in der Schwedenstraße und vier Häuser in der Strau stehen in Flammen. Treffer gibt es in der Amtsgericht- und in der Friesener Straße, am Bamberger Tor, an der Stadtpfarrkirche sowie am Ziegelanger. Ein Volltreffer zertrümmert das Kriegerdenkmal von 1870/71, einen großen bayerischen Löwen aus Stein, auf dem Bahnhofsvorplatz.

Kreisleiter Paul Müller gerät in Panik. Gegen Mittag verlässt er in Zivilkleidung und mit Proviant versorgt die Stadt Hals über Kopf in Richtung Rosenhof. Eine Stunde nach der Flucht des Kreisleiters strecken Kampfkommandant Toelke und seine Mannen die Waffen. Gegen 13 Uhr übergibt Bürgermeister Hans Wachter die Stadt Kronach den Amerikanern.

Eine Tragödie in Küps

Während für die Frankenwaldmetropole das Ende relativ friedlich verläuft, bahnt sich in Küps eine Tragödie an. Auf Grund fehlender weißer Fahnen eröffnen die Amerikaner um 11 Uhr das Feuer auf die Marktgemeinde. Die Bilanz ist niederschmetternd: Über 100 Gebäude, darunter 36 Wohnhäuser, werden zerstört, vier Menschen finden den Tod. Nach der Feuereinstellung um 14.30 Uhr ist Küps, das nicht mehr wieder zuerkennen ist, in Rauch förmlich eingehüllt.

Am 14. April hinterlässt die Okkupation in Nordhalben eine weitere blutige Spur. Die Amerikaner feuern 56 Granaten auf die Marktgemeinde. Bei einem Volltreffer im Fichteraweg 23 sterben elf Menschen. Insgesamt kommen im Granatenhagel 13 Nordhalbener um. Mehr als 20 Anwesen, Ställe und Scheunen brennen. "Tausendprozentige" hatten verhindert, Hakenkreuzfahnen durch weiße Tücher zu ersetzen.

Neun GIs getötet

Aber auch auf amerikanischer Seite kommt es zu Verlusten. Beim Angriff von vier Jagdflugzeugen vom Typ Me 109 auf Truppen des in Richtung Kulmbach vorrückenden Kampfkommandos A und des Ersatzkommandos in Weißenbrunn und Kirchleus werden am 13. April neun GIs getötet. Insgesamt verliert die 11th Armored Division bei der Befreiung Hitler-Deutschlands rund 700 Soldaten.

Am 18. April überfliegen rund 900, am 19. April an die 300 Bomber mit todbringender Fracht in etwa 10 000 Metern Höhe den Frankenwald in Richtung Mitteldeutschland. Erst am 8. Mai 1945 endet der sinnlose Krieg. Die Menschen können endlich aufatmen.

Bürgermeister Throns schweres Amt

Nach der Befreiung geht es in Stadt und Land drunter und drüber. Am 13. Mai 1945 setzen die Amerikaner in Kronach Baptist Thron als Bürgermeister ein. Er übernimmt ein schweres Amt, denn bei allen Entscheidungen hat die Militärregierung ein gewichtiges Wort mitzureden. Die Phase der Entnazifizierung wird schließlich eingeleitet. Thron bleibt bis 1948 im Amt.