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Bildung

Kreis Kronach: Projektwoche sorgt für Diskussionen

Bayerns Schüler sollen fit für den Alltag gemacht werden: Ab dem kommenden Schuljahr werden daher alle bayerischen Schulen eine fünftägige Projektwoche anbieten müssen. So gelassen wie die meisten Schulen im Landkreis blickt der Änderung aber vor allem ein Berufsverband nicht entgegen.
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Wo kommt eigentlich unsere Milch her und wie werden überhaupt Kühe gehalten? Um Fragen wie diese zu klären und Schüler fit für den Alltag zu machen, soll es ab dem kommendem Jahr verpflichtende Projektwochen geben. Symbolbild: Archiv/Marion Eckert
Wo kommt eigentlich unsere Milch her und wie werden überhaupt Kühe gehalten? Um Fragen wie diese zu klären und Schüler fit für den Alltag zu machen, soll es ab dem kommendem Jahr verpflichtende Projektwochen geben. Symbolbild: Archiv/Marion Eckert

Den Lehrern reicht's. Das findet zumindest deren größte Berufsorganisation im Freistaat - der über 61 000 Mitglieder starke Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Und der will nicht einfach so hinnehmen, was Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (FW) vergangenen Montag ankündigte: eine verpflichtende fünftägige Projektwoche zum Themenkomplex "Alltagskompetenzen und Lebensökonomie".

Vorgesehen ist, darin die Bereiche Ernährung, Gesundheit, Verbraucherverhalten, Umwelt und Haushaltsführung den Schülern nicht nur theoretisch, sondern vor allem praktisch näherzubringen. Stattfinden soll sie bereits ab dem kommenden Schuljahr. Sowohl an Grund- als auch an weiterführenden Schulen.

Falscher Zeitpunkt

"Das ist im Moment überhaupt nicht zu tragen", ärgert sich Henric Schrödel, der als Vorsitzender des BLLV Oberfranken auch für den Kreis Kronach zuständig ist. "Wir haben nicht genug Lehrer, um den Unterricht abzudecken, und auf der andere Seite schmeißt man ihnen dann noch etwas weiteres drüber. Das steht in einem totalen Widerspruch." Der Kultusminister habe sich den absolut falschen Zeitpunkt ausgesucht, um seinen Plan zu präsentieren, wie Bayerns Schüler für den Alltag fit gemacht werden sollen.

Damit spielt er auf eine weitere Ankündigung an, mit der Piazolo die Lehrer an bayerischen Grund-, Mittel- und Förderschulen zu Jahresbeginn überraschte. Diese dürfen künftig erst mit 65 Jahren vorzeitig in den Ruhestand gehen - ein Jahr später als bisher. Zudem wird ihnen das Sabbatjahr gestrichen, und wer jünger als 58 ist, soll bald vorübergehend 29 statt 28 Unterrichtsstunden pro Woche vor der Klasse stehen. Auf diesem Weg soll etwa ein Prozent des Bedarfs an Grundschullehrern abgefangen werden, denn laut des Kultusministeriums werden im kommenden Schuljahr an die 1400 Vollzeitstellen nicht besetzt werden können. Wahrscheinlich in fünf Jahren beginne dann eine "Rückgabephase", in der die mehrgeleisteten Unterrichtsstunden wieder abgebaut werden können.

Keine großen Veränderungen

Fünf Jahre, in denen Schrödel seine Kollegen an den Grundschulen nicht mit noch zusätzlichen Aufgaben konfrontiert wissen möchte. "Es ist so viel, was in den letzten Jahren hinzugekommen ist", sagt er. "Unsere Kollegen sind im Moment am Limit und einfach nicht mehr bereit, irgendetwas zusätzlich zu machen." Viele Schulen würden die geplanten Inhalte der angestrebten Projektwoche ohnehin bereits umsetzen.

Anett Hamberger sieht aus diesem Grund auch keine allzu großen Veränderungen auf ihre Schule zukommen. "Was sich das Kultusministerium wünscht, sind Sachen, die bei uns längst laufen", erklärt die Leiterin der privaten Montessori-Schule Mitwitz. Die vom Staatsminister vorgeschlagenen Besuche auf einem Bauernhof, würden in Mitwitz etwa im Grundschulbereich aufgegriffen. "Dann lernen die Schüler, was eine Kartoffel ist, wo sie herkommt und wie sie verarbeitet wird." Allerdings komme ihrer Schule aufgrund der Ausrichtung nach der Montessoripädagogik eine Sonderrolle zu. Werde dadurch doch ohnehin längst praktiziert, was das Kultusministerium auch für staatlichen Schulen anstrebt. "Deswegen ist es für uns keine große Herausforderung", meint Hamberger. In weniger ländlichen Gebieten sehe das aber schnell wieder anders aus.

Keine großen Probleme mit der Projektwoche erwartet auch Roland Härtel, der Leiter der Kronacher Gottfried-Neukam-Mittelschule. Schließlich seien die Inhalte für die Lehrer nicht neu. "Das sind alles Handlungsfelder, die sowieso schon im ,LehrplanPLUS‘ verankert sind", erklärt er. Allerdings würden diese im Laufe eines Schuljahres in den verschiedensten Fächern besprochen, nun müssten die Aspekte jedoch gezielt gebündelt und innerhalb einer Woche behandelt werden. "Ich kann mir vorstellen, dass wir die Themen aus anderen Unterrichtsbereichen rausziehen und in die Woche einbauen", sagt der Rektor.

Er stelle sich aber die Frage, ob es sinnvoller ist, Alltagskompetenzen immer wieder im Unterricht anzusprechen oder kompakt in einer Woche abzuhandeln. "Eine Projektwoche wird den regulären Unterricht aber nicht ablösen können", ist er überzeugt. "Man wird dort immer wieder auf solche Themen zurückgreifen müssen."

Zum Beispiel, wenn es um die Haushaltsführung oder selbstbestimmtes Verbraucherverhalten gehe. Beides sei fester Bestandteil im Wirtschaftsunterricht ist. "Da kann ich nicht erst die Projektwoche für abwarten."

Am Kaspar-Zeuß-Gymnasium betrifft die Projektwoche in erster Linie Fächer wie Biologie, Wirtschaft oder Recht. "Wir werden versuchen, Aktivitäten, die ohnehin an der Schule laufen, entsprechend zu bündeln und in die Projektwoche hinein zu verlegen", sagt Schulleiterin Renate Leive. So gebe es in der Unterstufe Exkursionen, bei denen Schüler Gewässer untersuchen oder auf eine Wiese gehen, um Pflanzen zu bestimmen. "Solche Dinge könnte man in die Projektwoche zu einem gewissen Grad mit einbeziehen." Zudem kann Leive sich vorstellen, das Planspiel Börse auszuweiten. Bisher beschäftigten sich nur einzelne Schüler mit dem Aktienhandel. Künftig könnte das Planspiel dann auf eine komplette Jahrgangsstufe ausgeweitet werden.

"Es ist nicht einfach"

Grundsätzlich hält sie die Idee des Ministeriums für keinen schlechten Ansatz. "Die Problematik in den letzten Jahren - wenn nicht gar im letzten Jahrzehnt - ist allerdings, dass die Schulen immer wieder zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen, ohne dass sie ihre Kernaufgabe vernachlässigen sollen", gibt neben Schrödel auch Leive zu bedenken. "Letztlich schaffen wir es auch. Aber es ist nicht einfach."

Roland Härtel kann die BLLV-Kritik nur bedingt nachvollziehen. Es handele sich mit der Projektwoche nicht um einen Schnellschuss, der sofort umzusetzen sei, sondern erst im kommenden Schuljahr. Der BLLV vermische die Kritik an den Maßnahmen gegen den Lehrermangel mit der Kritik an der Projektwoche. Nach den ihm vorliegenden Informationen des Kultusministeriums werden derzeit Beispiele und Materialien für den Unterricht aufgearbeitet. Später sollen sie den Schulen dann zur Verfügung gestellt werden. "Also ist es ja jetzt nicht so, dass die Schulen allein gelassen werden."

Aus dem Schulfach wird eine Projektwoche

Diskussion: Was nun als Projektwoche "Alltagskompetenz und Lebensökonomie" an die Grund- und weiterführenden Schulen im Landkreis kommt, war einige Zeit sogar als eigenes Schulfach angedacht. Das hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zumindest angekündigt, als das Volksbegehren "Rettet die Bienen" umgesetzt wurde. Kultusminister Michael Piazolo (FW) teilte vergangene Woche jedoch mit, dass sich die Staatsregierung nach langen Diskussionen dagegen entschieden habe. Es solle vielmehr auf flexible Projekte gesetzt werden.

Konzept: Erkennbar tauchte das Konzept, das hinter der Projektwoche steckt, übrigens 2013 auf der politischen Landkarte auf. Damals sammelte eine Initiative der Landfrauen in Bayern mehr als 94 000 Unterschriften, damit im Schulunterricht auch thematisiert wird, wie Lebensmittel erzeugt werden, wie man sich gesund ernährt oder wie eine nachhaltige Lebensführung aussieht.

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